scetchDer Raum hatte ein Eck, auf den die schmalen Wände spitzwinkelig zuliefen. Er konnte am Ende seiner Flucht nur noch in gebückter Haltung betreten werden. Es war ein Raum wie nicht von dieser Welt. Welcher Architekt sollte sich auch so etwas, – nicht einmal für einen Stauraum Geeignetes -, ausdenken; von jenen zu schweigen, die einen solchen Plan umsetzen würden. Aber der Raum mit dem spitzen Winkel war da und nicht wegzudenken.

Was mich dorthin gelockt hat, welcher Köder dort für mich ausgelegt war? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte ich mich dort aufgehalten, denn ich musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass meine sündteure Kamera in diesem Raum von mir zurückgelassen und vergessen worden war. Begleitet von meinem Vater, dessen Anwesenheit ich bei diesem Unternehmen, den Videorekorder wieder zu bergen, für selbstverständlich hielt, machte ich mich auf den Weg zurück. Ich sah sie schon von Ferne, aber es wollte keine Freude darüber aufkommen, denn ich ahnte, dass ich sie nicht mehr so auffinden würde, wie ich sie zurückgelassen hatte. Und so war es auch. Es war keine Kamera mehr. Was ich in Händen hielt, war ein leeres Gehäuse, aus dem die Linse, die Elektronik und Mechanik entfernt worden war. Eine Attrappe war es. Mehr nicht.

Mein Vater war nicht mehr an meiner Seite, als ich mich einer Streetgang gegenübersah. Sechs, sieben Jugendliche in einem Outfit, das signalisieren sollte: Mit uns ist nicht zu spaßen. Nach einem Spaß aber war mir ohnehin nicht zumute. Sie waren es, die meinen erst jüngst vor meiner letzten Reise gekauften, sündteuren Videorekorder entkernt und somit seiner Bestimmung, mit ihm etwas dokumentieren zu wollen, beraubt hatten. Was sollte ich da noch verhandeln, außer zu schauen, dass ich mich schleunigst aus dem Staub mache. Sie machten aber keine Anstalten, mir den Weg frei zu geben.

Ich stand also mit dem Rücken zur Wand, die sich an ihrem Ende zu diesem spitzen Eck verjüngte und eine beinahe unzugängliche Sackgasse bildete, die mir später als ein Ort gedeutet wurde, aus dem es keine Rückkehr gibt. Aber ich greife unzulässig vor. Niemand wird jetzt noch glauben, dass ihm eine wahre Begebenheit geschildert wird, deren Ende noch aussteht. Für mich aber war es ein mit allen Pforten der Wahrnehmung aufgenommenes, höchst reales Geschehen. Ich konnte den Angstschweiß unter meinen Achseln förmlich riechen. Ich hörte das Rasseln der Fahrradkette, die einer von den Jugendlichen in lässiger Gebärde über den Boden schleifen ließ, mich zu warnen. Ich wusste, dass ich in die Enge getrieben war und es keinen Ausweg gab, weil mir kein Fluchtweg mehr offenstand.

Unter den Jugendlichen aber war einer, dem die Situation sichtlich unangenehm war, da er die anderen zum Rückzug überreden wollte. Plötzlich wusste ich, der ich in Schockstarre verfallen war, dass dieser eine Jugendliche ein ehemaliger Schüler von mir war. Er dürfte mich schon früher oder gleich erkannt, es aber nicht gewagt haben, sich mir zu erkennen zu geben; um sich vor den anderen keine Blöße zu geben, vermutete ich. Jedenfalls bedauerte er den Vorfall und versuchte mir zu erklären – wie ihm das ganz ohne Sprache gelang, war und bleibt eine meiner Fragen – , dass seine Arbeitslosigkeit ihn zwinge, sich mit Diebstahl über Wasser zu halten. Auch sei es nicht eigentlich ein Diebstahl, da sie immerhin das Gehäuse zurückgelassen hätten.

Erst jetzt dämmerte mir, dass ich in einem Traum gefangen war, der mir dringend empfahl, die jahrelang eingenommene Perspektive zu ändern; und nicht nur meine durch ein drittes Auge wahrgenommene Welt, die ich fast zwanghaft dokumentieren zu müssen glaubte, aufzugeben, sondern mich – in Anschauung des spitzwinkelig zulaufenden Endes, welches mir als unvermeidlichen Tod gedeutet wurde – auf das Wesentliche zu besinnen.

M. fragt, was nun das Wesentliche sei. Gibt es das Wesentliche überhaupt?