Nach Ema und Maria in die Welt von Eduardo eingetaucht. Ich begleite ihn in die Schulen, aus denen er seine Kinder abholt, in die Supermärkte, die in seinem Stadtteil (Las Condes) gigantomanischen Konsumtempeln gleichen und in die Kraftkammer, wo ich gleich die Gelegenheit wahrnehme,  mit Migrantinnen Interviews zu führen.  Ja, der Graben zwischen arm und reich ist in Chile größer und sichtbarer als in allen anderen lateinamerikanischen Ländern. Wenn man das Grundeinkommen von derzeit 270.000  = ca. 390 € mit den im Warenkorb enthaltenen monatlichen Ausgaben vergleicht (ohne Auto zu fahren, Bücher zu kaufen oder ins Kino zu gehen laut Statistik 543.200 = ca. 780€) sieht man auf einem Blick, dass es nicht ausreicht, weder sich selbst, geschweige denn eine Familie zu ernähren. Bis auf in Asien gefertigte Textilien und Elektronik, ist Chile, wenn man sich nicht auf den Märkten mit Nahrungsmitteln versorgt, sicherlich in mancher Hinsicht teurer als Europa.

Die Supermärkte hier haben Ausmaße, wie ich sie aus Wien kommend nicht kenne und eine ebenso unüberschaubare Auswahl an Lebensmitteln. Allein die Jogurt´s kennen bis zu 80 verschiedene Geschmacksrichtungen. Und erst die Würstel, von denen einige nicht mehr Frankfurter heißen wie in Wien, sondern in Chile ihren wirklichen Namen haben und Wiener heißen  Vom Wein ganz zu schweigen. Wer soll das alles konsumieren? Das ist keineswegs ein Supermarkt, in dem die Reichen einkaufen, klärt mich Eduardo auf; die Reichen haben ihre eigenen Tempel; solche,  die mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreicht werden können. Die Kassierin ist ein Robot. Die Zukunft, in welcher die Menschen durch Cyborgs ersetzt werden, hat begonnen.

 

 

informe_julio_agosto_2016: Statistik und Info

Ich erlaube mir, mit diesem Eintrag noch einmal – und diesmal ausführlicher – auf die Migration in Chile einzugehen, zumal mir auch Eduardo dazu Anlass gibt. Er ist in der dritten Generation Nachfahre von aus Syrien und dem Libanon eingewanderten Arabern, die zu Beginn des 19. Jhdts. der Repression durch die Türken im ottomanischen Reich entflohen sind und sich zuerst in Argentinien und später in Chile angesiedelt hatten. Anfänglich herrschte Endogamie unter den Eingewanderten, auch zB. unter den deutschen Siedlern. Die Araber und Asiaten ließ man spüren, dass sie nicht so erwünscht waren, wie die Ankömmlinge aus Europa. Mittlerweile aber sind sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nur sein Name – Nallar – erinnert noch an seine Herkunft. Übrigens beherbergt Chile die größte Minderheit an Palästinenserinnen in Lateinamerika.

Das Foto zeigt Nercedad. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und kommt aus der Dominikanischen Republik. Alles, was sie verdient, schickt sie nachhause. Sie ist schon zwei Jahre in Chile und sehnt sich nach ihrer Familie.  Sie arbeitet als Putzfrau. In ihrer Heimat hat sie im Kindergarten gearbeitet.

Das ist Cesar. Er ist aus Peru und war dort Elektroinstallateur. Er lebt mit seiner Familie in Santiago. Der Sohn geht hier zur Schule. Er bewacht einen Parkplatz.

Übrigens findet am 19. April eine Volkszählung statt. Niemand weiß derzeit, wie viele Menschen in Chile leben. Sind es 17 oder gar 20 Millionen? Auch bei dieser Erhebung wird man das nicht feststellen können. Es sind seltsame Fragen, die gestellt werden: Aus welchem Material bestehen die Wände, der Boden, die Decke? Zu welcher von 6 angeführten Ethnien gehören sie? Drei davon sind mittlerweile ausgestorben.

Obwohl Chile seit jeher ein Einwanderungsland war (heute mehr denn je), – Jorge Baradit, ein chilenischer Schriftsteller, vergleicht es mit Frankenstein: „In 200 Jahren zusammengestückelt aus Türken, Arabern, Spaniern, Mapuches“ – scheint es auch hier größere Ressentiments vor allem gegen Migrantinnen aus Haiti zu geben. Er beklagte gestern bei einem Fernsehauftritt die oft rassistische Haltung der Chileninnen gegenüber den „Wirtschaftsflüchtlingen“, von denen die Mehrheit besser qualifiziert ist als die hier Geborenen. Die von mir geführten Interviews mit verschiedenen Vertreterinnen aus den Herkunftsländern Peru, Haiti, Dominikanische Republik und Venezuela bestätigen seinen Kommentar zur oftmals diskriminierenden Haltung der Einheimischen gegenüber den Migrantinnen. Andererseits gibt es seit Bachelet´s Regierung viele Initiativen, organisiert von Staat, Kirche, NO`Gs, aber auch Privatleuten, die daran erinnern wollen, dass es mehr als eine halbe Million Exilierte waren, die während der Militärdiktatur bei anderen Ländern Aufnahme gefunden haben, und es darum mehr als angebracht sei. ihnen bei ihrem Start in ein besseres Leben zu helfen. Nicht vergessen werden darf, dass heute noch mehr als eine geschätzte Million Chileninnen im Ausland leben, vornehmlich in Spanien, Argentinien und den Vereinigten Staaten.

Wenn wir die DNA auf unsre Herkunft überprüfen ließen, würden wir feststellen, dass wir alle – wie Frankenstein – aus gemischtem Blut sind. Wären wir alle dessen bewusst, wären der Diskriminierung und dem Rassismus jeder Boden entzogen, auf dem sie Wurzeln schlagen könnten.

 

Zusammengefasst wäre zu sagen, dass Chile derzeit mit ähnlichen Problemen konfrontiert ist wie manche Länder in Europa, von denen Schweden, Deutschland und Österreich in Bezug auf Immigration und seinen Folgen sicherlich die Hauptlast tragen. Im Unterschied zu Europa sind es hier keine Asylsuchenden, obwohl es kaum einen Unterschied macht, ob man aus Ländern wie Venezuela oder Haiti flieht, die durch Misswirtschaft oder Naturkatastrophen in den Bankrott geraten sind, oder aus Kriegsländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan. Migrar no es delito. Migration is no crime. Niemand ist illegal.