Es regnet in Strömen. Wir müssen warten, bis die Marschrutka voll ist. Dann verlassen wir Mestia auf dem Weg, den wir gekommen sind. Der Himmel klart auf. Der1977 fertiggestellte Enguri-Staudamm, – einer der ganz großen weltweit -, führt 30 km entlang der Straße nach Zugdidi. Der Strom, der durch den Damm erzeugt wird, deckt fast die Hälfte des georgischen Bedarfes. Die Svanen kriegen ihn kostenfrei ins Haus. Auch das abtrünnige Abchasien, das auf der anderen Seite liegt, bezieht aus ihm Strom und verwaltet ihn gemeinsam mit Georgien.

In Zugdidi wechseln wir die Marschrutka und rasen in einem Höllentempo nach Kutaisi, der Stadt im Herzen der goldenen Kolchis. Dort wollen wir übernachten. Wir haben ein Guesthouse in der Nähe des Zentrums gefunden. Das Zentrum ist ein Roundabout, den ein kitschiger Springbrunnen mit goldenen Widdern ziert. Ganz oben thront die überdimensionale und maßstabgetreue Nachbildung zweier gezäumter Pferde, wie wir sie als Original im Nationalmuseum von Tiflis gesehen haben. Gleich dahinter ein MacDonald`s. Wir durchstreifen das ehemalig jüdische Viertel, dessen Häuser zum größten Teil verwaist und schon halb zerfallen sind und entdecken – angezogen von einem polyphonen Männergesang – eine alte Kirche.

 

Kirchen sind in den glutheißen Sommern Georgiens schon deshalb magische Orte, weil sie Abkühlung und in den lärmenden Städten Stille versprechen. Außer der leider kaputt sanierten Bagratikirche, die aus dem 10. Jhdt. stammt, später von den Osmanen in die Luft gesprengt, dann aber nach der Unabhängigkeit wieder errichtet worden ist, gibt es in Kutaisi wenig zu sehen. Ihr angeblicher Charme erschließt sich uns nicht. Die Nacht war furchtbar und am Morgen waren wir froh, mit einer Marschrutka wieder auf dem Weg nach Tbilisi zu sein. Hitze, Lärm und Hektik hatten uns wieder. Vom Minibusbahnhof ging es leider nicht weiter ins 130 km entfernte Telavi. Auf dem Weg zur Metro hielt uns ein Mann auf und fragte, wohin wir denn wollten. Er hätte die dreifache Summe verlangen können: Wir wären den Deal eingegangen. Nicht noch einmal zusammengepfercht in stickiger Luft einem Fahrer ausgeliefert sein, der alle Augenblicke mit einer Hand telefoniert und Fahrgeld abzählt, während er mit der andern ein Fahrzeug lenkt, das auf keiner Straße in Westeuropa zugelassen wäre. Der Mann hat sich angeboten, uns nach Telavi und dort sogar vor die Haustüre des schon im Voraus gebuchten Gästehauses zu bringen. Er fährt – wie viele in Georgien – einen Nissan, der das Steuer rechts hat, was das Überholen zu Kamikazeaktionen macht und uns trotz Air-Condition den Angstschweiß aus den Poren treibt. Der Zeiger auf dem Navi irrlichtert durch eine Stadt, während wir schnurgeradeaus fahren und eine Frauenstimme in hohem Singsang macht ihn so nervös, dass er immer wieder auf die Tasten hämmert, um sie zum Schweigen zu bringen. Er erklärt uns, dass der Plan auf dem Schirm der Stadtplan von Tokio sei und die Stimme japanisch, das Navi sich aber nur manchmal ausschalten ließe, wenn er aus Zufall  die richtigen Knöpfe drücke. Es scheint mit dem Auto nicht sehr vertraut zu sein. Er fährt zu langsam, zu vorsichtig. Wie einer, der eben den Führerschein gemacht hat, aber er bringt uns unfallfrei bis vor die Tür.

Mit Omsihaus hatten wir – ohne es zu wissen – eine gute Wahl getroffen. Wir werden von einem jungen Mann empfangen. Unser Zimmer geht auf eine Terrasse hinaus, die den Blick von oben auf die grüne Tiefebene Kachetiens frei gibt und nur von den Bergen des Kleinen Kaukasus begrenzt wird. Dahinter liegen Russland und die Länder Asiens, die auf –jan oder -stan enden.

Der Besitzer des Gästehauses in Telavi, dessen Großvater ein Klassenkamerad von Josef Dschugaschwili war, der sich 1912 „Stalin“ – der „Stählerne“, nannte, meinte auf meine Frage, wie er heute gesehen werde – ich habe es auf Band und transkribiere -: „Weißt du, viele aus der älteren Generation halten noch nostalgisch an ihm fest und verklären die Zeit. Es waren immerhin 300.000 Georgier, die im „Großen Vaterländischen Krieg“ für ein freies Europa gefallen sind. Und Stalin war ihr Woschd, ihr Führer…“ Ich stehe im Stiegenhaus unseres Gästehauses – im Haus wohnen noch immer drei Generationen unter einem Dach – und betrachte das Gruppenfoto, auf dem in er hintersten Reihe Dschugaschwili als Bub zu sehen ist. Lange stehe ich davor und frage mich, wie es möglich ist, dass dieser Verbrecher und Mörder ebenso wie Hitler und Mao noch immer Menschen findet, die ihn und die anderen zwei, die mit ihm ex aequo das gruselige Ranking im 20igsten Jahrhundert anführen, geradezu verehren.

Davit hat uns vorgeschlagen, in den nächsten drei Tagen mit ihm kleine Ausflüge zu unternehmen, um in die Geschichte der Gegend im Südosten Georgiens einzutauchen, durch die schon seit Jahrhunderten einige Routen der Seidenstraße vom Westen in den Osten bis nach China und von dort zurückführten. Wir werden neben Kirchen und Klöstern, die bis auf die Christianisierung durch die heilige Nino 337 n.Chr. zurück gehen, auch die großen Kellereien aufsuchen, deren Weine mittlerweile zu Recht in der ganzen Welt berühmt sind; hier nämlich wurde schon vor 8000 Jahren der Rebensaft erfunden, der das Neolithikum mit der Antike und die Antike mit dem Heute und seit dem 4. Jhdt. auch mit der Kirche (Weinkreuz) verbindet.

Wo immer wir Kirchen betraten – ich musste mir eine Schürze umbinden oder mir wurde eine lange Hose ausgehändigt – sah ich alte, schwarz gekleidete Frauen, die unermüdlich mit dem Besen die ‚Steinfliesen säuberten, betend vor Ikonen standen, die sie anschließend küssten, während ein Pope Rundgänge unternahm und ihnen, die sich demutsvoll vor ihnen verbeugten, die Hand auflegte. Wenn wir in eine gerade stattfindende Messe gerieten, stammte der polyphone Gesang, der einem unter die Haut geht, ausschließlich von Männern.

Etwa 10 % der Bevölkerung sind Muslime, knapp 4 % gehören zu verschiedenen christlichen Konfessionen wie der Armenisch-Apostolischen oder Armenisch-Katholischen Kirche oder den Zeugen Jehovas. Wie alle anderen Kirchen und Religionen so ist es auch in Georgien die  orthodoxe Kirche, die vielen Menschen Halt und Orientierung gibt, gleichzeitig aber an einem antiquierten Weltbild festhält, das vor allem die patriarchalisch organisierte Gesellschaft nicht infragestellt. Ihr Patriarch hatte noch vor wenigen Jahren die Einrichtung einer Monarchie angeregt; natürlich bremst sie die Emanzipierungs-bestrebungen der Frauen und ließ als Staatskirche im Verfassungsrang und Steuerfreiheit genießend – d.h. in symbiotischer Beziehung zur Politik – immer wieder Übergriffe auf religiöse Minderheiten zu; zumindest bis 2004 war Georgien auf der Liste derjenigen Länder, in denen zB. Religionsfreiheit am wenigsten gewährleistet wird. Tiefpunkt war eine Hatz auf Homosexuelle im Zentrum von Tiflis 2013, angeführt von Priestern. Neuerdings soll Geschichte der Religion als neues Unterrichtsfach wieder eingeführt werden. So wie die Russisch orthodoxe Kirche Partei ist und im territorialen Konflikt um Abchasien und Südossetien für die militärische Intervention Putins Partei nahm, brachte sich auch die orthodoxe Bruderkirche Georgiens in Stellung. So feiert die in der Sowjetzeit beinahe ausradierte Macht der Kirchen und Klöster beider Länder eine Wiederauferstehung.

Es ist nur schwer möglich, sich dem beinahe mystischen Flair dieser Kirchen zu entziehen, wenn aus dem Loch in der Kuppel die Sonne sich ihren Weg ins Innere bahnt, die wandhohen Fresken aus dem Dunkel ins Licht holt und mit dem Gold in den Farben der Ikonen spielt, auf denen Frauen und Männer mit übergroßen Augen in eine Zukunft schauen, die schon immer Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig war.

Die Alaverdikirche mit der 50 m hohen Kuppel gehört zu diesen mystischen Kirchen. Sie gehört zu einem im 6.Jhdt. gegründeten Kloster, einem mit Feldsteinmauern umgürteten, mit Refektorium, Glockenturm, Wohnhäusern und Sommerpalast für die Könige Kachetiens ausgestatteten Komplex, der – eingebettet in grüne Flusstäler und im Hintergrund beschützt durch das Kaukasusgebirge – in ganz Georgien seinesgleichen sucht.  Hier begreifen wir, dass es der windschützende Einfluss dieser Gebirgskette war und ist, der den Boden für den Weinanbau schon in grauer Vorzeit vorbereitet und begünstigt hat.

Mit der schwermütigen Musik von Niaz Diasamidze, die Davit in das CD-fach seines Autos eingelegt hat, nähern wir uns Gremi, der mittelalterlichen Hauptstadt des von König Levan regierten Kachetiens. Eben als die Musik ihren dramatischen Höhepunkt erreicht, sehen wir die auf einem Berg errichtete Burg. Unten – zu ihren Füßen – soll es eine blühende Stadt mit über 100 000 Einwohnern gegeben haben; Gremi: Kreuzungspunkt einer der Handelsrouten in den Osten; mit Karawanserei und orientalischem Bad; mit einem langen Fluchttunnel, das von der Burg in die Stadt führte, mit Stallungen für die Pferde und Kamele der Händler und Weinkellereien. Im 17. Jhdt. wurde die Stadt von den Persern dem Erdboden gleichgemacht und der neue Sitz der Könige Kachetiens nach der Burg in Telavi verlegt, von der heute noch die wuchtigen Mauern stehen. Der vierstöckige Palast des Königs hat einen Raum, der uns am meisten beeindruckte: Das königliche Klo. Aber urteile selbst. Was für ein Luxus. Und das im 16. Jhdt.

Nach einem ausgiebigen und reichhaltigen Frühstück, das von der Mutter und Großmutter Davits für die Gäste zubereitet wird, machen wir uns auf den Weg nach Shighnagi. Noch eine mittelalterliche Stadt, die leider durch die Überrestaurierung ihren einstigen Charme eingebüßt hat, aber durch sein Ambiente zum Hotspot nicht nur für Brautpaare, sondern auch für Touristen geworden ist. Zum Kaffee bekommen wir zwei eingelegte Kastanien. Da wir auf der Suche nach Souvenirs sind, fragen wir, ob sie diese auch in Gläsern abgefüllt hätten. Als wir zahlen wollen, wird uns erklärt, dass dies ein Geschenk sei. Die vielgerühmte georgische Gastfreundschaft. Kein Werbeschmäh. Es gibt sie tatsächlich.

Es ist Sonntag und Davit hat seine junge Frau mitgenommen, die als Lektorin in Tiflis arbeitet. Wir gehen ein Stück auf der im 18.Jhdt. gebauten Stadtmauer, die 4,5 km lang ist, besuchen die Türme, die Burgruine. Plötzlich braust ein Pulk von Go-kartfahrern – hauptsächlich Chinesen – durch die mittelalterliche Gasse mit dem Kopfsteinpflaster und verursachen einen Höllenlärm. Mit der Beschaulichkeit und Sonntagsruhe ist es dahin. Sie drehen Runden um den Hauptplatz. Wir flüchten ins nahegelegene Bodbe, dem Ursprungsort der georgischen Christianisierung durch die heilige Nino, die hiergewirkt und gelebt hat und ihr Grab fand. Hier ist es friedlich und ruhig und wir genießen die wunderschöne Aussicht auf das grüne Alzarital. Das Kloster mit seiner Kirche wurde – wie die meisten – in der Sowjetzeit zerstört und geplündert. Dann von privaten Spendern wiederaufgebaut. Es ist vor allem seine Lage, die es zu einem touristischen Highlight in der Region macht. Kaum zu glauben, was alles im Umkreis von 50 km von Telavi zu sehen und zu bestaunen ist.

Noch aber fehlen die Weinbaubetriebe, Tsinandali und das Höhlenkloster von Davit Gareja.