wer lachtDas Auditorium war brechend voll; viele hatten auf den Stufen zwischen den Stuhlreihen Platz genommen, um dem Vortrag eines Mannes zu lauschen, dem es gelungen war, das Logbuch zu entschlüsseln; nicht alles, da ein Teil der Aufzeichnungen zerstört war. Es war neben einem bläulich schimmernden Diamanten im Innern einer flaschenförmigen Kapsel oder Sonde entdeckt worden…

„Das Logbuch beschreibt das Abenteuer eines Wesens, das sich den Gezeitenströmungen der sieben Meere ausgesetzt hatte. Wir müssen uns also mit dem begnügen, was wir retten und entziffern konnten. Noch etwas Vorweg:  Gleich wird ein ICH zu ihnen sprechen, das trotz der Jahrtausende, die uns von ihm trennen, wie eine Zeitgenossin klingt; ich wähle bewusst die weibliche Form, um mir nicht den Vorwurf einzuhandeln, als Linguistiker nicht die geschlechtersensible Sprache zu verwenden. Es ist ja durchaus vorstellbar, dass diese Reise von einer Frau unternommen worden ist. Aber sprechen wir lieber von einem zur Sprache fähigen Wesen, das sich mitteilen wollte. Aber ich schweife ab…“

Er nahm einen Schluck aus dem Schlauch mit Mundaufsatz, der über einen auf dem Rücken angebrachten Flüssigkeitsbehälter mit einem Bügel hinter dem rechten Ohr angebracht war; dann zitierte er aus dem von ihm übersetzten Logbuch:

„…Der Proviant war zur Neige gegangen; Zehen-, Fingernägel und Haare schon so gewachsen, dass gelangweiltes Nasenbohren einer Selbstverstümmelung gleichgekommen wäre. Ich konnte nur hoffen, dass sich die Haare nicht um meinen Hals wickeln. Ich war in der Lage zwischen vielen Todesarten zu wählen, von denen Ertrinken und Ersticken nicht die erstbesten waren…

Am Anfang ging noch alles glatt. Ich hatte zwar durch die Taufe der Flasche nach dem Aufprall mit dem Meer mein Gehör eingebüßt, war aber dann damit zufrieden, dass die Flasche nicht gleich auf den Grund gesunken ist. Sie wurde bald von einer Strömung erfasst und tanzte auf ihren Wirbeln, doch ich wusste, dass Flaschenpost etwa 14 Stunden für nur eine Drehung braucht. Einige scheren nach Süden aus, andere nach Osten. Oft sammelt sich stinkender Seetang in ihrer Mitte. Viele Flaschen enden in solch einem Strudel mitten im Meer. Nie noch war eine so überdimensional große Flasche in diesen Gewässern unterwegs gewesen. Ich konnte sie nicht steuern, nur hoffen, dass sie in der Strömung bleibt. Dies aber war leider nicht der Fall. Ich hatte mich auf ein Drittel silurischer Zeit eingerichtet, dann aber steckte ich über den Zeitraum von fünf Blutmonden im Mündungsdelta eines mir unbekannten Stromes fest…

Die Flasche war gut ausgepolstert und so getrimmt, dass sie sich eigentlich nie hätte um sich selbst drehen dürfen. Das tat sie auch nicht bis auf die wenigen Male, in denen ich mir vorkam wie beim Schleudervorgang in der Trommel einer Waschmaschine. Sie war aus einem bruchsicheren Glas. So konnte ich die Wunderwelt der ozeanischen Tiefen bestaunen oder von den Tieren begutachtet werden, die in ihnen wohnen… Sie weisen, zumindest, was die Atmung durch Kiemen betrifft, große Ähnlichkeit mit unserer Spezies auf, obwohl wir nicht im Wasser leben. Sie dürften mich als Nahrung betrachtet haben, an die sie aber nicht herankommen konnten, so sehr sie sich auch anstrengten.

Eben wurde die Flasche mit mir, seinem Inhalt, von einem Wesen angegriffen, das mich – aus der Nacht der Zeiten kommend – zuerst ausdruckslos angestiert hat, dann den mit scharfen Zähnen bewaffneten Rachen aufriss und mich samt Flasche verschlang. Das erste Mal erfasste mich ungeheure Panik, obwohl ich wusste, dass es nur die Angst sein könne, die mich umbringt. Es war diese absolute Dunkelheit, die sie ausgelöst hat. Nachdem es mir aber gelungen war, meinen Herzschlag mit seinem zu synchronisieren, beruhigte ich mich, und kaum hatte ich mich beruhigt, hatte mich dieses Ungeheuer auch schon wieder ausgespuckt. Als ich aber feststellen musste, dass wir an den Rand eines tosenden Mahlstroms geraten waren, der uns jeden Augenblick in sein Auge blicken und mit ihm den Tod sehen lassen würde, überkam mich eine seltsame Gleichmut oder Gleichgültigkeit. Dem Tod entkommen, hatte ich ihn ja immer vor Augen…“

Der Vortragende nahm die Brille ab, rieb sich die Augen, setzte sie wieder auf:

„Sein Abenteuer, das dieses geschlechtlose ICH auf seiner Reise mit der Flasche sich selbst als Botschaft anvertraut hatte, ist ein großartiges Beispiel von Straucheln und sich Wiederaufrichten, und diese Bewegungsabfolge, die wir aus heutiger Sicht als ein Scheitern sehen, das niemals aufgibt, ist und war Inbegriff des Heldischen.

Die mannsgroße Flasche hat – wie sie sehen können – (das rote Punktlicht eines Laserpointers irrte über die Leinwand) – ein Etikett. Nicht zu entziffern; geschrieben in einer Schrift, die niemand zu lesen vermag; einmal, weil das Salz der sieben Meere sie ausgewaschen hatte, zum anderen, weil es Buchstaben waren, die keiner der je auf der Erde existierenden Schriften zugeordnet werden konnte.

Ein gewisser Adam, Fischer einer hoch im Norden gelegenen Insel, hatte die Flasche zwischen Muscheln und Schlick gefunden. Nur der riesige Hals, der mit einem Pfropfen luft- und wasserdicht verschlossen war, ragte aus dem schwarzen Sand der vulkanischen Insel. Ich werde ihnen, hochverehrtes Publikum, nun die Aussage des Fischers vorspielen, die ich damals auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz vor Journalisten, die aus allen Ländern angereist waren, aufgenommen habe:

Erst hab‘ ich gedacht, es ist mal wieder Müll, wie er leider oft hier angespült wird“, sagte er; „aber als ich sah, dass es eine Flasche war, so groß, dass ich in ihr Platz nehmen hätte können, – ich habe sie mit bloßen Händen ausgegraben -, wusste ich, dass ich einen unglaublichen Fund gemacht hatte. Ich war so aufgeregt, dass ich beinahe auf die Flut vergessen habe, die sie wieder weggespült hätte. Ich bin zu meinem Boot gelaufen, habe ein Ruder geholt, es wie einen Hebel angesetzt und so die Flasche über den Sand dorthin gerollt, wo die Flut nicht mehr hinkommt. Dann habe ich meinen Bruder angerufen. Es hat nicht viel gefehlt und wir hätten sie mit Steinen zertrümmert, um an ihren Inhalt, an den Schatz zu kommen, den wir drinnen vermutet haben.

So hat es der Fischer Adam E. berichtet, – und ohne zu ahnen, welchen Frevel sie damit begangen hätten -, gewissermaßen gestanden.

Seit dem Fund einer 20 m hohen Statue aus verglastem Sandstein, die auf sagenhafte 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung datiert und bei Bauarbeiten in einer Lehmgrube gefunden worden war, ist keine Sensation größer als diese an den Strand einer verlorenen Insel gespülten Flasche gewesen.

Heerscharen von Experten haben sich Jahre bemüht“, fuhr er fort, „Etikett wie Inhalt der kryptischen Zeichen zu entziffern, die auch im Inneren der Flasche gefunden wurden. Materialprüfungen ergaben, dass es eine interstellare Sonde in Flaschenform gewesen sein muss, die beim Eintritt in die Erdatmosphäre und dem Aufprall im Meer keinen Schaden genommen hat. Ein bläulicher Diamant aus der Kapsel, Sonde oder Flasche aber – alle Bezeichnungen scheinen gleich gültig – lassen die ungeheure Vermutung zu, dass sie von einem Menschen gelenkt oder zumindest bewohnt gewesen sein muss. Jeder Mensch ist ja nicht zuletzt aufgrund von unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Umwelteinflüssen einzigartig; das bestätigt ein Unternehmen, das sich auf Erinnerungs-diamanten aus Kremationsasche spezialisiert hat. Diese Lebens-gewohnheiten – so ist auf der Internetplattform des Unternehmens zu lesen – beeinflussen messbar die chemische Zusammensetzung der Asche. Daher – ich zitiere noch immer – erstrahlt sie einmal in weißer, das andere Mal in bläulicher Farbe – es gibt keine zwei gleichen Steine. So wie auch der Mensch in seinem Leben einzigartig gewesen ist…“

Am Ende seines Vortrages signierte er das Buch, das über Nacht zu einem Megabestseller geworden war; die Verkaufszahlen schossen noch immer – Monate nach Erscheinen des Buches – durch die Decke.  Auch wurde das Gerücht gestreut, dass sich die Filmindustrie des Stoffes schon angenommen hätte. Das urnenförmige Gefäß, das die zu einem Diamanten kremierte Kosmonautin geborgen haben soll, zierte das Cover. Von weniger seriösen als auf Quoten bedachten Medien wurde die Hoffnung genährt, dass der Prozess der Kremierung vielleicht umgekehrt werden könne. Jedenfalls war das bläulich schimmernde Flaschenpostgetränk in aller Munde und stand weltweit in den Regalen der Supermärkte. Das börsennotierte Unternehmen konnte unglaubliche Gewinne an seine Aktionäre ausschütten. Gewinne, die sich noch einmal verdoppelten, nachdem das Wasser privatisiert wurde, um der enormen Nachfrage nach dem Getränk nachzukommen.

Der Hype um die Flasche hätte allerdings bald ein jähes Ende gefunden. Recherchen eines Journalisten, der sich undercover in das Unternehmen eingeschlichen hatte, ergaben nämlich, dass die ganze Geschichte die pure Erfindung eines angestellten Werbefachmanns war, dessen Aufgabe darin bestanden hatte, ein neues Getränk über crossmediales Storytelling auf den Markt zu bringen. Das aber löste wiederum einen Shitstorm gegen die Zeitung aus, die mit der Schlagzeile „Flaschenpostfakenews“ auf die Machenschaften des Konzerns hinweisen wollte. Die Menschen wollten glauben. Wer mit Fakten zu überzeugen versuchte, galt als „Feind des Volkes“. Selbst als eine unabhängige Kommission die chemische Zusammensetzung des Getränkes prüfen ließ und sich herausstellte, dass es ein Halluzinogen enthielt, das Menschen veranlasst, an alternative Fakten zu glauben und Wahrheit nicht gleich Wahrheit sei, war es keineswegs der Konzern, sondern die Kommission, die einen Imageschaden erlitt. Das bekamen auch der Journalist und mit ihm seine Zeitung zu spüren. Als sie dem Druck nicht nachgeben und keinen Widerruf veröffentlichen wollten, ging das Gebäude in Flammen auf. Die polizeilichen Erhebungen liefen ins Leere. Als sich auch noch der Präsident des Landes via Twitter zu Wort meldete und davon sprach, dass sowohl die Linken als auch die Rechten schuld an der Eskalation seien, das gesunde Volksempfinden aber als Maßstab des Rechtes zu gelten habe, war das Land vollends gespalten, und es wäre beinahe zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen auf den Straßen der großen Städte gekommen, wenn der Autor dieser Zeilen nicht rechtzeitig eingegriffen und dem Spuk ein Ende bereitet hätte, indem er die Geschichte nicht fortschrieb, sondern einen vorläufigen Schlussstrich mit drei Punkten setzte…