Es war ein Garten, mit dem alles begonnen hat. Seit die Nachkommen des biblischen Paares aus ihm vertrieben wurden, und Scham, Sterblichkeit und Broterwerb im Schweiße ihres Angesichts gegen Erkenntnis getauscht haben, gelten Gärten als Inszenierung der Erfüllung einer großen Sehnsucht nach paradise lost. Sie erzählen multimediale Geschichten und spiegeln nicht nur das sich über die Jahrhunderte gewandelte Verhältnis des Menschen zur Natur, sondern in seinen unterschiedlichen Ausprägungen auch die gesellschafts-politischen Ideen und technologischen Errungenschaften der Zeit, in welcher sie gebaut oder nur geplant, herbeigeschrieben, gemalt oder nur gedacht waren.

Ganz kann ich Marcel Proust nicht zustimmen: „Die wahren Paradiese sind die verlorenen.“ Sie sind keineswegs verloren. Es gibt sie nämlich tatsächlich. Es sind nicht die vielgerühmten barocken Gärten von Versailles oder von Schloss Sanssouci, in welchen dem Echo des Verlorenen nachgespürt werden kann; wir fanden es in der chinesischen Gartenkunst ebenso wie in den Villengärten der Toscana, von denen nur noch wenige so erhalten sind, wie sie ursprünglich ausgesehen haben mögen; die meisten wurden den ästhetischen Konzepten und kulturellen Strömungen der jeweiligen Epoche angepasst und umgestaltet.

Wenn wir aber den Garten des Meisters der Netze in Suzhou/China (18.Jhdt.) mit dem Renaissancegarten der Villa Garzoni (17.Jhdt.) in Collodi/Italien (Geburtsstadt von  Carlo Lorenzini, Verfasser des Entwicklungsromans Pinocchio) vergleichen wollen, fällt trotz der kulturellen, zeitlichen und geschichtlich bedingten Unterschiede auf, dass beide den strengen Regeln der Symmetrie im Rahmen einer Lehre von Harmonie folgen, in welcher Architektur, Kunst, Natur und Landschaft ein Ganzes bilden; beide verstehen sich als Abbild eines idealen Universums.

Der Gelehrtengarten in China zeichnet sich durch Mauerdurchbrüche aus, mit Fenstern und Türen, die oft hintereinander angeordnet den Garten optisch erweitern und den Ausschnitt als perfekt inszeniertes Landschaftsbild wiedergeben; er ist am ehesten mit dem mittelalterlichen Klostergarten vergleichbar, der zur Kontemplation einlädt, während die Renaissancegärten mit ihren Grotten, Fontänen, Wassertreppen, Springbrunnen und antiken Skulpturen mit Anspielungen auf die Mythologie ein teatrum mundi darstellen, in welchem die geformte Natur Kulisse, Bühne und gleichzeitig Statistin ist: In Szene gesetzt, um den im Garten Lustwandelnden zu unterhalten und allen nur denkbaren Sinnesreizen auszusetzen.

 

Der Garten von Garzoni wirkt mit seinem Treppenaufgang und den wieder in Stufen angelegten Kaskaden bis hinauf zur Figur der Fama, die ihren Stolz auf das gelungene Werk in die geschlagene Schneise hinunter posaunt, auf den Betrachter, der immer wieder einen Standpunkt in der Mitte sucht, wie ein in die Landschaft eingebettetes Gemälde. Wie gut muss ein Garten- oder Landschaftsarchitekt schon vor 400 Jahren die Pflanzen studiert haben, um zu wissen, wie sie nach ihrem von ihm nicht mehr erlebten Wachstum aussehen werden, ohne das von ihm beabsichtigte Gesamtbild zu stören.

Literatur zu den Renaissancegärten

garzoni (26)Hier in den Gärten der Toscana wird ebenso wie in denen von Suzhou das sinnesfreudige Lebensgefühl von Menschen einer Zeit spür- und erlebbar, die von der Dauer im Wandel überzeugt waren und sich Schönheit und Vergänglichkeit als ein vertrautes Paar gedacht und vorgestellt haben mussten.

Ja, diese Gärten sind wahrhaftig zum Weinen schön und gestaltgewordene Poesie. Es war ein langer Weg vom Ackerbau zur Gartenkunst. Vormals aristokratischer Luxus, heute eine weltweite Industrie, die Millionen von Arbeitskräften beschäftigt.

Würden wir Menschen alle einen Garten oder auch nur ein Gärtlein haben, könnten wir alle GärtnerInnen sein, wüssten wir sicher besser mit dem uns hinterlassenen Erbe umzugehen; Jede Pflanze, die wir groß ziehen, würde uns Demut lehren.