Nie wieder Iberia, wenn es sich vermeiden lässt. Die Sitze sind so eng, dass diese fliegende CT nur mit Sedativa überstanden werden kann. Über so viele Stunden eingeschnürt auf einem Sitz zu verbringen, verlangt eine Gelassenheit, die selbst Buddhisten nicht erreichen. Nahe einem Kreislaufkollaps bin ich den Gang entlang zu den Hostessen getaumelt, die sich so rührend um mich sorgten, dass es mir fast peinlich wurde. Eine massierte mir beide Arme, eine andere maß den Puls, eine dritte brachte Wasser.  Wenn man einen Platz am Fenster und das alte Ehepaar neben dir einen gesegneten Schlaf hat, will man es nicht aufwecken, um sich die Füße zu vertreten. Der einzige Vorteil, den dieser Platz hatte, war der olivenblaue Himmel, als die Sonne über der verschneiten Kette der Kordillieren aufging. Eine Farbe wie auf einem ex-terrestrischen Planeten.

Aber jetzt nach überstandenem Flug und 15 Stunden Schlaf, bin ich erholt und stelle fest, dass ich vom Frühlingsbeginn in Europa in den Indianersommer Chiles geraten bin; von der Großstadt, in der die entlaubten Bäume noch auf den Frühling warten, geradewegs aufs Land, wo sie eben dabei sind, ihre Blätter zu verlieren. Ein doppelter Schock: 30 Grad und alles grün.

Meine Freunde, die ich auf meiner ersten Südamerikareise 1979, also 6 Jahre nach dem Putsch, kennen gelernt habe, und dann in Abständen von 20 und 10 Jahren jetzt zum dritten Mal besuche, versuchen sich gegenseitig in Gastfreundschaft zu übertreffen. In den 3 Wochen, die ich in Chile bin, werde in in ihre Welten eintauchen.

Ema war Lehrerin und ist 63. Von den umgerechnet 150 € Pension, die ihr nach dem Zusammenbruch 2008  des von der Militärdikitatur eingeführten Systems privater Pensionskassen blieben, das die Pensionen an die Rentabilität der Pensionsfonds bindet, kann sie ihr Leben – wie Hunderttausend andere – nicht bestreiten. Sie hat ihre Stadtwohnung verkauft und ist aufs auf Land gezogen, um mit Bienen zu arbeiten. In 4 Jahren hat sie sich alle Fertigkeiten angeeignet, welche die Arbeit mit Bienen erfordert und sich jetzt mit 300 Bienenhäusern selbstständig gemacht. Spezialisiert auf die Aufzucht von Bienenköniginnen, die sie bis nach Kanada verkauft, führt sie ein bescheidenes Leben am Land und ist glücklich. Mit ihr lebt Emilia. Sie ist 83. Ema wollte nicht, dass sie in ein Heim muss und hat sie adoptiert. Ja, Ema hat ein großes Herz.

Ich verstehe wenig bis nichts von der Arbeit mit den Bienen; nur so viel: es un trabajo duro; es ist harte Arbeit, die nur verrichten kann, wer die Bienen liebt, von ihnen lebt und weiß, welche lebenswichtige Bedeutung sie auch für unsere Umwelt haben. Abgesehen davon, dass Ema mit ihnen ihr bescheidenes Auskommen findet, ist es auch ein Beitrag zur Erhaltung der Natur. In Kanada zB. sind sie mittlerweile vom Aussterben bedroht. Um das zu verhindern, gibt es staatlich geförderte Programme, welche die Finanzierung der Importe ermöglichen. Heute wurden 300 Bienenhäuser mit einem Streifen Karton immunisiert, der mit ökologischem Gift gegen aus Argentinien importierten Parasiten imprägniert ist. Da ich für die Website von Ema mit meiner Kamera ein kleines Video machen will, das die Vorbereitung für den Export von 1100 Bienenköniginnen nach Kanada dokumentieren soll, musste auch ich mich in die Schutzkleidung der Imker zwingen. Was es heißt, bei 30 Grad – umschwirrt von wütenden Bienen – in diesem Anzug mit einem Gesichtsnetz und Handschuhen 300 Bienenhäuser zu öffnen, um diesen Kartonstreifen an einer der Waben anzubringen, habe ich nur für kurze Zeit am eigenen Leib erfahren. Erstens habe ich wegen des schwarzen feinmaschigen Netzes kaum wahrnehmen können, was ich da aufnehme, zweitens war ich nach wenigen Minuten so nassgeschwitzt, dass ich bald aufgeben musste. Fast hätte ich den Schutzanzug ruiniert, nur um mich seiner schneller entledigen zu können. Wie Ema und die peruanischen „Gastarbeiter“ das über so viele Stunden aushalten, ist und bleibt mir ein Rätsel.

Meine biologische Uhr hat sich noch immer nicht umgestellt und ich wache regelmäßig gegen 4 Uhr am Morgen auf. Dann schleiche ich mich aus dem halbfertigen Haus und höre mir mit nicht sattwerdendem Blick auf den unglaublich schönen Sternenhimmel das Konzert der auf dem Land lebenden Tiere an, die noch vor den Menschen erwacht sind. Die Nächte sind unbarmherzig kalt, aber unter vier Decken zu ertragen.

Heute steht wieder knochenharte Arbeit an. Zuerst müssen die Behausungen der Bienenköniginnen mit einem Brei aus Fruchtzucker alimentiert, dann mit einem Korken geschlossen und mit einer Drahtvorrichtung zum Aufhängen versehen werden. Zu viert haben wir an einem Vormittag gerade mal 100 von 1100 geschafft. Am Nachmittag habe ich mich noch einmal in die weiße Imkertracht gezwungen, um die Suche nach den Bienenköniginnen in den Bienenstöcken zu dokumentieren. Um die Bienen zu beruhigen, die verständlicherweise wütend sind, wenn ihnen ihre Königin geraubt wird, verwenden sie einen Smoker mit Blasebalg, der beißenden Rauch macht. Frederiko arbeitet ohne Handschuhe, da ihn, wie er behauptet, die Bienen kennen. So unglaublich das scheint, dürfte es stimmen. Während wütende Bienen bei einem der Wanderarbeiter aus Peru eine Stelle fanden, wo sie zustechen konnten, bleibt er verschont. Es braucht gute Augen und einen fünften Sinn, in diesem Gewimmel die Königin auszumachen. Er pickt sie mit bloßen Fingern aus den Waben und steckt sie mit Gefährtinnen, damit sie nicht allein sein muss, wie mir erklärt wird, in die vorbereitete Hülse aus Plastik. Während sie den ganzen Nachmittag bis zum späten Abend 100 Königinnen suchen, muss ich bald wieder aufgeben, da mir der Rauch, umschwirrt von einer Wolke aggressiver Bienen, aber vor allem die Hitze zu viel werden. Nein, ich bin keine Hilfe. Vielleicht aber kann das Video einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Arbeit der Imker mehr zu schätzen.

Während Emilia und ich uns nützlich zu machen versuchen, indem wir Kartoffeln schälen, um das Essen vorzubereiten, wird gehämmert und gesägt, weil sowohl die Türen als auch die Decken in den Zimmern fehlen, und draußen bei den Bienen bis in die Nacht hinein die Königinnen gesucht. Heute hat es Ema erwischt. Am Hals und an den Armen haben sie zugestochen. Sie müssen sich beeilen, da der Export nicht nur von Königinnen, sondern von ganzen Völkern, die man in Kilo wiegt, am Wochenende stattfinden soll. Trotzdem lässt es sich Ema nicht nehmen, mir zum Abschied ein Fest zu bereiten.

Maria, meine andere Freundin ist aus Santiago gekommen, mich abzuholen. Sie hat Wein und selbstgebackenes Brot mitgebracht. In der Nachbarschaft wurde ein Schwein geschlachtet, dessen Fleisch nun auf dem Grill liegt. Der Abschied fällt mir schwer. Sie haben sich alle so bemüht, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen und mich in ihre kleine Gemeinschaft aufgenommen.