tbilisi (220)Ratlos schauen wir auf die Anschlagtafel im Wartesaal des Bahnhofs, wo uns ein Schnellzug nach Zugdidi bringen soll. Die Fahrkarten hatten wir für einen beinahe lächerlichen Preis im Internet gebucht. 16 Lari für eine Strecke von 350 km. Das sind umgerechnet nicht einmal 6€ pro Person. Aber wie sollen wir feststellen, ob es mit Abfahrt und Bestimmungsort seine Ordnung hat? Es erinnert uns an China. In den eher ländlichen Gegenden war dort nichts mehr zu entziffern. Auch hier: Alles in der georgischen Schrift angeschrieben. Erlösung. Die Schalttafel wechselt und wir können Bestimmungsort und Bahnsteig in lateinischer Schrift ablesen.

zigarettenEs gibt wenige Wörter, die ich mittlerweile ohne Schwierigkeiten aussprechen kann, aber ich habe mir geschworen, diesen kleinen Wortschatz für unsere nächste Reise in dieses wunderschöne Land, zu erweitern. Auch die ornamentale Schrift, die eher wie eine Häckelanleitung für ein Strickmuster ausschaut: eine links, die zweite rechts, wie eine Freundin ein Foto dieser Tafel kommentiert hat, wird zu erlernen sein. Manche Schriftzeichen können ohne Hilfe übersetzt werden, wie zB. die im schwarz umrandeten Feld einer Zigarettenschachtel: RAUCHEN TÖTET ! Auch in Georgien.

zugdidi (9)Der Zug ist pünktlich. Die Sitze sind bequem. Vor und neben uns georgische Familien mit ihren Kindern. Es soll sogar zweistöckige Speedtrains geben.  Der Speed hält sich aber in Grenzen. Wir brauchen fast 6 Stunden für die Strecke. Zugdidi ist kein Kopfbahnhof. Oder doch? Vielleicht geht es hier weiter nach Batumi zum Schwarzen Meer. Ich weiß es nicht; es schaut nach deadend aus. Das signalisiert schon der ziemlich herunter- gekommene Bahnhof.

zugdidi_sue (11).jpgVor dem Bahnhof, der von außen sogar sehr ansehnlich ausschaut, stehen Marschrutkas; Minibusse, die weder von Schlaglöchern, von fehlendem Asphalt oder Staus in den Straßen von Georgien aufgehalten werden können; sie werden wohl eine schnelle Flucht möglich machen, denken wir uns, nachdem wir den Bahnhof gesehen haben. Für die Marschrutkas gibt es kinen festen Fahrplan. Zu entlegeneren Strecken fahren sie, wenn der Bus voll ist. Oder sie lesen die Fahrgäste auf dem Weg auf. Das erfordert Geduld. Viel Geduld.

Zuerst aber suchen wir die Unterkunft in der Stalinstraße, draußen am Stadtrand, wenn Zugdidi überhaupt den Status einer Stadt hat. Ein Provinznest mit Ostblockcharme ist es eher. Kein Ort, der zum Bleiben einlädt. Außer einer Bandstraße wie im Wilden Westen, eine breite von Platanen gesäumte Avenida, die pfeilgerade die Stadt durchquert, sonst nur im Nichts endende Straßen, die in Feldwege münden, wo sich Hunde Gute Nacht sagen. Die meisten humpeln, weil sie angefahren worden sind. Vom Zerfall bedrohte Häuser, Kühe, die am Straßenrand weiden. Eine im Bau befindliche orthodoxe Kirche mitten im Nirgendwo. Ein Rohbau noch aus purem Beton. Die Kirche scheint das Geld zu haben, das für die Instandhaltung der öffentlichen Gebäude fehlt.

zugdidi_sue (22)Am Abend suchen wir ein Lokal zum Essen, finden aber zuerst nur Friseure. Also lass ich mir die Haare schneiden. Dazu braucht es nicht vieler Worte, aber Vertrauen, wenn nicht sogar Mut. Der wurde nicht oft belohnt. Im Gegenteil. Nach Haarschnitten im Ausland musste ich oft monatelang mit einer Kopfbedeckung auf die Straße, um das Ergebnis dieser Dienstleistung zu verbergen. Ich deute mit dem Abstand zwischen zwei Fingern an, wie viel meiner Haarpracht der Schere zum Opfer fallen darf, und hoffe, dass die angegebene Länge eingehalten wird.

Das Unternehmen war erfolgreich, das andere weniger. Noch immer quält uns der Hunger. Endlich finden wir ein Lokal. Die Karte aber ist nur für Einheimische zu lesen. Selbst die auf eine Serviette gemalten Pilze, Tomaten und Gurken, nicht einmal die Kinkalis werden als solche erkannt oder gibt es ganz einfach nicht. Wie ein Hendl gackern oder ein Schaf blöcken wollte ich nicht. So groß war der Hunger doch nicht. Wir geben auf. In der Not tut`s auch ein McDonald, in dem sich die Jugend des Städtchens ein Stelldichein gibt.

zugdidi (3)In der Unterkunft war an Schlaf nicht zu denken – das angrenzende Zimmer hatte vermutlich eine Wand aus Karton; zuerst dachten wir an einen heftigen Streit zwischen einem russisch sprechenden Ehepaar. Erst als Musik einsetzte, wussten wir, dass es ein russischer Kanal war, dessen Soaps sich unser Nachbar bis in die Morgenstunden in voller Lautstärke reinzog. Unser wütendes Hämmern half nichts. Nicht wirklich ausgeruht also stehen wir nach kurzem Frühstück wieder am Busbahnhof. Wir wollen der Hitze entkommen und ins alpine Svanetien, nach Mestia, um von dort aus das eigentliche Ziel unserer Reise zu erreichen. Wie die „Wolkenkratzer“ der Yaroswilcas auf 5000 m im fernen Peru, sind es die fast zur gleichen Zeit entstandenen Wehrtürme der Svanen, die mich/uns (meiner Lebensgefährtin hatten es mehr die Art-Deco Villen in Tilfis angetan) nach Georgien gelockt haben.

zugdidi_sue (25)Der Fahrer der Marschrutka meint, dass wir in etwa einer Stunde losfahren würden. Wir verstauen also unsre Rucksäcke im Gepäckraum und suchen im Wageninneren Zuflucht vor der auch hier brüllenden Sonne. Wir schauen einem Rudel Hunde zu, die ziemlich aggressiv ihr Revier gegen abgemagerte Kühe verteidigen, die auf einem kleinen Rasenstreifen zu weiden versuchen. Aus einer Stunde werden zwei. Ein anderer Fahrgast, ein etwas älterer Herr mit einer Krücke lädt mich auf ein Bier ein. Mit Händen und Füßen versuchen wir uns gegenseitig verständlich zu machen. Immerhin weiß ich jetzt, dass er mein Alter hat und 6 Kinder. Damit aber hat sich die Kommunikation erschöpft. Leider ist das Bier warm und schmeckt furchtbar. Aber es ist ein Geschenk und beweist die Gastfreundschaft der Leute hier und überall in Georgien. Kaum ausgetrunken, verschwindet er und kommt mit einer neuen Flasche, die er mir stumm in die Hand drückt.

Mittlerweile sind mehr als drei Stunden vergangen. Da hätten wir schon in Mestia sein können. Wir fragen Chauffeure von Privattaxis und erhandeln einen vernünftigen Preis. 130 Lari von Zugdidi nach Mestia, das in den Bergen liegt. 50 Lari mehr, als wir für die Marschrutka hätten zahlen müssen. Das ist noch immer billig. So billig, dass wir uns fragen, wie sich das rentieren soll. Immerhin muss er ja wieder die gleiche Strecke zurück. Endlich geht es los.

tbilisi (375)Wie bitter habe ich es auf der Reise bereut, zu keinem wie immer gearteten und noch so primitiven Dialog imstande zu sein. Stundenlang sitze ich neben Fahrern, die uns für wenig Geld durch das Land kutschieren und außer madloba/danke kann ich nichts zu einer Unterhaltung beisteuern. Während dieser Fahrten über Land oder auf den Verkehrsstraßen können Studien über Fahrstil und Musikvorlieben der Lenker betrieben werden, denen wir als Fahrgäste ausgeliefert sind; allein die Art das Lenkrad zu halten, verrät viel über seine Persönlichkeit. Das Fahren mit einer Hand zB. zeigt eine entspannte Einstellung, sie kann aber auch eine Suche nach Risiko und Abenteuer bedeuten. Die Hände auf der 16 Uhr 40 Position lassen die Forschheit und das Draufgängertum eines Anführers vermuten. Wir sind nicht nur, was wir essen, sondern auch, wie wir fahren. „Weniger später, mehr Jetzt“ fordert die Werbung. „Nur 2 Stunden Angst und schon sind wir am Ziel. Eine Achterbahnfahrt für nur 40 Lari!“, so könnten manche Taxi- oder Marschrutkafahrer noch mehr Fahrgäste anlocken.  Private Taxis aber schonen ihr Auto so – und wenn es noch so alt ist -, dass sie eher kriechen als fahren und aus angekündigten 2 Stunden schon mal 4 und mehr werden können.

tbilisi (61)Besser man wirft keinen noch so schüchternen Blick auf die Reifen und überlässt sich – wie die andren Fahrgäste ja auch – ganz diesen Helden der Straße, die es schaffen, mit einer Hand zu lenken, mit der anderen das Handy zu bedienen, um sich lautstark brüllend mit Chef oder Schwiegermutter zu unterhalten, und gleichzeitig in einer dritten, nicht vorhandenen Spur als georgische Wiedergänger Ben Hur`s oder Messala`s sportlich diejenigen überholen, die sich mit ihnen messen wollen. Dass sie dabei noch das Fahrgeld abzählen und sich mit Fahrgästen unterhalten, gehört zu den Qualifikationen, mit denen sie es zu einer in unseren Breiten kaum möglichen Meisterschaft gebracht haben.

mestia_museum (10)In der Ortsmitte von Mestia, das in der Saakaschwili-Ära aus dem Dornröschenschlaf geküsst und zu einem touristischen Hotspot auch für Wintergäste geworden ist, werden wir entlassen. Noch habe ich keinen Blick für die Wehrtürme. Das lange Warten in der brütenden Hitze in Zugdidi, das schale Bier, das bedrückende Schweigen, die 4 Stunden Dauerbeschallung mit georgischer Musik – schwere, melancholische Männerchöre, einfache Melodien, die sich ständig wiederholen und mit orchestraler Begleitung ein Ende zu finden hoffen, – haben mir zugesetzt. Vielleicht aber auch der Klimawechsel. Immerhin sind wir jetzt auf 1500 m im Hohen Kaukasus und es ist frisch.
Gästehaus: Mushkudiani Manor

mestia_sue (21)Wir finden das Guesthouse nicht. Zwei Polizisten sind ebenfalls überfordert, obwohl das Dorf nicht einmal 2000 Einwohner hat. Mit einer GPS.Ortung können sie uns endlich die Richtung zeigen, in die wir losmarschieren müssen. Mittlerweile hat es zu regnen begonnen. Im Regen schaut Mestia noch trostloser aus. Nach einigen Umwegen haben wir das Guesthouse Mountain View gefunden. Nur Mushkudiani Manor ist noch stilvoller eingerichtet, das wir auf dem Rückweg von Ushguli aufgesucht haben. Uns erwartet ein renoviertes Bauernhaus mit gewienerten Dielen, ein angenehmer Raum mit Dusche und einer Tür, die ins Freie und einer anderen, die auf die Veranda führt. Noch wissen wir von dem fantastischen Frühstück nichts, das uns am nächsten Morgen erwarten wird. Booking com könnte hier ruhig zumindest 9,5 Punkte von 9,9 zu erreichenden vergeben.

Das Museum in Mestia zeigt beeindruckende Ikonen und von Mönchen im Mittelalter angefertigte,  kunstvolle Bibeln der orthodoxen Kirche in Schrift und Bild.

mestia_sue (8)Der Gastgeber ist ein Mann mittleren Alters, der in der Hauptstadt arbeitet, aber in den Sommermonaten mit seiner Familie ins kühle Mestia zieht, auch, um seine Mutter zu unterstützen, die das Guesthouse nach dem Tod ihres Mannes betreibt und wie so viele damit ihre kleine Rente aufbessert. Auf die vielen russischen Gäste angesprochen, meint er, dass man zwischen dem russischen Volk und der Regierung unterscheiden müsse. Der Verlust von Abchasien und Ossetien sei eine traurige Sache, auch wegen der ethnischen Säuberungen, die dort stattgefunden und ein Heer von beinahe einer halben Million Flüchtlingen geschaffen hätten. Er hoffe auf eine Zeit nach Putin. Wenn wir unseren Nachbarn zeigen können, sagt er mit einem verträumten Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Hohen Kaukasus, die Georgien von Russland im Norden trennen,  dass wir durch unsere Ausrichtung nach Europa im Westen und im Osten nach China bessergestellt sind, dann würden die Nachbarn von selbst wieder zu unserem Land gehören wollen.

Unterkunft: Mushkudianie Manor
Wie gern hätte ich das Gespräch aufgenommen. Leider war die Batterie zu schwach und kein Geschäft so nahe, dass ich es noch einmal versuchen hätte können. Außerdem – so meine Erfahrung – ein einmal geführtes Gespräch kann unmöglich so noch einmal geführt werden. Schade. Wir treffen nur selten auf Einheimische, die Englisch über die Basics hinaus sprechen und sich mit uns austauschen können.

Am nächsten Morgen, ausgeruht und verwöhnt durch ein von der Witwe zubereitetes Frühstück mit Chachapuri, Joghurt, Brot, Spiegeleiern und würzigem Kaffee, brechen wir zum Busbahnhof auf und hoffen, jemanden zu finden, der uns nach Adishi bringt, das mit seinen 2.200 m mit Ushguli zu den zwei höchstgelegenen und noch immer bewohnten Dörfern Europas am Fuß der Gletscher des Hohen Kaukasus in Svanetien gehört.