Heute war ich mit Maria im museo de Violetta Parra, die man auch die chilenische Piaf nennen könnte. Sie hat aber nicht nur Lieder geschrieben und komponiert, denen man lauschen kann, indem der Besucher einen Baumstamm umarmt, sondern auch gemalt und getöpfert. Ihre gewebten Bilder haben mich besonders beeindruckt.
Hier will ich eine lateinamerikanische Sängerin vorstellen, die in Europa so gut wie unbekannt ist, was schade ist, weil sie die Kunst lateinamerikanischer Musik auf höchstem Niveau präsentiert. So kann die Nachfahrin einer Inkaprinzessin namens Yuma Sumac mit ihrer Stimme die Laute vieler im Dschungel lebenden Tiere nachahmen. Musik aber ist ein anderes Thema. Da weiß Eduardo viel, bei dem ich demnächst wohnen und die letzten 10 Tage verbringen werde, bevor wir beide nach Peru aufbrechen, um mit meinem Bruder auf der Suche nach Felsbildern in den bosques de las rocas in den Anden herumzustolpern.

 

Danach waren wir auf dem großen Markt La Vega chica und La Vega central nahe der denkmalgeschützten Estacion Mapocho, von der aus einst Züge nach Valparaiso fuhren. Die einzige Zugverbindung, die es noch gibt, ist die von der Hauptstadt nach Chillon, etwa 500 km im Süden. Misswirtschaft, schlechte Administration, Bahnunglücke, und die als Mafia organisierte Konkurrenz der Bus-und Transportgesellschaften haben dem Zugverkehr so zugesetzt, dass die Verbindungen nach und nach eingestellt wurden. Santiago hat übrigens das größte U-Bahn-Netz aller Städte Südamerikas, und ist nach Buenos Aires und Sao Paolo das drittälteste. Ein Ticket kostet je nach Tageszeit und Status (Student, Pensionist) zwischen 210 und 740 Pesos. 700 Pesos sind umgerechnet 1 Euro. Auf ältere Menschen wird kaum Rücksicht genommen. Das liegt sicher auch daran, dass die meisten auch hier so mit ihren Smartphones beschäftigt sind, dass sie ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen.

Die Märkte in Südamerika sind ein Erlebnis und Bühne für Telenovelas, die sich live vor den Augen eines Betrachters abspielen, der in den lautstarken Warenhandel nicht einbezogen ist und die Hektik von außen mit allen seinen Sinnen wahrnehmen kann. So auch dieser Markt in Santiago; hier scheint die von Simon Bolivar angestrebte Integration aller lateinamerikanischer Länder vorweggenommen. Es herrscht organisiertes Chaos. Die ausgelegten Waren stammen nicht nur aus allen 15 Regionen des Landes selbst; wer sucht, findet hier alles: Gewürze aus der Karibik, Käse aus Venezuela, orange Chilischoten aus Peru, Fisch aus dem Pazifik, (das von einem frierenden Dominikaner filetiert wird, während der einheimische Geschäftsinhaber das Geld einstreift), Fleisch aus Argentinien und Uruguay…

Als passionierte Köchin weiß Maria, wo es die besten Äpfel gibt, auf welchem Marktstand Gemüse ohne Pestizide  oder  preiswerter Fisch zu kaufen ist. Trotz Hüftarthrose geht Maria meistens zu Fuß und ist so oft Stunden unterwegs.

Die Kultur Chiles ist wie kaum ein anderes Land Südamerikas von seinen Einwanderern geprägt. Die Küche gehört daher zu den abwechslungsreichsten in Lateinamerika. Die traditionelle Mapuche-Küche hat bis heute Einfluss auf die moderne chilenische Küche. Der Zustrom von Immigranten aus der Karibik (Dominikanische Republik und Haiti) wird sie weiterhin bereichern. Es gibt unzählige Neueröffnungen von Restaurants peruanischer, venezolanischer und kolumbianischer Herkunft, die gut besucht sind. Empanadas, die ursprünglich aus dem arabischen Raum stammen, gibt es zwar überall in der lateinamerikanischen Gastronomie, aber sie werden in Chile mit anderen Zutaten wie zB. trockenen Rosinen, Fleisch, Zwiebel und Eiern zubereitet. Europäische Einwanderer brachten auch Rebstöcke und ihre Kenntnisse über Weinbau und –produktion nach Chile. Auf perfekten Böden und bei idealen klimatischen Bedingungen werden heute Weine auf absolutem Spitzenniveau produziert. Mittlerweile gibt es auch Haselnüsse, die bis vor kurzem noch unbekannt waren. Stunden könnte ich mich hier aufhalten und diesem gutturalem Konzert aus Stimmen lauschen; die Gerüche, die vielen Farben, die über die Marktstände hin und her geworfenen, derben  Scherze der Gemüsehändlerinnen…. Eben hat ein Mann versucht, den Rest einer Ananas in eine weiter entfernte Tonne zu werfen; ein Unterfangen, das daneben ging und von einer Marktfrau mit den Worten quittiert wurde. Asi te hiziste padre? So also bist du Vater geworden?

Nach einem sättigendem Mahl  in einer der engen Gassen zwischen den Marktständen –  bedient von einer Frau aus Haiti – machen wir uns über die Plaza de Armas auf den Heimweg. Aus der Zeitung erfahre ich eben, dass die 44 Stundenwoche auf 42 reduziert werden soll. Que progresso.