fussmatteFrau Floarea, eine 24h Hilfe, kommt aus Rumänien und kann kaum Deutsch. Sohn schlägt vor, dass Mutter ihr hilft. Pflegerin kommt mit Deutschbuch, schlägt eine Seite auf, findet eine mit Fragesätzen und beginnt mit dem erstbesten. Mutter soll den Satz wiederholen, um die Aussprache zu korrigieren. Mutter ist schwerhörig. Darum hat die Pflegerin neben ihr Platz genommen, um in ihr rechtes Ohr zu sprechen. Eine Win-win Situation, denkt Sohn. Mutter hat eine Ansprache, ist nicht mehr das große Baby, als das sie von den meisten Pflegerinnen behandelt wird, sondern in der Rolle einer Lehrerin und kann sich nützlich machen, wird gebraucht, hat eine Aufgabe; und die Pflegerin bekommt einen kostenlosen Deutschkurs und kann sich so für zukünftige Aufgaben besser qualifizieren. Jeden Tag 10 Wörter. Das sind 300 in einem Monat. Mit diesem Wortschatz allein kann sie es fast schon mit jedem Schüler der Unterstufe und sogar mit manchen der Oberstufe aufnehmen.

Pfl: Was brauken sie?
Mutter, mittlerweile 93, schon immer kurzsichtig, jetzt aber kaum mehr in der Lage, die täglichen Todesnachrichten in der Zeitung zu lesen, nimmt die Lupe für die Briefmarken und versucht den Satz, den sie nicht verstanden hat, mühsam zu entziffern. Die Pflegerin wiederholt nach Aufforderung lauter…
Pfl: Was brauken sie?
Mutter schaut sie an. Ihr Gesicht hellt auf. Sie hat verstanden. Nicht aber, dass sie nur die Aussprache verbessern oder korrigieren soll…
M: Ich brauche nichts.
Pfl wiederholt: Was brauken sie?
M wiederholt: Ich brauche nichts. Hab alles, was ich brauch.
Pfl übergeht die Antwort. Versteht nicht, was Mutter sagt. Fragt unerschüttert weiter: Was brauken sie?
Sohn (auf Besuch, schaltet sich ein,laut): Mama, Frau Floarea möchte, dass du den Satz wiederholst. Sie möchte wissen, ob sie ihn richtig ausspricht. Mutter nimmt wieder die Lupe.
Pfl wiederholt stur immer die gleiche Frage: Was brauken sie?
Mama schaut sie entrüstet an: Hab ich doch gesagt. Ich brauch nichts.  Hab alles, was ich brauch. BrauCH. Nicht brauk. CHhh. Sie formt einen kehligen Laut.
Pfl glückliCH. BrauCH. CHh. Was brauCHhen sie?
M:  CHh CHh
Pfl: KHh KHh
Mutter ist nicht zufrieden, faucht wie ihre Katze, die jetzt die Ohren aufstellt: CHhhhhhhhhh
Pfl.: KCHhhhhhhCHhhhhhhhhhhh
Pflegerin hat genug von den Fragen und blättert eine andere Seite auf. Jetzt soll das Modalverb „müssen“ konjugiert werden.
Pfl.: Ik mus.
Mutter schaut sie entgeistert an, versteht nicht.
Pfl.: Ik muus.
Mutter schaut fragend Sohn an, wiederholt, was sie verstanden hat.
M: Ikmus?
Pfl.: (jetzt laut und eindringlich in ihr Ohr schreiend) Ik muus. Dumuust.
Mutter hat verstanden und kippt in das Sprachverhalten derer, deren Deutsch nicht Muttersprache ist: Was du müssen?
Pfl.: Ik muus.
Mutter weicht mit dem Kopf zurück. Diese Nähe ist ihr unangenehm. Sie kennt diese Frau nicht. Ist erst zwei Tage da. Der viertel Wechsel seit letzten Sommer. Sie weiß nicht, was die Frau von ihr will und meint entrüstet: Jetzt ich nicht müssen aufs Klo. Sie vielleicht müssen. Ich nicht. ICHh CHh niCHht CHhhhhhhhhh.
Sohn (schreitet ein): Mama müde. Morgen wieder Deutschkurs. Jetzt schlafen. Er nimmt den Kalender, zeigt auf den Tag: Das ist heute, das gestern, das morgen. Jetzt aber Mama müde. Er faltet seine Hände und legt sie an den Kopf, um die Müdigkeit seiner Mutter in Gebärdensprache zu übersetzen, zeigt nochmal auf den Kalender und wiederholt: Morgen. Morgen wieder Deutschkurs. Pflegerin hat verstanden.

Win-win schaut anders aus, denkt Sohn. Mutter und ich regredieren in Kanak Sprak(CHh) und sie lernt elaboriertes DeutsCHhhhh.