Die Eierschlange und der Affe

Mein Freund liebt Witze. Vor allem solche, mit denen er den oft eigenwilligen Charakter seiner Freunde liebevoll aufs Korn nehmen kann. Leider weiß ich selbst nicht einen einzigen oder vergesse ihn, kaum, dass ich ihn gehört habe, selbst wenn ich ihn überaus lustig finde, was selten genug vorkommt. Schade, denn auch er hat einen eigenwilligen Charakter und ich würde mich gerne revanchieren.

Dabei ist es gar kein Witz. Es ist eine Szene aus einem Tierfilm, der von der afrikanischen Eierschlange handelt. Er erzählt sie immer wieder, bei fast jedem Treffen. Das heißt ein oder zwei Mal pro Jahr, da wir sehr entfernt voneinander leben. Eigentlich sollte ich beleidigt sein. Da ich ihn aber seit Kindertagen kenne, und es ihm sichtlich ein schadenfrohes Vergnügen bereitet, mich damit aufzuziehen, spiele ich mit und tue so, als hörte ich den Witz zum ersten Mal.

Also, die afrikanische Eierschlange ist ein besonderes Tier, beginnt mein Freund. Er erzählt mir die als Witz gedachte Geschichte wie einem Kind, das nach ihr verlangt und keine Änderungen zulässt.

Die Eierschlange ist von der Natur mit der Fähigkeit ausgestattet worden, Eier, die um Vielfaches größer sind als ihr Kopf, zu verschlingen, indem sie den unteren Kiefer aushängt. Sie ist absolut ungefährlich, möchte aber von ihren Feinden als gefährlich angesehen werden. Diese Mimikry gelingt ihr auch. Selbst Elefanten nehmen reiß aus, wenn sie ihr über den Weg laufen. Sie hat nämlich auf ihrem Unterkiefer furchterregende Giftzähne aufgemalt.  Außerdem kann sie mit den Ringen ihrer Haut wie mit hundert Ketten rasseln. Diese wehrlose und nachtaktive Kreatur liebt es, sich tagsüber unter Steinen zu verstecken, die die Sonne ofenwarm gemacht hat.

Und? frage ich an dieser Stelle, die er dramaturgisch für eine Pause nützt, um mich, seinen geduldigen Hörer neugierig zu machen. Ich frage das, weil es bis jetzt weder ein Witz noch eine Geschichte und noch viel weniger eine als Witz getarnte Geschichte ist, sondern nur die Beschreibung einer in Afrika heimischen Schlange, die zur Gattung der Nattern gehört. Falls es ein Witz sein sollte, fehlt ihm die Pointe und wenn es eine Geschichte werden soll, die Handlung.

Geduld, sagt er dann. Geduld. Nicht, dass du glaubst, ich will Frauen mit Eierschlangen vergleichen. Trotzdem ist keine so harmlos, wie sie tut. Ich habe so meine Erfahrungen gemacht und aus ihnen gelernt. Du nicht. Aber zurück zur Geschichte. Ein Affe kommt vorbei; er ist auf Nahrungssuche, hebt den Stein auf, sieht die Eierschlange und fällt in Ohnmacht. Irgendwann erwacht er wieder, steht auf, sieht den Stein, hebt ihn auf, sieht die Eierschlange und fällt in Ohnmacht. Das wiederholt sich so oft, dass man am Verstand des Primaten zweifelt und sich dafür geniert, dass wir von ihm abstammen sollen.

Das sitzt jedes Mal. Er will mich nämlich darauf aufmerksam machen, dass er den Fehler geheiratet zu haben, nicht noch einmal wiederholt hat. Im Gegensatz zu mir, der es immer wieder wissen wollte und wiederholt gescheitert ist.