Unsere Erwartungshaltung – geweckt durch die vielen mit Superlativen gespickten Berichte – war so groß, dass wir nur enttäuscht werden konnten. So dachten wir. Aber nichts dergleichen; abgesehen von der brütenden Hitze, die uns mitten in der Nacht schon am Flughafen wie ein Keulenschlag traf und auch das „nomadische Schweifen“ erschwerte, wie Stephan Warkwitz, ehemaliger Leiter des Goetheinstituts von Tiflis (ტფილისი), seine Streifzüge durch die Stadt poetisch umschrieben hat, wurden unsere Augen nicht müde, diesen unglaublichen Stilmix aus europäischer, maurischer und persischer Architektur – ganz zu schweigen von den städtebaulichen Zeugnissen, die bis in das 5.Jht. zurückreichen-, zu bestaunen, für deren Bandbreite mir leider das Vokabular aus dem Begriffslexikon der Architektur fehlt.

Fotos: Susanne Hammer & Helmut Hostnig
Da es über Tiflis unzählige Seiten im Netz gibt, die seine morbide Schönheit dokumentieren, wollen wir dich – auch auf die Gefahr hin, nichts hinzugefügt zu haben zu dem, was schon in Führern steht oder von anderen Reisenden beschrieben wurde -, auf einen Rundgang mitnehmen, der dir erschließt, warum wir noch nach einer Woche nicht müde wurden, ihr das Rätsel seiner Schönheit entlocken zu wollen.
Schon der Name hätte uns eigentlich auf die Hitze vorbereiten und warnen müssen, leitet er sich doch aus Tbilisi ab, was auf Georgisch so viel wie „warmer Ort oder Ort der warmen Quellen“ bedeutet.

Der von der apostolisch georgischen Kirche heiliggesprochene König Wachtang, dem in der Sowjetzeit ein weithin sichtbares Reiterdenkmal errichtet wurde, (leider war dem ein ganzer Stadtteil mit Altbausubstanz zum Opfer gefallen), hat der Sage nach die Stadt vor 15 Hundertjahren dort errichten lassen, wo ein mit seinen Falken gejagter Fasan – von einem Pfeil getroffen – in ein dampfendes Wasser gefallen und von seinen Wunden geheilt worden sei. Die martialischere Variante dieser Legende, der mehr Glauben zu schenken ist, berichtet, dass er genau dort, „am Steilufer der Kura einen Sieg über seine Feinde errungen und an dieser Stelle ausgerufen habe: Ak me mteri wteche (dt. Hier habe ich den Feind erschlagen)“
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Denkmal_für_König_Wachtang_I._Gorgassali

Noch heute können die heißen Schwefelbäder aufgesucht werden, die mit ihren Kuppeln aus den unterirdischen Quellen auftauchen und früher einen ganzen Stadtteil einnahmen; ein anderer Herrscher nämlich ließ einen Großteil der Bäder aus Wut darüber zerstören, dass er nicht wie der Fasan aus der Legende des Stadtgründers geheilt worden ist. Über die Krankheit, für deren Heilung er die Bäder aufgesucht hat, schweigt sich diese Geschichte aus.

Nachdem wir im Entree eines der Bäder auf Fotos gesehen hatten, wie die Erholung oder gar Heilung suchenden menschlichen Körper dort malträtiert wurden und vermutlich immer noch werden, ließen wir es sein. Außerdem: Wer will schon bei gefühlten 50 Grad in ein warmes Bad? Trotzdem: Will jemand wissen, wie so eine Massage, die sowohl Puschkin als auch Alexandre Dumas sich nicht entgehen ließen, aussah, dem ist der Reisebericht aus dem Jahre 1827 empfohlen.

Wenige Gehminuten von den Bädern entfernt und vorbei an wie Vogelhorste auf den Felsen nistenden Villen – gelangt man mitten in der Altstadt zu einem für kurze Zeit Kühle spendenden, natürlichen Wasserfall, an dem wir uns gern den ganzen Tag über aufgehalten hätten, gäbe es nicht so viel Sehenswertes, das trotz der Hitze, die wie eine brütenden Henne über der Stadt sitzt, noch auf unsere Entdeckung wartet.

Das folgende Zitat stammt von Stephan Warkwitz und es ging mir bei unseren Streifzügen nicht mehr aus dem Kopf: Der Augenblick, wo etwas für immer verloren geht, ist der Augenblick der Poesie. Eine Poesie, die jeder mitgestalten kann, sofern er sich auf die Erfahrung dieses Verschwindens einlässt.

Der Zauber, der von dieser Stadt ausgeht und jeden seiner Besucher in Bann schlägt, besteht wohl darin, dass noch keine museale Aufbereitung oder Gentrifizierung stattgefunden hat. Möglicherweise, weil das Geld fehlt, das anderenorts in der Stadt – und nicht zu übersehen – für aufsehenerregende Einzelbauten renommierter Architekten aus Europa, die sich während des Modernisierungsfurors in der Saakaschwili-Ära austoben durften, ausgegeben worden ist. Wer mit der Seilbahn zur Festung Narikala hinauffährt, hat einen guten Blick auf die monströsen, aber gleichzeitig verspielten mit viel Glas und Stahl, aber auch mit Lichtinstallationen experimentierenden Prestigebauten des mittlerweile in Abwesenheit und zu Gefängnisaufenthalt verurteilten Expräsidenten, der Georgien an den Westen angebunden und die Korruption bekämpft hat, bis er ihr selbst anheimgefallen ist. „Comedy is tragedy plus time“, lässt Woody Allen einen seiner Protagonisten sagen. Oder hieß es: „Tragedy plus time equals Comedy?“ Es gilt wohl Beides und kann auf Vieles angewendet werden. Vielleicht sogar auch auf Architektur?

Von der Kabine der Funicular aus sehen wir die Friedensbrücke, die kaum bespielte, trompetenformig angelegte Philharmonie, und darüber – auf der Anhöhe thronend – den fußballfeldgroßen Präsidentenpalast mit der aus sphärisch geschliffenem Isolierglas verbauten Kuppel, die an das Capitol in Washington DC oder an den Berliner Reichstag erinnern soll.

Das eigentliche Wahrzeichen aber ist die Sameba Kathedrale, die mit ihrem 105 m hohen Turm das höchste Kirchengebäude Transkaukasiens ist.

Zurück in die Altstadt. Viel Bausubstanz ist zum Teil ziemlich heruntergekommen, dem Zerfall preisgegeben und da und dort mit Eisentraversen abgesichert und gestützt, damit sie nicht auf die Straße kippt.  Dort, wo es für die Autos zu steil und zu eng wird, nichts als zweistöckige Art-Deco Villen aus der Jahrhundertwende, manche saniert; mit grün, blau und gelb angestrichenen Balkonen und Wintergärten, im Zickzack verlaufenden meist überdachten Stiegenaufgängen in den Innenhöfen und da und dort noch mit bunten Butzenscheiben versehene Salonfensterfronten; die meisten aber in einem beklagenswerten Zustand.

tbilisi (152)Es ist ein schmaler Grad zwischen Sightseeing und ruin-porn-strolling durch die schmalen Gassen, die eher Geröllwegen gleichen. Was macht diese Leidenschaft aus, den Zerfall mit Fotos zu dokumentieren? Es ist wohl der Zerfall, der uns anrührt, weil er uns den unausweichlichen Prozess der Geschichte anschaulich vor Augen führt; einer Geschichte, von der  – wie im rust-belt Amerikas – auch unsere Städte einmal bedroht sein werden.

tbilisi (287)Der Anblick von Ruinen wie etwa der der Festungsmauer von Tiflis, die Jahrhunderte standgehalten, zerstört und wiederaufgebaut wurde, bis sie ihre Schutzfunktion verloren hat, vergewissert uns, dass der Tod vielleicht nicht das Ende ist; es hat etwas Tröstendes. Ganz anders bei den dem Verfall preisgegebenen Häusern, die uns ihre ehemalige Pracht nicht vergessen lassen; hier ist es eher Trauer um einen Verlust. Eine solche Trauer aber kann auch zu zivilgesellschaftlichem Engagement führen, wie die Demos der Bewohner von Tiflis gegen die Abrisse von alter Bausubstand in der Saakaschwili-Ära beweisen. Heute nämlich sind viele Gebäude denkmalgeschützt.

Feststeht: Was auch immer dieser Stadt in seiner Geschichte widerfahren ist, ein Merkmal ist bis heute unverändert geblieben: Tiflis ist ein Ort, in dem Fremde mit unterschiedlichen Lebensweisen und Religionsbekenntnissen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander wohnten und lebten und es heute noch tun. Es gibt nur noch wenige Städte auf dieser Welt, die eine so dichte Koexistenz von orthodoxen Kirchen, Moscheen und Synagogen auf so engem Raum aufweisen, eine Koexistenz, die sich auch im friedlichen Nebeneinander von Lokalen niederschlägt, die mit ihrer orientalischen oder koscheren Küche auf Gäste warten.

Auf vielen unserer Wege in Tiflis lerne ich die Verspieltheit, Kreativität und den Schalk seiner Bewohner vor allem in der privaten Werbung für feilgebotene Waren am Straßenrand, in den Auslagen, Graffitis oder Skulpturen im öffentlichen Raum kennen. Dazu gehört auch der Uhrenturm, in welchem das Marionettentheater untergebracht ist.

Der Duft von ofenfrischem Tonis Puris, wie die Brote hier heißen, lockt uns in eine Bäckerei. Wie diese Gluthitze, der vom Ofen ausgeht in dem kleinen Raum, der nicht mehr als drei Menschen Platz bietet und auch Verkaufsraum ist, ertragen werden kann, bleibt uns ein Rätsel. In einem Lokal, dessen Treppe in das Untergeschoß führt, lassen wir uns mit Khachapuri und Khinchali verwöhnen, Teigtaschen, die den Dumplings in China ähneln. Für Vegetarier ist Georgien ein Eldorado. Alles Gemüse und Obst stammt von lokalen Märkten. Hier kann es vorkommen, dass Passanten mit Marktfrauen sich zu einem spontanen Stelldichein einfinden und einen vielchorigen Gesang anstimmen.

Von unserer preiswerten Unterkunft „Hotel Nata“ aus genießen wir vom Balkon einen herrlichen Blick auf die in der Nacht illuminierte Altstadt. Alle Unterkünfte in Georgien – selbst in den entlegensten Dörfern Svanetiens – sind mit W-Lan ausgestattet und bieten mit Air-Kondition den Komfort, den sich Reisende wünschen.

Ein russisch sprechender Georgier, dessen Söhne in Los Angeles und St. Petersburg studieren, hat uns mit seiner aus Lettland stammenden Frau eingeladen, eine Flasche des von Stalin so geliebten und eher süßen Chwantschkara eingeladen, der, wie wir in zwei Wochen in einem Weingut nähe Telavi erfahren sollten, mit Stalins Konterfeit auf dem Etikett vor allem für den Export nach Japan hergestellt wird. Von ihm erfahren wir und wir haben keine Zweifel, ihm nicht zu glauben, dass Pensionistinnen wie zB. seine Mutter von 400 Lari leben müssen; das ist mehr, als wir für die 4 Nächte in diesem Hotel ausgegeben haben, und macht in etwa 150€ aus. Ob in der Gastronomie oder am Bau, das durchschnittliche Gehalt beträgt, wenn es viel ist, ca. 1000 bis 1200 Lari; das sind 400€. Er dürfte im Agrobuisness beschäftigt sein, so viel wir aus seinem radebrechenden Englisch verstehen konnten, und gehört noch einer Generation an, die Russisch in der Schule gelernt hat. Er schwärmt geradezu von der neuen Regierung, die Investoren aus dem Ausland kaum irgendwelche Auflagen fiskalischer Natur macht. Jeder sei hier gern gesehen, der am Aufbau der Wirtschaft mithelfen und das Land auf Vordermann bringen wolle. Auch wir als Touristen tragen dazu bei, meint er, und füllt wieder mein Glas. Prost! Nastrowje. Gaumardschoss!

Als wir sagen, dass wir morgen nach Zugdidi und dann weiter über Mestia in die svanetischen Dörfer Adishi und Ushguli aufbrechen wollen, warnt er uns mit einem Video auf seinem Handy, das ein Haus zeigt, welches gerade von den Fluten weggespült wird. Er zeigt es uns immer wieder, vielleicht, weil er sich an unseren entsetzten Blicken weidet oder einfach, weil er nicht will, dass wir das schöne Tiflis verlassen. Seine Frau gebietet ihm Einhalt und fordert ihn auf, uns die Reise nicht zu verderben. Es ist Zeit zum Schlafen. Morgen sehen wir weiter. Hoffentlich wachen wir ohne Kopfweh auf. Es waren immerhin zwei Flaschen Stalinwein, die wir verzwitschert haben.