P1170215Ist dir auch schon einmal auf dem heimweg aufgelauert worden, bist auch du schon einmal verprügelt worden? Oder weißt du, wie demütigend es ist, mitten in einer schulstunde in die hose zu machen, weil du in der stunde nicht aufs klo gehen darfst und neu bist und angst hast und nicht aufzeigst oder erst, wenn es passiert ist. und du hörst sie alle lachen und die lehrerin schimpft: „wenn du das wasser nicht halten kannst, sollten deine eltern einmal mit dir zum arzt gehen“ und das wasser steht in deinen schuhen und alles ist nass und du gehst aus der klasse und willst nie wieder zurück. und du kriegst einen rot-weiß-gestreiften pyjama und er ist viel zu kurz und mit dem musst du nach hause und alle gaffen und du weißt nicht mehr, wo die vollgepisste jean  verloren gegangen ist, die dir deine eltern vor zwei tagen gekauft haben, und auch die mitteilung der lehrerin, die du in ihre tasche gesteckt hast, weil der pyjama keine hat, ist weg. und morgen ist wieder schule und eine ewigkeit bis zu den nächsten ferien. und du träumst, dass die schule, wenn sie schon sein muss, nur aus pausen besteht und das leben, wenn es den namen verdienen soll, aus ferien. aber das spielt‘s nicht. das weißt du. und wenn du es noch nicht bemerkt haben solltest, hörst du es von deinen eltern. dreimal an einem tag, wenn‘s sein muss, weil du es dir nicht merken willst. und du wärst so gern bat-, super-, spider- oder hi-man oder einer von diesen wagemutigen helden im tv. dann würdest du die kinder, die dich ausgelacht haben heute, und die lehrerin, die mit dir geschimpft hat, und auch die eltern, die sich nie damit begnügen, dir nur zu geben, was für dich gut ist, sondern immer nur das beste für dich wollen, alle, die jetzt soviel macht haben und glauben, dass sie stärker sind, sie alle würdest du jetzt am liebsten in eine gefahr bringen, vor der nur du sie retten kannst, damit sie einmal am eigenen leibe erfahren, was es heißt ausgeliefert zu sein, gedemütigt zu werden, ein kleines etwas zu sein, das niemand ernst nimmt und zweitens erleben, wie stark so ein nichts in wirklichkeit ist, wenn niemand es daran hindert, an sich zu glauben, auch wenn es gleichzeitig weiß, dass es nur träumt und nichts wirklich ist, und in wirklichkeit alles ein nichts ist verglichen mit dem, was dir morgen noch alles widerfahren kann.

in ein monster verwandelst du dich, um sie zu tode zu erschrecken: dreiköpfig, schlangenhäutig, katzenäugig, doppelzüngig. du hörst sie winseln, um gnade flehen, klein werden siehst du sie, im staub kriechen. und wenn du dir das nicht mehr länger anschauen willst und anhören das gewimmer, dann wirfst du dich in deinen samtenen umhang, der außen schwarz ist und innen rot, vernichtest das ungeheuer mit list, mit todesverachtung, mit waffen, die keiner vor dir noch geschmiedet hat. du hast es besiegt, hast rache genommen, stellvertretend auch für die anderen, denen es geht, wie dir. bist müde, aber stolz. Doch niemand glaubt dir, dass du es warst, der diese Tat vollbracht hat und jetzt niemand mehr auf jemanden losgehen kann, nur weil er klein ist; aber du darfst es nicht sagen, weil du das geheimnis nur um diesen einen preis verraten kannst: nie wieder dich verwandeln, nie wieder träumen zu können. du kennst das alles und vielleicht schlimmeres. ja. sicher. es gibt schlimmeres. du bist benjamin, hast dich im uhrenkasten versteckt und musst zuschauen, wie der böse wolf deine geschwister verschlingt. du bist aschenbrödel und weinst am grab deiner mutter. du bist hänsel, der in einem dunklen verlies gemästet wird. du bist dornröschen, das sich eben mit der spindel gestochen hat. du bist der frosch, der auf dem grund eines brunnens auf die goldene kugel wartet. du bist schnee-wittchen, das mit dem schnürriemen erstickt wird. du bist der knabe, der den eisenhans befreit, aber seinen brunnen entehrt hat und nun erfahren soll, wie die armut tut. du bist das mädchen, das mit einem durch-löcherten löffel den teich ausschöpfen, das stroh zu gold spinnen, das erbsen und linsen aus der asche lesen muss. ich weiß. ich aber bin heute der, den die feuersteins im werkzeugschuppen ihres gartens gefangenhalten. und es ist mir jetzt gar kein trost zu wissen, dass alle nach bestandenen proben reich werden und glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind, heute noch leben. denn es ist dunkel und kalt. es riecht nach schimmel und moder. überall farbtöpfe. große und kleine. gießkannen. verrostetes werkzeug. ein kleines fenster mit zerbrochener scheibe, durch das milchig und trüb ein müdes licht hereinfällt. kegelartig schneidet es eine gruppe von maltöpfen heraus, als hätten sie eine bedeutung, von der ich nichts weiß. alle wissen, dass ich hier bin, versuche ich mich zu beruhigen. sie werden kommen, um mich zu befreien, da bin ich mir sicher. nur wann? schreien? „wenn du auch nur einmal schreist“, hat die rote gedroht, „dann schneide ich dir die zunge raus.“ die rote war der boss der feuersteins. wild wie eine aster, die das bisschen erde in den fugen zweier pflastersteine nutzte, um zu überleben. sanft wie ein werwolf, wenn der mond eine sichel ist. schön wie der kuss eines pumas zwischen den augen seines opfers.

das kommt davon, wenn man ein held sein will und in die hosen macht, weil man angst hat. aber wenn ich da rauskomme, werde ich zu den weißen pantern gehören. so tröste ich mich oder versuche es wenigstens.

Ich wollte dazugehören. die aufnahmebedingungen sind zwar hart, aber ich werde sie schon schaffen, habe ich mir gedacht. dann darf ich endlich auch ein schwarzes stirntuch tragen wie die andern. eine mutprobe hatte ich schon abgelegt, aber leider nicht bestanden. die frage war, wer von uns die friedensverhandlungen mit den feuersteins führen soll, da wir für den kampf noch nicht gerüstet waren und sie hinhalten wollten. wer spricht mit der roten?, fragt der boss. alles schweigt, senkt den blick, sogar erich, der unerschrockene. da könne er sich ja gleich von seinem vater verprügeln lassen, war sein einwand, und rübenackhatfröschimsackundallemachenquackquackquack sah sich schon wie bei den kannibalen in einem kochtopf über dem feuer braten, weil er so fett war, dass er das schwimmen erst gar nicht lernen hat müssen. das war meine chance. so schnell würde ich keine mehr kriegen. Die panter waren nicht wenig erstaunt, als ich mich anbot, den feind aufzusuchen, um der roten das friedensangebot zu unterbreiten. es war das erste mal, dass er auf mich stolz zu sein schien. keiner außer mir, den der boss bis dahin für einen ausgemachten feigling gehalten hatte, wollte dieses unternehmen wagen. wenn du heil zurückkommst, bist du so gut wie aufgenommen, versprach er, und ich schämte mich sogar, weil ich mir die aufnahme so leicht machen wollte. was sollte schon schiefgehen? ich würde ein weißes taschentuch auf einen stecken binden – für alle gut sichtbar, so, wie ich‘s gelesen habe – und damit auf die feuersteins zugehen, und die weiße fahne schwenken. Das ist doch das allen bekannte zeichen für jemanden, der in friedlicher absicht kommt und keine waffen mit sich führt, oder?

jetzt sitze ich grün- und blaugeschlagen in diesem werkzeugschuppen und warte auf meine befreiung. das kommt davon, wenn man so hochnäsig ist und voraussetzt, dass andere das gleiche buch gelesen haben. woher soll die rote denn von dieser zeichensprache wissen? sie spuckt auf bücher, sie hasst schule und sie verachtet den, der liest. das hätte ich doch wissen müssen. das weiße taschentuch? sie hat es wohl als fahne der panter gesehen. während ich so sitze und mir das alles durch den kopf geht, noch immer fassungslos, steht plötzlich die rote vor mir. ich will mich ducken, um die nächsten schläge zu empfangen, … da lacht sie und sagt: du brauchst keine angst haben. wir sind hier ganz allein. wir haben dich prügeln müssen, verstehst du? ich verstehe zwar überhaupt nichts mehr, aber es ist schön, ihre stimme zu hören. als würde sie ein kleines kind in den schlaf singen wollen. als sie sich auch noch neben mich setzt und mir zärtlich durchs haar fährt, beginne ich hemmungslos zu schluchzen. sie bettet meinen kopf in ihren schoß und ich möchte plötzlich ein mann sein, nicht mehr weinen und kann nicht aufhören und möchte, dass niemand mehr kommt, mich zu befreien, dass nie wieder etwas, dass nichts mehr uns trennt, aber da steht sie schon wieder auf, lässt meinen kopf auf den boden schlagen, wischt den staub von ihrem rock, bündelt ihr rotes haar, das im sonnenlicht auffunkelt und sagt – nicht mehr zärtlich, sondern barsch: „bestell deinem bruder, dass er selbst kommen soll, wenn er was will, und dass er ein feigling ist und dass er sich ein beispiel nehmen soll an dir!“ kaum hatte sie das hervorgestoßen – breitbeinig, die hände in die hüften gestemmt – machte sie auf dem absatz kehrt und wollte eben davoneilen, als sie jäh innehielt, sich noch einmal umdrehte, auf mich zuflog, mir einen kuss auf den mund gab, um dann wie eine besiegte, wie eine siegerin davonzustürzen.