Den brauch ich nicht mehr, hat er gesagt, seinen Gehstock über das Gestell am Bettende gehängt, und ihn, der ihn ins Spital begleitet hat, auf einen Kaffee geschickt: Jetzt geh schon! Und bestell dir einen Grappa dazu, ja? Den trinkst auf mich. Da hast Geld. Das brauch ich auch nicht mehr.
Was heißt, du brauchst kein Geld mehr?
Das heißt, dass ich hier kein Geld mehr brauch. Hast du was in den Ohren? Tu mir einen Gefallen und hol die Schwester.

Als er vom Kaffee zurückkam, war das Bett mit einem Vorhang von den anderen Betten abgeschirmt, die alle plötzlich leer waren. Eine Schwester herrschte ihn an: Wen suchen sie? Hier ist niemand. Das sehen sie doch.
Aber, ich will zu dem Mann, der hier ein Bett gehabt hat.
Sind sie ein Verwandter?
Nein. Aber ein Freund.
Tut mir leid, aber der Herr, – es tut mir leid. Sie können nicht zu ihm.
Aber das kann nicht sein. Ich war ja gerade noch mit ihm zusammen. Ich war ja nur auf einen Kaffee.
Ja, tut mir wirklich leid.
Ich möchte zu ihm.
Die Schwester zuckt resigniert die Schultern: Aber nur kurz. Es ist gegen die Regeln. Er wird gleich abgeholt, ruft sie ihm nach.

Er zieht den Plastikvorhang zur Seite und sieht ihn angezogen auf dem Bett liegen.
Und? Wie war der Kaffee? Hast auf mich angestoßen? Was bist‘ so bleich? Geht’s dir nicht gut? Komm! Hilf mir auf. Steh nicht herum. Mach schon.
Aber, stammle ich…
Nichts aber.
Die Schwester hat gesagt, dass …
Papperlapapp. Lass sie reden. Du siehst doch. Mir geht’s gut.
Ohne weitere Widerreden zu dulden, sagt er: Den oder das lassen wir jetzt da, Sein rechtes Auge blinzelt. Ich bin heim gegangen.
Aber…
Was du nur immer mit deinem Aber hast. Du meinst, wir kommen doch gerade von dort, stimmt’s? Das mein ich nicht. Dort kann ich nicht mehr sein. Dafür ist es zu spät.

Wie betäubt war er stehen geblieben, nachdem das Krankenbett mit seinem Freund von einem stämmigen Mann im blassgrünen Kittel aus dem Raum gefahren wurde.  Im Arm hielt er den Gehstock seines Freundes, der ihm mit der Bitte, die Entgegennahme dieser Habseligkeit mit seiner Unterschrift zu bezeugen, ausgehändigt worden war.  Zu jung, sich auf ihn zu stützen, wusste er nicht, wie er ihn tragen sollte; auch hatte er jede Orientierung verloren; heim wollte er nicht. Nur nicht heim, wo immer das sein soll…

Die Straße war leer. Keine Menschenseele. Die Häuser – auf der einen Seite verfallen, auf der anderen frisch verputzt – schienen unbewohnt. Die Sonne brannte auf den mit Katzenkopfsteinen gepflasterten Platz. Dem kurzen Schatten nach zu schließen, musste es Mittag sein. Spatzen flogen aus einem Fenster, dessen Scheiben zerbrochen waren; ein anderes war zugemauert. Bis auf den Flügelschlag der Vögel, die ein- und ausflogen, herrschte eine beklemmende Stille. Eine der Toreinfahrten stand offen. Von weitem hörte er eine Kutsche, die über das Pflaster ratterte. Funken stoben von den Wagenrädern. Sie war sechsspännig und wurde von Rappen gezogen, die mit schwarzen Wimpeln geschmückt waren. Sie schoss an ihm vorbei. Der Kutscher schnalzte die Peitsche über die schweißnassen Rücken der Pferde. Er hatte einen Zylinder auf, der Kopf aber schaute in die entgegengesetzte Richtung der Fahrt. Ein Blick ins Innere der Kutsche auf Fahrgäste war nicht möglich und trotzdem war ihm, als winke sein Freund ihm zu. Dann war der Spuk vorbei. Leute füllten die Straße und es begann ein geschäftiges Treiben, aber ihm war, als würde er auf eine Bühne schauen, auf der Statisten nach einem Drehbuch agierten.

Heimat ist dort, wo ich noch nie war, hat sein Freund einmal gesagt. Da hatten sie beide von einer Anhöhe aus auf die Schiffe geschaut, die im Hafen lagen. Eines davon wurde gerade beladen.
Es ist ein Ort, von dem wir keine Vorstellung haben, hat er nach einer Weile hinzugefügt.
Ich vermute, nein, ich weiß jetzt, was er damit gemeint hat, denn für einen Augenblick, schien mir, war ich dort.