Ein herzliches Dankeschön an alle, die meine Berichte lesen und/oder sie kommentieren.

„Die vier wichtigsten Himmelsrichtungen sind drei: Norden und Süden!“, schrieb Roberto Bolano, ein Schriftsteller aus Chile. Diesen literarischen Scherz versteht man nur, wenn man sich die geografischen Gegebenheiten dieses Landes vor Augen hält. 4300 km Küste von Arica bis nach Feuerland. Im Westen der Pazifik, im Osten der Wall der Andenkordilliere mit vielen 6 Tausendern, im Norden die Atacama, im Süden der durch die Maghellanstraße getrennte Archipel, den wir als Feuerland kennen. Diesen Gegebenheiten ist es geschuldet, dass Chile bis in die Hälfte des 19. Jahrhunderts beinahe eine vom Rest des Kontinentes isolierte Insel blieb.

 

Maria ist im Süden Chiles, in Temuco, aufgewachsen und eine Nachfahrin deutscher Kolonisten aus Baden-Württemberg, die 1850 angeworben wurden, das kaum besiedelte Land urbar zu machen. Damals lebten gerade mal 1,4 Millionen Menschen auf einem Drittel der heutigen Ausdehnung, die Chile erst nach dem Pazifik- oder Salpeterkrieg 1879 – 1882 mit den nördlichen Nachbarn Peru und Bolivien erreichte. Jede Familie, die sich für die Überfahrt entschloss, erhielt ein Darlehen, ein Stück Land (oft den Mapuches, Ureinwohnern weggenommen, die Eigentum an Land nicht kennen), Samen und Werkzeuge für die Kultivierung des Bodens sowie Unterhalt für das erste Jahr. Außerdem waren die Ankömmlinge 6 Jahre steuerfrei und galten sofort nach Ankunft als chilenische Bürger. Die Regierung wusste, dass sie nur durch Immigration die aufständischen Indianer befrieden, die Grenzgebiete gegen das expandierende Argentinien sichern und den Rückstand aufholen und so Anschluss an die damals  fortgeschritteneren Länder Südamerikas finden konnte.

Da Maria deutsch spricht, war sie es, die mir 1980 durch ihre Übersetzung eine Verständigung mit meinen Freunden möglich gemacht hat, bis ich nach und nach mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, mich zumindest verständlich zu machen. Sie war es, die mir mit ihrer Geduld eine neue Welt erschlossen hat.

Sie hat viele Jahre in einem der 13 Kinderdörfer gearbeitet und ist jetzt in Pension. Auch sie versucht, ihre kleine Rente aufzubessern, indem sie für die Kinder naheliegender Schulen würzige Cakes aus roten Rüben, Mehl und Butter bäckt. Im 24stöckigen Hochhaus in der Avenida Portugal hat sie für die Bewohner eine kleine Bibliothek eingerichtet. Bücher sind teuer in Chile. Alles ist teuer bis auf Kleider und Elektronik. Bescheiden lebend finanziert sie aus dem Angesparten auch das Studium ihres Sohnes Camillo, der mittlerweile zu einem stattlichen Mann mit der Statur eines Rugbyspielers herangewachsen ist. Auch Studieren ist teuer in Chile. Wie das Gesundheitswesen ist auch das der Erziehung zum größten Teil privatisiert; nur die Kinder der Reichen können sich so ein Studium auf einer der privaten Universitäten leisten, aber es gibt auch die Möglichkeit, das Studium über einen Kredit zu finanzieren, der nach dem Abschluss zurückgezahlt werden muss.

Maria will und kann ihre Herkunft nicht verleugnen und pflegt das deutsche Erbe ihrer Vorfahren. Übermorgen wird sie uns bei einem Treffen mit meinen anderen Freund-innen, Ema und Eduardo, einen Apfelstrudel machen. Ema und Eduardo waren verheiratet, als ich sie kennen gelernt habe; in Chile war bis vor wenigen Jahren nur eine Annullierung, aber keine Scheidung möglich. Sie haben sich vor mehr als 30 Jahren getrennt und in der Zwischenzeit nur einmal kurz gesehen. Dass sie meinetwegen für diesen Abend ihre Beziehungsgeschichte vergessen wollen, ehrt und freut mich ganz besonders.

Heute war ich mit Maria viele Stunden zu Fuß in der Stadt unterwegs, die ich kaum mehr wiedererkenne. Santiago – mittlerweile Schaukasten moderner Architektur in den Vierteln der Reichen,  – erlebt gerade einen ziemlichen Boom. Obwohl, – es gibt sie noch -, die Barrios mit den einstöckigen Häusern, ihren Patios und Fassaden, die mit bunten, oft lustigen Murales geschmückt sind und herausgeputzten alten Damen gleichen, denen es trotz der vielen Schminke nicht gelingt, ihren Verfall vergessen zu machen. Manche enthalten politische Botschaften, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Wie in Peru scheint es auch hier unsägliche Gewalt gegen Frauen zu geben, die selten geahndet wird. Abtreibung ist nach wie vor verboten, Homosexualität zwar legalisiert, aber noch immer von vielen als Krankheit angesehen.

 

In einem Cafe, das leider noch nicht offen war, fand ich Wände voll mit Plakaten aus der Zeit der lateinamerikanischen Befreiungskämpfe gegen die Militärdiktaturen in den 70igern, aber auch die Erinnerung an Allende und den Widerstand gegen Pinochet. Damit diese Zeit nicht vergessen wird, gibt es auch ein museo de la memoria y los derechos humanos, das mich mit einer Wand von Fotos all der in den Gefängnissen Ermordeten sehr beeindruckt hat. Der Volkssänger Viktor Jara, dem Soldaten der Junta im Stadion beide Hände abgeschlagen haben, bleibt ebenso wie Violetta Parra unvergessen.

Eine im lateinamerikanischen Zusammenhang starke, stabile Wirtschaft sowie die Rückkehr der Demokratie und der politischen Stabilität haben optimale Voraussetzungen für neoliberales Wirtschaftswachstum mit allen seinen Folgen geschaffen. Auf der Plaza de Armas, aber auch auf den Märkten und in den Straßen ist nicht zu übersehen, dass Chile derzeit eine nie dagewesene Masseneinwanderung erlebt. Aus den Nachrichten weiß ich, dass es 450.000 registrierte Immigranten gibt. Die Dunkelziffer, der „illegal“ im Land lebenden Menschen, dürfte doppelt bis dreifach so hoch sein. Das Einwanderungsgesetz ist aus dem Jahr 1976 und wurde noch nicht den neuen Gegebenheiten angepasst. Natürlich gibt es auch hier Rassismus und skrupellose Ausbeutung. Das trifft vor allem Haitianer, die nach dem Erdbeben nach Chile geflohen sind und nicht wie die anderen Immigranten aus Peru, Kolumbien, Venezuela und der Karibik spanisch sprechen.

 

 

 

 

 

 

Eben hat mir Gisela, eine Chilenin, die sich nach Venezuela verheiratet und dort fast 40 Jahre gelebt hat, ein Interview gegeben. Sie sagt, die Wirklichkeit übertreffe alles, was wir aus den Medien erfahren. Tausende sterben täglich, weil sowohl Medikamente als auch Nahrungsmittel fehlen. Die Mehrheit der Menschen muss mit ungefähr 10 Dollar im Monat auskommen. Unmöglich davon überleben zu können bei einer galoppierenden Inflation von derzeit über 1600 Prozent. Dabei sind Elektrizität und Benzin nach wie vor gratis und nicht im Warenkorb enthalten. Falls mir einfallen sollte, Venezuela als Tourist zu betreten, würde ich nicht einmal das Flughafengelände lebend verlassen. Caracas gilt mittlerweile als die gefährlichste Stadt der Welt. Verständlich, dass sich täglich Tausende auf den Weg machen und ihr Überleben in Ländern wie Chile suchen. Gisela meint, dass es zwei politische Strömungen innerhalb der von Maduro angeführten linkspopulistischen Partei (PSUV) gibt. Die eine halte es mit Kuba, die andere sei nationalistisch ausgerichtet und nach Dafürhalten von Gisela noch gefährlicher, und würde, falls sie an die Macht käme, eine Situation schaffen, wie sie in Chile unter Pinochet geherrscht habe. Schon jetzt ist es um die Freiheit der Presse schlecht bestellt und viele – auch ausländische – Journalisten bezahlen ihr professionelles Engagement mit ihrem Leben.