20151114_101343shanghai (13)Nirgends auf meinen Reisen wurde mein Gepäck so oft gescannt wie in China. Überall, – sogar in der Metro, die aber keinen Nachtbetrieb kennt -, geht es zu wie am Flughafen. Gefinkelte Leitsysteme und viel Security versuchen die zu Ein- oder Ausgängen drängende Masse der Fahrgäste in geordnete Bahnen zu lenken. Überhaupt ist es beschwerlicher als anderswo, nicht nur, weil ich die Sprache nicht spreche und die Piktogramme für die angepeilten shanghai (12)20160129_122047Ziele nicht lesen kann, sondern vor allem, weil man unentwegt hofft, dass man wegen der Staus rechtzeitig und am richtigen Bahnhof ist, sich am Schalter verständlich machen kann, einen Sitzplatz bekommt, in den dunklen und bitterkalten Wartesälen nicht erfriert, die kryptischen Botschaften auf den Anzeigetafeln richtig deutet, man sich nicht im Datum oder der Uhrzeit geirrt hat, wenn der Zug mit der Nummer G145 plötzlich nicht mehr aufscheint, bis man endlich – steifgefroren und gleichzeitig nassgeschwitzt – im richtigen Zug oder Bus sitzt und wieder hofft, dass man auf irgendeine Art und Weise darauf aufmerksam gemacht wird, am richtigen Zielort angekommen zu sein.

Lass dich nicht schanghaien, hat mich meine Mutter vor meiner Abreise nach China gewarnt. Sie wusste auch noch eine ganze Strophe, die sie Ringelnatz unterstellte, womit sie gar nicht so falsch lag: „Auf der Brücke Schweigestill shanghai (32)P1020486wird man dich shanghaien. Keiner, wenn er helfen will, kann dich mehr befreien.“ Das Lied ist aus der Halunkenpostille und der Feder von F. Grasshof, der die Nachfolge von Kästner und Ringelnatz angetreten hat. Die Halunkenpostille wurde in meinem Geburtsjahr 1948 das erste Mal herausgegeben, wie meine Recherchen dank VPN ergaben, mit dem die chinesische Firewall überwunden werden und auf wordpress, facebook oder google m50_shanghai (19)m50_shanghai (17)zugegriffen werden kann. Hätte ich im Web recherchiert, wäre mir nicht passiert, wovor mich meine Mutter gewarnt hatte, denn die Wendung „jemanden shanghaien“, was so viel wie “jemanden ausnehmen, übertölpeln oder übervorteilen“ heißt, und ich als ein ausgestorbenes Verb einer längst untergegangenen Epoche und nicht mehr zeitgemäßen Wortschatz abgetan und belächelt hatte, ist tatsächlich bis heute aktuell geblieben, obwohl auch das integrierte Rechtschreibprogramm das Wort nicht zu kennen scheint. Lass mich aber vorerst ein bisschen in die Geschichte ausholen, bevor ich zu meiner Schande gestehen werde müssen, in eine touristische Falle gelockt worden zu sein, die ein durch viele Reisen geeichter Backpacker sofort als solche hätte erkennen müssen.

m50_shanghai (10)m50_shanghai (3)Lass dich nicht shanghaien! Der so zum Verb gemachte Name für die größte Hafenstadt der Welt mit heute 25 Millionen Einwohnern war bis zur Machtübernahme der Kommunisten 1949 Synonym für Ausbeutung und Verbrechen; ja für Sünde schlechthin. Um die Mitte des 19.Jhdts. kontrollierten die berüchtigten Syndikate und Kartelle von amerikanischen, italienischen und französischen Matrosen, britischen Tommies und DSC_004320160126_12573220151114_150933japanischen Blaujacken den Umschlaghafen für Opium, Tee und Jade und mit ihm die Kasinos, Opiumhöhlen und die Bordelle in den Rotlichtvierteln. Es war ein Verdienst der Kommunisten, die durch die wirtschaftliche Ausbeutung und politischen Demütigungen schon früh radikalisiert wurden, Slums, Kinderarbeit, Prostitution, Sklaverei, Kriminalität und himmelschreiende Armut beseitigt und die zahllosen Drogensüchtigen rehabilitiert zu haben. Sicher waren die Umerziehungslager auch nicht lustig, aber es war ein Aufbruch in eine Zukunft, die besser zu werden versprach, als es die unmittelbare Vergangenheit war.  Diese bessere Zukunft aber ließ lange auf sich warten. Tschiankaischek flüchtete mit seinen Getreuen und dem Goldschatz der Staatsbank nach Taiwan und hinterließ eine in jeder Hinsicht kaputte Stadt.

20151127_13063420151114_144021Shanghai ist eine geschichtsträchtige Metropole mit vielen Aufständen, Massakern und Kämpfen zwischen der Kuomintang und den Kommunisten, aber auch gegen die Besatzungsmächte, vornehmlich gegen die japanische. Menschen in meinem Alter und älter müssen alle Zeitzeugen der letzten blutigen 20151114_14370620151114_160159schanghai (27)Auseinandersetzungen gewesen sein; übrigens hat es viele Österreicher und Deutsche während der Nazizeit hierher verschlagen, die in einer Verschiffung nach Shanghai ihre Rettung sahen, weil kein Visum verlangt worden ist. Um dem wachsenden Wohnbedarf auch durch den Zustrom der in die westlichen Konzessionen geflohenen Chinesen gerecht zu werden, entstanden die sogenannten Shikumen-Häuser, die den Arbeitersiedlungen in Manchaster nachempfunden waren. 70% dieser Siedlungen wurden nach der Öffnung Chinas mit einer marktorientierten Wirtschaft und dem daraufhin stattfindenden Bauboom, der keine Rücksicht auf 20160127_11452920160127_112531historisch gewachsene Architektur nahm, niedergerissen. Wie dieses Shanghai zu einer Zeit aussah, als das Rote Wien in Bezug auf arbeiterfreundlichen Wohnbau weltweit eine Vorreiterrolle übernommen hatte, konnten wir bei einem Besuch in den engen Gassen eines Restbestandes von 20160127_114817shikumen_ (1)Shikumenhäusern nur noch vermuten. Das Mobiliar, die Fotos und die Alltagsgegenstände aus jener Epoche, die in einem zum Museum umgewidmeten Haus zu sehen waren, machten Charme und Flair der 20iger Jahre in einer Mischung aus chinesischen und westlichen Einflüssen lebendig. An der Wand eines Zimmers, 20160127_11171620160127_11232920160127_111908in dem ein Teenager gewohnt haben muss, waren Poster von Moviestars angebracht, in der Ecke stand eine Singer und auf dem Schreibtisch waren gerahmte Schwarzweißfotos, die das Mädchen zeigten, wie es noch ein Kind war. Wären die Poster nicht schon so verwaschen gewesen und hätten weniger vergilbt ausgesehen, hätte man meinen können, dass das Mädchen das Zimmer erst vor wenigen Minuten verlassen hat.

Während ich gestern noch bei strahlendem Sonnenschein die Nanking Road entlang gelaufen bin, um zum Bund zu gelangen, der Promenade von Shanghai mit dem Blick auf die Skyline von 20151127_12482120160128_104654pudong (9)Pudong, regnet es heute wieder und taucht die Stadt mit den Wohntürmen, die in ganz China wie Pilze aus dem Boden schießen und die meisten von einem einzigen Architekten auf dem Reißbrett entworfen zu sein scheinen, in ein trübes und fahles Licht. Als hätte jemand einen Pinsel statt in Tusche in Wasser getaucht, so verschwinden die letzten Stockwerke der Hochhäuser im Nebel. Wenn aus irgendwelchen Schächten auch noch der Dampf aufsteigt und sich die bunten Neonlichter der um Aufmerksamkeit schreienden Reklame in den Pfützen spiegelt, man die Menschen sieht, die selbst noch im Gehen – aus den U.Bahnschächten kommend – unter Schirmen mit ihren Smartphones kommunizieren, könnte man beinahe glauben, sich in einer Szene eines science fiction oder schwarzen Utopie verirrt zu haben.

schanghai (24)shanghai (33)Übrigens zeigen die großen Werbeflächen ausschließlich Frauen und Männer, die nicht mehr chinesisch ausschauen, sondern mit heller Haut und operierter, doppelter Lidfalte eher einem eurasischen Schönheitsideal entsprechen. Geworben aber wird meistens mit europäischen Langnasen. Was auffällt, ist auch, dass die Menschen, die wir zu Gesicht bekommen haben, – abgesehen von den manchmal skurrilen Motiven auf den Mundschutzmasken – in 20151127_122418shaanghaimuseum (8)Bezug auf Kleidung mit trendiger Mode oder ausgefallener Frisur nicht aus der Reihe tanzen wollen. Habe während der ganzen Reise zB. keinen einzigen Punk gesehen. Konformismus also nicht nur in Bezug auf Architektur, sondern auch, was Mode angeht. Die Straßen sind so sauber wie in der Schweiz. Ein Heer von Angestellten in schwarzen Uniformen sorgt im öffentlichen Dienst für – in unseren Augen – sinnentleerte 20160128_11483520160128_121356Vollbeschäftigung. Jede Toilette scheint Arbeitsplätze zu sichern. Heute – beim Besuch des Urban Exhibition Hall – empfingen uns gezählte 16 Angestellte im Eingangsbereich. Shanghai romantisiert nicht nur seine Vergangenheit und feiert sich selbst in der Gegenwart, sondern hat eine kühne Vision der Zukunft, die alle 20160128_11582920160128_114814Pessimisten Lügen straft. Bis 2040 soll das kontaminierte Wasser der Seen und Flüsse trinkbar, jeglicher Müll recycelbar und die Pollution beseitigt sein. Fast möchte man es glauben, wenn man Fotos der Stadt von vor 30 Jahren und heute sieht.

20160126_135916Die M50 Art- Zone, ein aufgelassenes Industrieareal mit angesagten Galerien, Künstlerateliers, Designagenturen und hippen Shops, die wir aufsuchen, weil wir uns für zeitgenössische Kunst in China interessieren, ist unserer Meinung nach sicher nicht – wie in Foren zu lesen – mit SOHO in NY zu vergleichen. Wenig wirklich Neues. Vielleicht die gerahmten Bilder, wo Fotokünstler und Maler mit Nerds aus der IT-Branche zusammen arbeiten, um sie multimedial und interaktiv zu präsentieren;  auch die von einer koreanischen Künstlerin geschaffenen und der Vergänglichkeit preisgegebenen Werke aus Seife haben es uns angetan.
20160127_140250long_museum (17)Das Long Museum im West Bund,  eines der zwei von Liu Yiqian and seiner Frau Wang Wei, gegründete Museen, ist schon architektonisch interessant und die größte private Institution von Kunst-long_museum (20)long_museum (40)sammlungen traditioneller, moderner und zeitgenössischer Kunst in China. Dass systemkritische Kunst fehlt, war keine Überraschung: Vielleicht das der Pop-Art nachempfundene Gemälde von Mao und Jesus? Vielleicht das eines hohen Parteifunktionärs (Mao?) auf einer Leiter, der einen Pinsel in eine Palette mit roter Farbe (Blut?) taucht?

Gut, ich sehe schon, ich komme nicht umhin, mein Versprechen einzulösen und meine Schande zu gestehen. Ich habe mich tatsächlich shanghaien lassen und war obendrein noch etliche Zeit danach im guten Glauben, etwas erlebt zu haben, was nur wenigen Langnasen widerfährt: Eine Einladung von Einheimischen in ein local teahouse mit der dazugehörigen zeremoniellen Verkostung diverser Teesorten in allerdings erstaunlich kleinen Porzellantassen, die man in der Faust hätte verschwinden lassen können, so klein. Und für 300 Yuan ein stolzer Preis, wenn man bedenkt, dass ich lediglich 5 Mal aus diesen Tässchen aufgewärmtes Wasser in verschiedenen Farben und unterschiedlichen Aromen long_museum (43)geschluckt habe. Alles ging ganz schnell. Eine junge Dame sprach mich an, ob ich nicht ein Foto schießen könne mit ihr und ihren Freundinnen. Wer will da Nein sagen oder eine Falle ahnen? Da ich auf der Suche nach dem Museum bin und sie englisch sprechen, frage ich – die Gelegenheit beim Schopf packend – nach dem Weg. Sie raten mir, das Museum später zu besuchen, da der Andrang um diese Zeit zu groß sei, was ich auch in meinem Führer gelesen habe, und schlagen mir stattdessen vor, sie in ein Teehaus zu begleiten, das aufzusuchen sie gerade unterwegs seien. Zu dritt reden sie auf mich ein und zeigen – sich gegenseitig ablösend – ein ungewöhnliches Interesse an mir; versichern mir, dass ich noch nicht so alt aussehe, wie ich bin – wer möchte das nicht glauben -, und scheinen tatsächlich sich long_museum (68)darüber zu freuen, einen Fremden, der aus dem schönen Land von Mozart kommt, in die tausendjahralte Teehauskultur ihres Landes einzuführen. Plötzlich biegen sie in eine ärmlich aussehende Seitengasse, wo wegen der ersten Sonne nach Regen und nie dagewesener Kälte Wäsche über alles gehängt wird, was den Vorgang des Trocknens beschleunigen hilft, und dann in einen Hauseingang, der mich nie und nimmer vermuten hätte lassen, dass dort ein fensterloser Raum sein würde, gerademal so groß, dass wir zu viert um einen Tisch Platz haben, auf dem die zur Zubereitung – in der Sprache des Zeremoniells – zum „Aufwecken des Tees“ (wie es hier heißt) scheinbar notwendigen Gerätschaften bereit lagen. Eine junge Frau, die mir als Tibeterin vorgestellt wird, betritt den Raum, der mit dem gewebten Bild eines Mönches geschmückt ist, und beginnt mit der Zeremonie – wenn man die ziemlich profane long_museum (35)Pritschelei mit warmem Wasser so nennen will. Ich darf wegen des buddhistischen Mönches an der Wand weder fotografieren noch eine Audioaufnahme des „außergewöhnlichen Events“ machen, was ich sehr bedaure. Die jungen Damen übersetzen ins Englische, um welchen Schluck Tee es sich gerade handelt, und zeigen mir, der ich noch immer hoch beschwingt bin von so viel mir geschenkter Aufmerksamkeit, wie ich das Tässchen mit Zeigefinger und Ringfinger halten muss. Sie fragen mich, wie man in meinem Land sagt, wenn man mit Gläsern anstößt, und bin froh, dass mir bei jedem Prost, das nun von allen am Zeremoniell Beteiligten ausgesprochen wird, nicht das Schälchen aus der Hand fliegt oder gar zerbricht. Jetzt bekomme ich einen Schluck des bittersten Wassers, das ich je gekostet habe. Da jeder Schluck für etwas Anderes gut war, und – wie mir am Beispiel einer frühzeitig verstorbenen, aber reichen Tante versichert wird, Gesundheit viel wichtiger sei als Reichtum -, wird jetzt ausgiebig auf meine Gesundheit angestoßen. Von dem Bitteren darf ich mehr kosten, als mir lieb ist. Jetzt wird mir eine Karte ausgehändigt, aus der mit kundiger Übersetzungshilfe hervorgeht, dass jedes Schälchen schon genossenen Tees 49 Yuan long_museum (21)koste und wir nun bei der Hälfte angekommen seien. Ich überschlage im Kopf und stelle fest, dass ich in weniger als 10 min 6 verschiedene Teesorten verkostet habe und mich das bis jetzt schon 300 Yuan kosten wird, wenn sie nicht davon ausgehen, dass sie von mir eingeladen werden, was ich jetzt gleich richtig stelle, damit keine Missverständnisse aufkommen. Für 300 Yuan kann ich immerhin 10 mal Essen gehen. Da wir nun die stattliche Summe von 1200 Yuan teilen und ich auf die Mitnahme einer kleinen Teebox für weitere 450 Yuan verzichte, wird unvermittelt aufgebrochen. Sie begleiten mich noch ein paar Meter, bis wir wieder auf einer verkehrsumtosten Straße sind, deuten mir die ungefähre Richtung, in der das Museum zu finden sei, und verabschieden sich, mir viel Gesundheit wünschend.

long_museum (46)Nun, es hätte auch anders ausgehen können, wie Einträge von Touristen auf der Website von Trip-Advisor belegen. Die Teeverkostung hätte 980 Yuan kosten, der Tee mit einer Droge angereichert sein können, was dir einen langen, tiefen Schlaf beschert, aus dem du mit den Unterhosen und dem Verlust all deiner belongings wieder aufwachst. Shanghai heute wird mit NY in den 80igern verglichen. Das Klima ist rauer als in Suzhou oder anderen Städten weiter im Landesinneren, die Leute nicht mehr ganz so freundlich, wie wir sie überall sonst angetroffen haben. Ein Bettler, der von mir nicht die von ihm erwartete Summe Geldes erhalten hat, schlug mit seinem Stecken auf die Tischplatte, dass mein Teller einen Satz machte und die Nudelsuppe überschwappte, für die ich das Fünffache bezahlt habe, was Einheimische für eine solche berappen. Das aber waren – um mit der Kirche im Dorf zu bleiben – die einzigen schlechten Erfahrungen mit Menschen, die ich während meines einmonatigen Aufenthaltes in China gemacht habe. Die wenigen wirklich schlechten Erfahrungen, die ich auf Reisen meiner Naivität wegen habe machen müssen, wiegen bei Weitem nicht alles das auf, was mein fehlendes Misstrauen gegenüber Menschen in der Fremde mir an bereichernden Begegnungen beschert hat. Genug davon. Wir haben nur eine Woche Zeit für Shanghai und wollen so viel als möglich sehen, bevor es wieder zurück geht nach Österreich, wo uns die nicht enden wollende Flüchtlingsdebatte, Diskussion über Obergrenzen und Errichtung von Zäunen oder „Türen mit Seitenflügeln“, wie Bundeskanzler Faymann beschönigend meinte, im Schengenraum erwartet.