sarajevo (13)sarajevo_sight (30)Bei herrlichem Wetter und einer Sonne, die die alten Mauern der Stadt, aber auch die den Frühling herbeisehnenden Menschen wärmten, habe ich einen langen Spaziergang hinauf und hinunter die engen Gassen der in den Hügeln verschachtelten Häuser unternommen. Sarajewo zeigte sich von seiner schönsten Seite. Vom alten Zentrum Ausgang nehmend, der am frühen Nachmittag mit vielen Menschen und Scharen von Tauben bevölkert ist, die wie auf dem Markusplatz auf Fütterung warten, stärke ich mich mit einer Tasse türkischen Cafe’s, der in den Gefäßen serviert wird, die in dem Bazar nicht nur als Ware feilgeboten, sondern eben dort immer noch geschmiedet werden. Ich lausche dem Singsang des Muezzin, rieche sarajevo_sights (15)sarajevo_sights (2)das in den vielen Garküchen und Dönerstuben Gegrillte, sehe die Schwaden von Rauch, die aus den Schornsteinen des nahegelegenen Hamam quellen, alte Männer mit Fez, die an ihren Narghilanapfeifen saugen, und fühle mich, wenn ich die Augen schließe, zurück versetzt in eine Zeit, in der ein friedvolles Zusammmenleben aller in dieser noch heute multikulturellen Stadt nicht Ausnahme, sondern Regel war: Exjugoslawien.

Mit Jugendlichen diskutierend erfahre ich, dass sie die Hoffnung eines Beitritts zur EU schon längst aufgegeben haben. Es würde 10 oder mehr Jahre dauern, um die Bedingungen alle zu erfüllen, die einen Beitritt Bosnien-Herzegowinas möglich machten, meinen sie mehrheitlich, um scherzend hinzuzufügen: Bis dann hat sich die EU ohnehin erledigt. Auch wenn sie vom Leben im ehemaligen Jugoslawien unter Tito nur vom Hörensagen ihrer Eltern wissen, scheinen sie deren – sicher manchmal wehmütig verklärende Nostalgie – zu verstehen und zu teilen. Verständlich, wenn man – wie sie – von den Umständen weiß, unter denen das Dayton-Abkommen zustande kam, das in deren Augen die Teilung des Landes und seine seit 25 Jahren andauernde politische Stagnation zementiert hat.

sarajevo (28)sarajevo (32)sarajevo_sight (22)sarajevo (23)Aufbrechend und leider zu spät – entdecke ich ein Plakat, das guided Tours auflistet. Ich hätte also den in der Nähe des Flughafens gelegenen Tunnel aufsuchen können, dem einzigen Weg, der während der längsten Belagerung in der modernen Militärgeschichte in die Stadt hinaus und hinein geführt und das Überleben oder die Hoffnung auf Überleben der Eingeschlossenen möglich und genährt hat. Ich hätte der Geschichte der sephardischen – 1492 aus Spanien vertriebenen und in Sarajewo bis zum zweiten Weltkrieg ansäßigen Juden – nachgehen, oder mit einem touristischen Begleiter debattierend etwas aus seiner Sicht über den Kommunismus in Tito’s Jugoslawien erfahren können; nicht zuletzt hätte ich neben dem Besuch einer Srebenica-Ausstellung und des historischen Museums mich mit einem kundigen Führer durch die Straßen der Stadt und zu den Plätzen führen lassen können, von wo aus die bosnisch-serbischen Heckenschützen und die Armee unter dem Befehl von Karadcic und Mladic, beide mit internationlem Ruf als Schlächter vom Balkan vor das Den Haager Kriegstribunal gestellt und bis heute nicht rechtskräftig verurteilt, die Stadt unter Beschuss nahmen und Massaker verübten, von denen man nach den ethnischen Säuberungen in der NS-Zeit nicht mehr glaubte, dass sie in Europa je wieder stattfinden könnten; alles das hätte ich tun können, aber der Tag war zu schön, um mich noch länger mit dem Grauen von Damals zu befassen.

sarajevo_sights (13)sarajevo_sight (3)Feststeht: Die Wunden sind noch nicht verheilt, und je länger sich die bosnischen Serben mit ihrer Republik Srpska, eine der zwei Teilrepubliken neben der Föderation Bosnien-Herzegowina, nicht als Bosnier sehen und von einem eigenen Staatsgebiet oder einem Anschluss an Serbien träumen, ist, wie Mirza Ajdnadzic und seine Kollegen,  Journalisten des online community Radio’s eFM in Sarajewo, mir bei Zigarettenpausen erklären, eine Aussöhnung noch lange nicht in Sicht. Gut, es herrscht Waffenstillstand, meinen sie; die politische Lage und wirtschaftliche Situation stagniert nicht etwa, sondern verschlechtert sich aber von Jahr zu Jahr. Verantwortlich dafür sind vor allem die Strukturen, die Dayton geschaffen hat. Bosnien jedenfalls ist nach der Einschätzung vieler ein failed state und kein Plan für Syrien, wie manche Politiker meinen. Wie viele von den 90.000 Menschen, die vor mehr als 22 Jahren aus Bosnien nach Österreich flohen, wieder zurück gekehrt sind, – darüber gibt es lediglich Schätzungen.  Verlässliche Zahlen liegen  keine vor. Viele können es nicht sein. Wer will schon zurück in sein Dorf, wo Mitglieder deiner Familie umgebracht worden sind, und kein Klima für Aufbruch oder Wandel herrscht, fragen sie mich und geben die Antwort sich selbst: Niemand!

sarajevo (19)sarajevo_sight (6)sarajevo_sights (3)sarajevo_sights (6)sarajevo_sight (10)Wenigstens die Jahreszeiten unterliegen noch dem Wandel. Als wäre der Frühling sarajevo_sight (4)sarajevo_sight (20)sarajevo (47)eben ausgebrochen, überrascht mich ein Regen weißer sarajevo_sight (25)sarajevo_sight (15)sarajevo_sight (37)Blüten eines Apfelbaumes oben auf einem der Hügel mit herrlichem Blick in die Stadt mit seiner Geschichte aus Blut und Honig. Zu meinen Füßen die Miljacka, der Rote Fluss, wie er hier genannt wird. In der Ferne die Lateinerbrücke, auf der Franz Ferdinand I von Gabrilovic erschossen wurde, dem gleich gegenüber ein Museum gewidmet ist.  Eine Katze thront gleichmütig auf einem Dach neben dem Schornstein. Auf der gegenüberliegenden Seite kann ich die Wehrmauer eines Kastells erkennen, erbaut lange vor der Zeit der Ottomanen, die dieses Land vom 15. Jhdt. bis zur Eroberung Bosnien-Herzegowinas durch die Habsburger Doppelmonarchie 1878 beherrschten. Und eingezwängt zwischen den verschachtelten Häusern finden die muslimischen Toten ihren Platz und ihren Frieden.  Es wird sicher auch einen christlichen für die bosnischen Kroaten und einen solchen für die serbisch-orthodoxen Bosniaken geben. Auch nach dem Tod sind diese Grenzen nicht aufgehoben, die ihnen das Leben noch zu Lebzeiten erschwerten. Werden wir je aus Geschichte lernen?