I

Wenn ich nur wüsste, was es war; jedenfalls war es nicht mehr da, als ich nach längerem Aufenthalt von dort zurückkam; einem Dort, an das ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte. Mach eine Liste! Mach eine Liste!, zischte es von allen Seiten. Eine Liste der Verluste. Das macht Sinn, dachte ich, und begann zu schreiben. Auf dem Weg zum Tor hinaus, treffe ich Anna. Sie hat ein weißes Nachthemd an. Im Augenblick, als ich sie zum Abschied küssen will, läutet der Wecker.

Was war das?, frage ich mich – noch zwischen Traum und Erwachen -. Anna ist tot. Wie lange ist das her?

II

Ich bin, ich weiß nicht, wo. Niemandsländlich trifft es am besten; so heißen die Orte, die keine sind, weil ihnen die vierte Dimension fehlt; es gibt keine Zeit, die vergehen könnte in einem Traum und trotzdem ein Nacheinander von Ereignissen, da selbst ein Traum ihr Fortschreiten nicht aufhalten kann; Gleichzeitigkeit, die immer stattfindet, kann selbst ein Traum nur vermuten.

Noch im Aufwachen versuche ich dem seltsam erotischen Kuss einer Jugendfreundin nachzuspüren, zu dem es auf Grund des Weckerläutens nicht mehr gekommen ist. Mach eine Liste! Mach eine Liste!, flüstern Gefährten, von denen nur die Stimmen auch einen Körper vermuten lassen, aber ohne Namen bleiben. Von einer Reise zurückkehrend muss ich feststellen, dass viel von dem, was ich untergestellt hatte, nicht mehr vorhanden ist. Angestrengt versuche ich herauszufinden, welche Verluste es sind, die ich auflisten soll; dabei trete ich aus einem Tor; verlasse ein Lager, ein Haus, Vertrautes und stehe plötzlich ihr gegenüber. Sie kommt mit einem weißen Nachthemd auf mich zu, um sich von mir zu verabschieden, wie wir es schon einmal getan haben kurz bevor sie starb. Man hatte sie zur Fahndung ausgeschrieben. Sie sollte – ohne Spuren zu hinterlassen – gefunden werden. Du musst zuschlagen, wenn sich das Opfer im Tiefschlaf befindet: Diesen Rat habe ich im Ohr, weiß aber nicht, wer ihn mir erteilt hat, nur, dass ich sie nicht verraten werde. Nie. Auch am Niemehrtag nicht, der kommen wird, obwohl er kein Ende findet. Sie sitzt im letzten Waggon, Bahnsteig 4 am Nordbahnhof. Schnell. Ich muss den Zug erreichen, bevor er abfährt und es zu spät sein wird!

III

Sie steht barfuß und in einem weißen Nachthemd mit viel zu langen Ärmeln vor ihm. Weder kann er ihre Hände, noch ihre Füße sehen. Ihm ist, als schwebe sie. Er weiß nicht, woher sie plötzlich gekommen ist. Jahre hat er Anna nicht mehr gesehen. Und sie war älter damals, hat graue Haare gehabt und keine Taille mehr. Sie zeigt ihm ein Gesicht aus der Zeit, in der sie beide noch Jugendliche waren mit etlichen Idealen im Gepäckfach eines Zuges, der jetzt auf einem Abstellgleis vor sich hin rostet. Er kommt gerade aus Räumen, die keine waren und sich doch von dem unterscheiden, an dem er sich jetzt befindet. In den Händen hält er eine Liste. Auf der sind alle Verluste verzeichnet, die er mit weniger Bedauern als Staunen einfach zur Kenntnis genommen hat. Ganz gewissenhaft hat er sie eingetragen. Ganz so, wie es ein Prokurist tut, der Bilanz zieht über Einnahmen und Ausgaben und Inventur macht. Ja, die fetten Jahre, denkt er, sind vorbei, ohne dass ich sie gefeiert hätte, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre. Eigentlich schade; aber auch die, die nun kommen, würde er genauso verbringen. Das alles geht ihm durch den Kopf, als er aus dem Kontor heraustritt und die Augen abschirmen muss, weil ein gleißendes Licht ihn blendet. Dann sieht er sie und es verlangt ihn, sie zum Abschied zu küssen, auch wenn er gar nicht weiß, warum er Abschied nehmen soll. In genau diesem Augenblick läutet der Wecker. Das feine Gespinst, das ihm der Traum gewoben hat, zerreißt, und er kann sich noch so bemühen wollen: es wird ihm nicht gelingen, ihr den Kuss zu rauben, um so mit ihr in einem stummen Gespräch zu bleiben.

IV

Sein Traum-Ich, das körperlos durch weißen Raum gegeistert ist, hatte das Nichtmehrwiederauffindbare, das Verlorengegangene, das in seiner Abwesenheit vielleicht ihm Geraubte aufgelistet, wie es ihm aufgetragen worden war. Die Verluste hatten ihn nicht wirklich berührt, ihn nicht traurig gemacht. Er hätte auch nicht sagen können, was es war, was an Verlusten aufzulisten, ihm geraten worden war. Auch nicht, von wem die Stimmen kamen, die ihm zugeflüstert hatten: Mach eine Liste! Mach eine Liste! Auch der durch das Weckerläuten vereitelte Kuss, der ihn den ganzen Tag über beschäftigen sollte, blieb eine Botschaft, die er nicht entschlüsseln wollte. Jetzt nachdem ihm Aufschub gewährt worden war, begann er mit offenen Augen den Traum fort zu spinnen. Kein Wecker sollte ihn je wieder aus diesem Schlummer wecken.