Der Herr Mayer, der einmal ein Bürgermeister war, ist einmal auf seine Beerdigung gegangen. Da hat er sich verkühlt und eine Grippe bekommen; an der ist er dann gestorben. Ja, so kann’s einem gehen, seufzt meine Mutter, um übergangslos und ohne jeden erkennbaren Zusammenhang ihren Standardsatz anzubringen: Weißt du, alt werden ist nicht lustig. Eben hat sie aus der Zeitung erfahren, – sie bleibt eigentlich nur noch der Todesanzeigen wegen abonniert -, dass die Frau meines Firmpaten verstorben ist. Mit fassungslosem Gleichmut, – das widersprüchliche Attribut hat sich mit der das Alter kennzeichnenden Eigenschaft quasi vermählt -, nimmt sie den Tod dieser Frau zur Kenntnis; nicht aber, ohne beinahe tadelnd anzumerken, dass sie ein Jahr jünger ist, also dem Jahrgang 1924 entstammt und aus diesem Grund – damit hätte sie sich auch noch Zeit lassen können (so das nicht ausgesprochen Gedachte und Unterstellte) – eigentlich noch kein Recht hatte zu sterben. Fast klingt es wie die Rechtfertigung einer Überlebenden, wenn sie den botanischen Vergleich bemüht: Unkraut verdirbt nicht!
Auf der Beerdigung, die ich stellvertretend für meine Mutter besucht habe, wurde aus dem Buch des Predigers (Kohelet) vorgetragen: Alles hat seine Zeit… Schön fand ich die lyrischen Vergleiche, welche die Beschwerden des Alterns allegorisch darstellen: „Die Wächter des Hauses (= die Beine) zittern“, der Mandelbaum (= das weiße Haar) steht in Blüte“. Vom messelesenden Priester allerdings wurde unterschlagen, dass dem Verfasser eine Auferstehungshoffnung nicht bekannt war. Wie also dieser widersprüchliche Text in die „heiligen Schriften“ kam, ist selbst den Bibelexegeten ein Rätsel. In lebhafter Erinnerung blieb mir aber etwas ganz anderes; es war der von der Tochter der Verstorbenen vorgetragene Lebenslauf, der mir auch schriftlich vorliegt. In diesem kommt folgender denkwürdige Satz vor:
„Auch die letzten beiden Wochen ihres Lebens zeichneten unsere Mama aus. Sie verabschiedete sich aktiv von vielen ihrer Freundinnen mit dem Satz, dass sie ein wunderschönes und glückliches Leben hatte und versammelte an ihrem letzten Wochenende ihre große Familie, um sich dann eiligst ohne viele Umstände von dieser Welt zu verabschieden.“
Ja, so gehört sich das. Nur keine Umstände machen. Was für ein Nachruf, hab ich mir gedacht, wenn einer Verstorbenen das als Verdienst angerechnet wird.