20171031_180546Ich mag Hafenstädte. In ihnen pulst das Leben heftiger als in Binnenstädten. Selbst in der Wintersaison sind Barcelona und Athen beliebte Reiseziele. Davon konnte ich mir während meines kurzen Aufenthaltes in beiden Städten ein Bild machen. Vergleiche bieten sich an. Kein Ranking. Es ist November und es hat 16 bis 22 Grad. Touristenströme fluten die Rambla in BCN und Plaka in Athen. Das Leben spielt sich auf den Straßen ab. Beide Metropolen verwöhnen ihre Besucher mit mediterranem Flair und Gastronomie; beide locken sie mit architektonischen Sehenswürdigkeiten, von denen in Barcelona vor allem die Bauten Gaudi’s faszinieren, während in Athen die Geschichte des klassischen Altertums lebendig bleibt.

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Barcelona aber zeigt größere Diversität und Interkulturalität. Katalonien war und ist schon aufgrund seiner Geografie der Landesteil Spaniens mit der höchsten Migration auch aus dem Binnenland. Das wird nicht nur im Straßenbild, sondern auch im Angebot der Waren auf den Märkten sichtbar. Neben Einwanderern aus dem Maghreb, vor allem aus Marokko, sind es zunehmend Menschen aus Lateinamerika (Ecuadorianer und Kolumbianer) und Asien (Chinesen und Philippinen), welche hier eine bessere Zukunft als in ihren Herkunftsländern suchen. Wenn sie Katalanisch lernen – die Integration gelingt hier über die Sprache, lese ich in einem Auszug aus einem Buch von Axel Kreienbrink dürften sie bessere Aufstiegschancen haben als etwa die Migranten mit nicht griechischen Wurzeln in Athen, die aus Ländern wie Albanien, Bulgarien, Pakistan oder etwa Nigeria kommen. „Es gibt ganz klar eine positive Diskriminierung gegenüber Griechen, und der Staat wendet immer noch das Blutsrecht an“, schreibt Sébastien Daycard-Heid, ein Blogger von Cafebabel. Im nächsten Beitrag will ich mit einem Interview, das ich mit Fanis Kollias, dem Gründer einer neuen Webcommunity geführt habe,  näher darauf eingehen.

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Vor der Sagrada Familia Schlangen von Menschen, die Einlass wollen. Wie das erst im Sommer sein muss? 1866 begonnen, soll der Bau der weltberühmten Kirche 2026 fertiggestellt werden.

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Was für Touristen die Hafenstädte Athen oder Barcelona so attraktiv macht, wird für die Einheimischen zunehmend zum Problem. Der Unmut steigt, der Protest der Anrainer wird aggressiver. Die Mieten steigen, der Lärm wird immer unerträglicher, die Müllberge immer höher, die Umweltzerstörungen nehmen zu. Dazu kommt, dass die Einheimischen wenig bis gar nicht am Gewinn durch den Tourismus profitieren, im Gegenteil über Dumpinglöhne klagen, und oft sogar aus ihren Stadtvierteln vertrieben werden.

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Sicher wird bald ein Buchungssystem, wie es in Venedig geplant ist, die Touristenströme zu den Hotspots regeln müssen. Von einigen Attacken auf Touristen abgesehen, bleiben die Einwohner beider Städte aber ihren Gästen gegenüber freundlich. Das lässt sich leicht feststellen, wenn nach dem Weg gefragt wird.

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Abgesehen davon, dass Barcelona und Athen große Hafenstädte am Mittelmeer für Kreuzfahrtschiffe und Containerterminals sind, gibt es doch deutliche Unterschiede. Weniger was die Bevölkerungsdichte betrifft; davon kann man sich gut von den jeweiligen Hausbergen Montjusic in BCN oder Lykavittos in Athen aus mit einer herrlichen Sicht auf Stadt, Hafen  und Meer überzeugen.

Der Großraum Athen hat ca. 4 Millionen Einwohner. Ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Im Einzugbereich Barcelonas leben 3 Millionen. Das ist fast die Hälfte Kataloniens, aber nur ein Sechszehntel Spaniens, wenn es beim Mutterland bleiben sollte. Während in Barcelona Tausende auf die Straße gehen, um für oder gegen den Verbleib in Spanien zu demonstrieren, ist es in Athen – verglichen mit den Manifestationen und Demos vor wenigen Jahren noch – geradezu unheimlich still geworden. Ein Transparent am Syntagmaplatz ruft dazu auf, nicht mehr zu warten, nicht mehr zu schweigen. Warten auf ein Ende der Schuldenkrise? Schweigen darüber, dass vor allem junge Menschen für weniger als 400€ im Monat und laut Statistik des Arbeitsministeriums rund 60 Prozent der Menschen in sogenannten flexiblen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten?

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Ein paar Daten aus der Statistik zeigen deutlich, dass die Finanzkrise von 2008 noch lange nicht ausgestanden ist. Das BNP ist in Griechenland seit 2008 um die Hälfte zurück gegangen, Auch Spanien zeigt eine ähnliche Entwicklung;  Die Abspaltungstendenzen in Katalonien sind neben historischen Gründen und den hohen Steuerzahlungen nach Madrid auch vor diesem Hintergrund zu verstehen.

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Über 400.000 – in der Mehrzahl gut ausgebildete und junge Menschen haben seit Beginn der ökonomischen Krise das Land verlassen, meint mein Freund Mikalis bitter, der während der Juntadiktatur nach Italien geflohen ist. Damit verliere Griechenland seine Zukunft. Für ihn hat die neoliberale Austeritätspolitik von IWF und Troika Schuld an Emigration und Armut. Dass 2016 und auch heuer ein größerer Überschuss (ohne Schuldendienst) erreicht werden konnte, als mit den Gläubigern des Landes vereinbart worden war, komme bei denen nicht an, die weiterhin arbeitslos bleiben, auf eine Rente angewiesen sind oder sich über verschiedene Arbeitsplätze ihr Leben sichern müssen.