Er hieß Franz und er war einer von den ganz wenigen, die bis auf ein paar Jahre, in denen ich im Ausland war, ständig mit mir Kontakt gehalten hat. Die letzte Begegnung mit ihm war merkwürdig. Merkwürdig in des Wortes buchstäblichem Sinn. Gut. Kauzig war er schon immer gewesen und merk-würdig jede Zusammenkunft mit ihm schon damals. Ein Hagestolz war er, wie man früher gesagt hat; ein Eigenbrötler. Mir gefällt Hagestolz besser. Hag hat man früher zu den Höfen auf dem Land gesagt, die zu klein waren, um von ihnen leben zu können. Ich kenne den Hag als Einzäunung von privatem Grund. Und Franz hatte tatsächlich etwas um sich aufgebaut; keine Mauer, keinen Lattenrost, keinen Stacheldraht, nein: Alles das nicht. Es war durchlässiger, aber trotzdem eine wirksame Abwehr, ein Schutz gegen Zudringlichkeit. Und als zudringlich galten ihm alle, die seinen Hag nicht respektierten oder wahrnahmen. Und stolz war er auch. Nicht stolz auf sich und das, was er geleistet hat; stolz auf sein Anderssein, würde ich sagen. Ja, er war stolz auf sein Anderssein. Und er war wirklich anders, gewöhnungsbedürftig anders.

Als ich – von den Treppen ziemlich erschöpft – keuchend vor seiner Wohnungstür in einem vierstöckigen Gemeindebau aus den 20iger Jahren stand, lud mich keine offenstehende Tür zum Eintreten ein, wie ich es gewohnt war, wenn ich ihn besucht habe. Nicht oft, aber sicherlich einmal im Monat. Das war vor meiner großen Reise, die mich – viel länger als ursprünglich geplant – auf einem anderen Kontinent festhielt, und als ich zurück kam, musste ich mich erst wieder neu einleben. Noch immer habe ich das Gefühl, mich im Transit aufzuhalten. Um anzuknüpfen an das, was war, bevor ich aufgebrochen bin, habe ich alle meine Freunde von damals aufgesucht und leider feststellen müssen, dass mir einige von ihnen fremd geworden sind. Oder ich ihnen. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man länger fort bleibt. Da können schon manche Fäden plötzlich reißen, von denen man geglaubt hat, dass es Stricke seien.

Franz würde nicht zu ihnen gehören. Franz kann mir nicht fremd werden, dachte ich. Er war es ja schon immer gewesen. Und es war gerade diese Fremdheit, die mich zu ihm hingezogen hatte. Das nahm ich an. Kurzum: Ich stand vor seiner Wohnungstür und musste noch einmal anläuten. Es hätte ja sein können, dass die Glocke unten nicht funktioniert, mit der ich meine Anwesenheit angekündigt habe. Aber es blieb still. Ich läutete wieder und wieder, weil wir verabredet waren, und ich nicht glauben konnte, dass er unsere Verabredung vergessen hat. Ich wollte schon gehen, als ich ihn über den Gang schlürfen hörte, er durch den Türspion spähte und mich durch die Tür hindurch fragte, wer ich sei. Wer ist er?, hat er gefragt. Was will er?  Er sprach mich in der dritten Person an, wie es noch meine Großmutter getan hat, eine Anrede aus der Zeit der höfischen Ständegesellschaft: Wie geht es ihm heute, hat sie mich jeden Morgen gefragt? Aber so aus der Zeit gefallen ist Franz nicht. Er ist mit mir gleich alt; und dass er jetzt so tut, als hätte er mich nicht erkannt, will ich als Scherz abtun, obwohl Franz zu solchen Späßen in der Vergangenheit kaum eine Neigung gezeigt hat. Er ist ein eher verschlossener Typ, misstrauisch und scheu; lebt sehr abgeschieden und allein in seiner kleinen Gemeindebau-wohnung, die schon seine Eltern bewohnt hatten.  Mensch, Franz, lass mich rein. Was soll der Quatsch?, sag ich also, weil mir das jetzt schon zu lange dauert. Er macht die Tür einen Spalt weit auf, sieht mich ohne ein Zeichen von Wiedersehensfreude an, dreht sich um und schlürft ins Wohnzimmer.

Ich muss zugeben: Ich war gewarnt worden. Aber ich habe es einfach nicht glauben wollen. Was, du willst zum Kaiser? Nein, zum Franz, hab ich gesagt; und mein Freund, der ihn auch gut gekannt hat – um uns das Studium zu verdienen, sind wir in den Ferien immer nach Norwegen getrampt, um dort zu arbeiten -, hat gemeint: Der Franz heißt jetzt Kaiser. Kaiser Franz sagen wir jetzt zu ihm. Wirst selber sehen, warum. Was soll die Geheimniskrämerei?, hab ich gefragt. Kaiser Franz. Wie hat er sich diesen Spitznamen verdient? Wohnt er im Schloss Schönbrunn oder hat er ein Zimmer in der Hofburg oder was?

Hast du schon einmal etwas vom Korsakowschen Syndrom gehört?, unterbrach er mich.  Definiert wird es als Verlegenheitskonfabulation, wenn die Scham über das Vergessene sofort durch eine erstaunliche Lebenserfindung abgelöst und vom Betroffenen selbst absolut geglaubt wird. Erinnerungslücken werden mit reinen Phantasieinhalten ausgefüllt. Konfabulation nennt man das. Woher ich das weiß? Ich habe mich schlau gemacht. Unser Freund hat es in der Zeit deiner Abwesenheit zu einer lokalen Berühmtheit gebracht. Hier. Überzeuge dich selbst. Wenn du mir nicht glauben willst, da steht es schwarz auf weiß. Ich habe den Artikel aus einer Fachzeitung, dem Fortbildungsorgan der Gesellschaft für Neurologie herausgeschnitten. Es ist nicht der einzige.

Obwohl ich eigentlich im Begriff war zu gehen, las ich noch im Stehen und setzte mich dann hin, weil ich es einfach nicht glauben wollte:

Ein Fallbeispiel: Franz.K.., ein ehemaliger Gymnasiallehrer, der Geschichte unterrichtet hat und jetzt in Pension ist, glaubt, dass er der Kaiser sei.  Er geht als Bettler auf die Straße, und das, um herauszufinden, was das Volk, wie er sagt, über ihn, seinen Herrscher, denke. Am Bahnsteig der U-Bahnstationen hält er die Leute, die auf einen Zug warten, mit der immer gleichen Frage auf: Was haltet Ihr vom Kaiser? Was darauf erwidert wird, auch wenn es nur ein Lachen ist, hält er mit einem Bleistift, den er alle Augenblicke nachspitzt, akribisch fest. Da er die Bleistiftmine immer mit der Zunge anfeuchtet, bevor er zu schreiben beginnt, ist sie schwarz. Das ist sicher das erste, was den Leuten auffällt, wenn er sie anspricht. Er verhält sich bei seinen Umfragen professionell. Selbst wenn die Leute, die ja nur ihren Spaß mit ihm treiben wollen, auf die Frage eingehen, oder das Ganze für ein Spiel mit verdeckter Kamera halten wollen, allerdings ohne einer Auflösung, was sie oft sehr ratlos aussehen lässt: der Mann verzieht keine Miene. Sogar wenn sie über den Kaiser schimpfen, als wäre er ein gemeiner Politiker, oder ihn für tot erklären, er versucht sich weder zu rechtfertigen, noch will er jemanden darüber aufklären, dass das mit dem Tod eine himmelschreiende Lüge sei. Das macht ihm aber zunehmend zu schaffen. Ausweg bietet ihm die Geburt einer zweiten Stimme oder einer zweiten Identität, eigentlich einer dritten, wenn man die, die er verloren hat, dazu zählt. Es ist die Stimme des Widerstands, die Stimme der Opposition, zu der sich noch eine andere gesellt, die immer wieder unterstellt, dass, wenn der Kaiser über die Zustände in seinem Reich informiert wäre, er höchst selbst dafür Sorge tragen würde, sie zu verbessern. Er spricht von sich im Pluralis majestaticus, wie es seinem eingebildeten Stand gebührt. … Die aberwitzigen Geschichten, von denen noch ein Beispiel zu geben sein wird, bezeugen sehr gut, dass nicht das erinnernde Gedächtnis, sondern das Vergessen schöpferische Prozesse möglich macht, da der Erinnerungsverlust durch phantastische Erfindungen ausgeglichen wird. Das Jahr hat für ihn fünf Monate. Die übrigen Monate gehören nicht zum Jahr, sie sind dem ehrwürdigen Fürsten Süssel zum Geschenk gemacht worden. Den Einwand, dass Süssel kein Fürst, sondern Parteiobmann gewesen sei, wischte er mit dem Hinweis vom Tisch, dass er ihn demnächst wegen seiner Verdienste um Europa in den Adelsstand erheben wolle. Auf die Frage, was Fürst Süssel mit den Monaten tun soll, gibt er zur Antwort: Er wird sie in meinem Auftrag an verdiente Bürger verleihen…. Im Übrigen müsse ich ihm doch beipflichten, dass sich die parlamentarische Demokratie überlebt und die Monarchie als einziges Modell einer tragfähigen Gesellschaftsordnung über Jahrhunderte bewährt habe. Er jedenfalls werde weiterhin seine Aufgabe darin sehen, …

Ich hatte genug gelesen, wollte aber nicht glauben, dass es mein Freund ist, der in diesem Artikel in der Fachzeitschrift für Neuropsychologie als Fallbeispiel für das Korsakowsche Syndrom gedient hat. Ich wollte mir selbst ein Bild über seinen Gemütszustand machen.

Im Wohnzimmer stapelten sich Zeitungen und Bücher nicht nur auf seinem ausladenden Schreibtisch, der nicht einmal Platz für einen Notizblock bot, sondern auch auf dem Parkettboden, der in Würfeln und Sternen angelegt war und schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die Regale, welche an allen vier Wänden bis zur stuckverzierten Decke reichten, quollen über mit Büchern; sogar in den Zwischenräumen der Fächer hatten sie querliegend Platz gefunden: Ein unglaubliches Durcheinander, aber ein geordnetes Chaos, das von einem Bewohner Zeugnis ablegte, der bildungshungrig und belesen war, sich mit Geschichte, aber auch mit dem Zeitgeschehen auseinandersetzt. Ein kurzer Blick über die Buchrücken und deren Titel nämlich ließen aber auf fast einseitiges Interesse schließen. Das Fenster war von einem blickdichten Vorhang abgedunkelt, der nur ahnen ließ, dass immer noch Tag war. Franz war barfuß und trug einen Bademantel über einer weißen Unterhose, die bis zu seinen Knöcheln reichte. Der Gürtel war über der Taille festgeknotet und schien nicht nur die Unterhose an seinen ausgemergelten Körper, sondern diesen selbst zusammen zu halten. Mit im Rücken verschränkten Armen ging er ruhelos auf und ab und stanzte dabei eine unsichtbare Achterschlinge in den Raum, ohne mir einen Platz anzuweisen oder mich auch nur eines Blickes zu würdigen.

Er kommt also von drüben!, eröffnete er ganz plötzlich das Gespräch. Was meinst du mit drüben?, frage ich ihn – ganz überrascht, dass er von meiner Reise wusste. Sein Gedächtnis kann ihn also gar nicht so schlimm im Stich gelassen haben, wie ich vermutet hatte. Na, in El Salvador. Er war doch dort?

Er stand plötzlich vor mir und musterte mich wie einen Schüler, von dem er die richtige Antwort auf eine Prüfungsfrage ahnte, bevor sie dieser gegeben hat. Hat er meinen Bruder aufgespürt, wie wir es ihm aufgetragen hatten?

Von welchem Bruder spricht er?, fragte ich mich. Er ging zu seinem Schreibtisch, auf dem das gleiche Chaos wie im Zimmer herrschte, nahm ein Blatt Papier in die Hand und las:

„Es geht uns Gott sei Dank gut, und wir leben uns mehr und mehr in die hiesigen Verhältnisse hinein; Arbeit ist zwar ungemein viel, aber man tut sie gern, weil man dankbares Entgegenkommen sieht. Von konstitutionellen Versuchen kann für den Augenblick nicht die Rede sein. Die guten Leute müssen zuerst gehorchen lernen, bevor sie mitreden dürfen. Ich suche mit Ruhe vorwärts zu gehen und jede Überstürzung zu meiden.
Mutter wollte uns um jeden Preis von unserer Reise nach Mexiko abhalten: Er muss große Angst haben, dass du ihm eines Tages den Thron streitig machen könntest, dass er dich ans andere Ende der Welt schickt, hat sie gesagt, und Sie gemeint: meinen Bruder, Ihre Majestät, Kaiser Franz. Am Anfang hegte ich großen Groll gegen Sie, aber ein Habsburger geht dorthin, wohin er geschickt wird. Wir haben uns an den vielen unglücklichen Töchtern Maria Theresias ein Beispiel genommen. Allen voran Maria Antoinette. Außerdem: Miramare war zwar schön, aber auf Dauer langweilig…“

Er nahm die Brille ab, lehnte sich zurück und sah mich triumphierend an: Das ist ein Brief meines Bruders aus Mexiko. Diesen aber hat er nach seiner Hinrichtung geschrieben. Wieder fischt er ein Papier aus einem Kuvert, das einen aufgebrochenen roten Siegel aufwies. Er ist aus El Salvador.

„Ich schreibe dir als Privatperson und nicht mehr in meiner Eigenschaft als Kaiser von Mexiko. Das mit der Hinrichtung ist ein Gerücht. Benito ist wie ich ein Freimaurer. Er hat einen Franzosen, der große Ähnlichkeit mit mir hatte, füsilieren und es für die nationale und internationale Presse so aussehen lassen, als hätte er mich, den Kaiser von Mexiko, hingerichtet. Es hat uns sehr leid getan, dass meine Frau – nachdem ihr die Nachricht von meiner Hinrichtung übermittelt worden war -, in den Wahnsinn geflohen ist. Sie muss uns sehr geliebt haben. Gleichzeitig waren wir froh, dass es so gekommen ist, da sie uns sonst vielleicht auf die Schliche gekommen wäre. Nur Sophie, meine Mutter, hat erkannt, dass es sich bei der überstellten Leiche nicht um uns, ihren Sohn handeln könne. Das wäre beinahe schief gegangen. Jetzt lebe ich als Justo Armas in El Salvador, tafle aus den Beständen unseres monarchischen Geschirrs, das mir mein Freund Benito heimlich per Schiff zugesendet hat, und erfreue mich großer Beliebtheit.

Ich bitte Sie, diesen Brief und die darin enthaltene Information vertraulich zu behandeln. Es ist sicher auch im Interesse Ihrer Majestät, dass davon nichts an die Öffentlichkeit kommt. Ihnen habe ich verziehen.“

Jetzt haben wir eine Bitte an ihn, meinte er zu mir aufschauend, dem er noch immer keine Sitzgelegenheit angeboten hatte. Die allerdings habe ich in diesem Zimmer vergebens gesucht. Wenn es Stühle gab, dienten sie der Aufbewahrung von Zeitungen und Zeitschriften, die sich so zu Stapeln türmten, dass entweder jeden Augenblick der Stuhl unter ihnen entzwei zu brechen oder die Zeitungen zu Boden rutschen und alles unter sich zu begraben drohten. Mein Mund war trocken; Schweißperlen tropften von meiner Stirn. Alles hatte ich erwartet, nur das nicht.

Er reist doch gerne, meinte seine Majestät jetzt mit einem Augenzwinkern. Wir werden ihn zu einem Botschafter machen. Er muss ihn mir vom Hals schaffen. Das muss er mir versprechen. Wie er das anstellt, überlassen wir ihm. Wir werden ihm für seine Dienste die Monate mit R vermachen.

Ich stürzte aus dem Zimmer und rannte die Stiegen hinunter, indem ich zwei Stufen, manche drei auf einmal nahm. Es war November. Ein eiskalter Wind blies mir ins Gesicht. Auf dem Weg nach Hause zermarterte ich mir das Hirn und fragte mich, wie ich in diese Geschichte geraten war und wie ich aus ihr wieder rauskäme.

Plötzlich war sie wieder da, die Stimme seines Freundes; die Stimme seiner Majestät: Wir raten ihm, diese Geschichte nicht zu erzählen. Niemand wird sie ihm glauben. Das ist auch besser so.