Nicht weit von der Therme Montecatini, die schon von Pucchini aufgesucht worden ist und noch immer – gut besucht – das Flair des fin de siecle spiegelt, sind Villa und Park von Torrigiani in Capannori (16.Jhdt.), deren Tore erst 1967 zur Besichtigung geöffnet worden sind, ein Ziel für alle, die einen barocken Garten aufsuchen und sich eine Vorstellung von dieser sich in ganz Europa ausbreitenden Gartengestaltung und Schloss- oder Villenarchitektur machen wollen, die sich an Versailles als Modell orientiert hat.

„Wo der Garten der Renaissance Konzentration ist, ist der des Barock Expansion“, lese ich in dem empfehlenswerten Buch von Hans von Trotha „Gartenkunst: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“, dem ich meine hier verbreiteten Weisheiten verdanke. Es sind keine Orte der Abgeschiedenheit mehr. „Das Grenzenlose bis hin zum Unendlichen ist der Maßstab, in dem der Barockgarten seine Kunst entfaltet.“ (S.119) Dass er auch intimer gestaltet sein kann, ohne jedes Maß zu sprengen, wie es in Versailles geschehen ist, zeigen Villa und Garten von Torrigiani.

Nach einem Besuch der Geburststätte Leonardo da Vinci’s in den Olivenhainen von Vinci und den auf Sichtweite und auf den Kuppen der Hügel thronenden Kastelli und Wehrdörfern, in deren engen Gassen wir uns treppauf und -ab quälend gefragt haben, wie sich seine älteren BewohnerInnen versorgen, tauchen wir in der Villa Medici wieder in die mittelalterliche Geschichte einer Renaissancevilla mit Garten ein, von dem allerdings nur noch ein kleiner Teil in seiner ursprünglichen Gestaltung erhalten geblieben ist. Entschädigt wurden wir durch den Besuch der mit Fresken prachtvoll ausgemalten Innenräume. Auf Schritt und Tritt verfolgt von einer wachsamen Lady, die uns als einzige Besucher – wie uns schien – schnell wieder loshaben wollte. Ein Fries aus Terracotta mit allegorischen Szenen aus der griechischen Mythologie gilt als unerreicht in seiner Ausführung.

Von unserem Hotel aus (Villa delle Rose, preiswert mit Pool, nach Zimmer 201 fragen) – in der Svizzera Pesciatina gelegen, unternahmen wir Ausfahrten in die Umgebung; überall finden wir die auf Häusern angebrachten Vendesi-Schilder. Kein Wunder, dass die Jungen in die nahegelegenen Städte abwandern, nachdem die meisten Papierfabriken als ehemalige arbeitgebende Standorte ihren Betrieb aufgegeben haben und heute dem Verfall preisgegeben sind.

Von Pescia, der Blumenstadt, sind die ehemals verfeindeten Städte Lucca und Pisa schnell erreicht; von dort ist es nicht mehr weit, um Meerluft zu schnuppern. Während Lucca – noch immer von einem imposanten Wall umgeben – seinen Aufstieg und Reichtum der Seide verdankte, war Pisa lange eine Seemacht. Noch heute kann der Arno von größeren Schiffen bis in die Stadt hinein befahren werden. In Pisa konnten wir uns davon überzeugen, dass der Campanile, von dem aus einst Galileo seine Fallgesetze ableitete, noch immer geradezu beängstigend schief steht; wären nicht die vielen Touristen, die ihn mit Selfies abbilden, auf denen sie ihn mit ihren Händen abstützen, müsste er schon längst eingestürzt sein. Da die Stadt und somit Dom, Camposanto und Campanile – ein Rausch aus Marmor auf dem Platz der Wunder, wie er nicht ohne Grund getauft wurde – auf Schwemmlandboden errichtet worden war, darf kein Grundwasser mehr entnommen und kein Hochhaus gebaut werden, um die Gefahr eines Einsturzes des am meisten abgelichteten Glockenturmes der Welt für die nächsten hundert Jahre zu bannen.

Zurück zu den Gärten und Villen in der nördlichen Toscana, von denen Villa Reale mit seinem barocken Garten, den Grotten, dem grünen Theater, in welchem Paganini aufgespielt hat, aber vor allem die Villa Oliva Buonvisi in San Pancrazio mit der englischen Anlage zu den schönsten gehören, die wir gesehen haben.

Wenn es mir gelungen ist, den/die LeserIn für einen Besuch der Gärten und Villen in der nördlichen Toscana zu interessieren, dann habe ich mein Ziel mit dieser Schreibübung mehr als erreicht.

Herzlichen Dank für deine Geduld.