Im Talmud steht der Satz: Wir sehen nicht, wie die Dinge sind; wir sehen die Dinge, wie wir sind. Das gilt auch für das Fotografieren, welches mein Sehen auf Reisen im Takt der sich mir anbietenden Motive festhält, bannt, DSC_0011einfriert; das alles im Versuch, den Augenblick der Vergänglichkeit zu entreißen, den Veränderungen, letztendlich dem Tod zu trotzen. Jedes Foto gibt mit der Wahl des Motivs, ja sogar mit seinem gewählten Ausschnitt etwas von der Person preis, die es macht. Was zeige ich? Was nicht? Was kann nur schriftlich festgehalten werden und kommt ohne Bild aus? Zum Beispiel, dass hier Kleinkinder keinen Schnuller haben, die Häuser frei von Schornsteinen sind, es kaum beheizte Räume gibt, selbst wenn die Temperaturen unter Null gehen? Die Maus, mit der ich im Dashboard meines Blogs navigiere, ist so kalt, dass ich lieber auf dem Touch-Pad bleibe. Die Menschen so hilfsbereit, dass sie große Umwege in Kauf nehmen, um uns auf den richtigen Weg zu bringen , auch wenn sich des öfteren herausstellt, dass es der falsche Bahnhof, der falsche Bus ist. Kaum stehen wir hilflos herum, da wir weder die Zeichen noch die Sprache verstehen, kommt jemand, zückt sein Smartphone und versucht über Übersetzungsprogramme mit uns zu kommunizieren. Der Taxifahrer sucht ein Hotel, das sich in der Nähe des Bahnhofes befinden soll, scheint es aber nicht zu finden. Während das Radio plärrt, das Funkgerät Zischlaute von sich gibt, die sich anhören, als würde ein Zündkabel unter Strom stehen, navigiert er mit dem Smartphone und telefoniert gleichzeitig. DSC_001320160121_131708Irgendwo hält er, zeigt mir das Display mit der kryptischen Botschaft: „the waiter is coming soon“  und bedeutet uns auszusteigen. Da ist aber weit und breit nichts; eine Karaokebar, ja, aber kein Hotel. Doch: Eine Frau biegt um die Ecke und winkt. Wieder einmal gut gegangen. Sie ist vom Hotel. Das alles können Bilder nicht festhalten, doch manchmal etwas illustrieren, was keiner Worte bedarf. Immer wieder hoffe ich, dass mir der Mix aus beidem gelingt.

20160121_11361520160121_11371320160121_113743Fotografieren hat was von Jagen und Beute machen. Sagen wir nicht „ein Foto schießen“ oder „das ist gut getroffen“ und meinen damit das Motiv, welches in grauer Vorzeit einmal das Tier war, dem wir nachstellten und später zwischen Kimme und Korn nahmen? Fotografieren ist also – kulturhistorisch betrachtet – eine ars martialis; selbst das Klick, wenn uns ein guter Schuss gelungen ist, ahmt noch das Surren des Bogens nach, wenn der Pfeil von der bis aufs äußerste gespannten Sehne schnalzt, oder hört sich an wie das Auswerfen der Patrone nach dem Schuss mit einem Repetiergewehr. Klick. Sprechen wir nicht auch von einer Fotosafari? Anvisieren, zielen, schießen? Klick! Der Fotoapparat also als Waffe moderner Beutejagd oder Werkzeug der Aneignung und Inbesitznahme. Ist die Analogiebildung zu gewagt? Zeugt es nicht von unserer Überheblichkeit, wenn wir als jingji (90)Aberglauben naturnaher Völker belächeln, was wir im Zeitalter der Reproduzierbarkeit und Digitalität mit Privatsphäre zu schützen versuchen: das ungefragte Portraitieren von Menschen im öffentlichen Raum? Geht nicht mit jedem Bild, das wir uns von Welt machen, etwas von ihrer Unschuld verloren? War ich dort, wo ich war, wenn ich es nicht mit einem Bild dokumen-tieren, es mit einem Foto beweisen kann? Am besten mit einem Selfie, für das der Hintergrund zum Alibi wird, und alles, was wir als sehenswürdig ansehen, zur austauschbaren Kulisse verkommt?

20160121_131414(0)20160121_13414020160121_140143Ich will nicht werten, nur fragen und mein eigenes Tun reflektieren. Diese sicher nicht neuen Gedanken kamen mir in Dhazai, einem Dorf in den Reisfeldern von Longji. Die schon vor 700 Jahren von den hier angesiedelten Minderheiten der Yao‘s und Zhuang‘s angelegten Terrassen schauen von oben wie hintereinander gestaffelte Brotscheiben aus, deren Rinde die Stützmauern sind. Die Reisfelder wurden vor wenigen Jahren von einem Fotografen entdeckt. Seither strömen eine halbe Million Menschen jährlich durch das Dorf und klicken sich mit ihren Smartphones – ich habe noch einen Fotoapparat – durch seine engen Gassen.

jingji (22)jingji (33)Für die Touristen wird von den Yao-Frauen eine Folklore-Show dargeboten, die das in Wirklichkeit sicher karge und entbehrungsreiche Leben und mühevolle Arbeiten in den Reisfeldern romantisiert. Der Höhepunkt der Veranstaltung ist erreicht, wenn die Yao-Frauen ihre schwarzglänzenden, meterlangen Haare wie Rapunzel herzeigen und sie dann geflochten wieder auf den Kopf binden. Nach der Vorstellung ein Spießrutenlauf, weil die Yao-Frauen uns die in langen Winternächten gewebten Tücher verkaufen wollen. wir können nur erahnen, wie schön der jingji (36)jingji (75)Blick auf die Reisfelder sein muss: schneebedeckt im Winter, leuchtend grün im Sommer, wenn sich der Himmel im Wasser spiegelt und korngelb im Herbst, wenn der von der Regierung subventionierte Reis geerntet wird. Dies Mal haben wir kein Glück, da die zum Gipfel der Berge hin mäandernden Reisfelder in Nebel gehüllt sind. Unser Führer gibt sich redlich Mühe, uns die Geschichte der licetellaces näher zu bringen, und wiederholt die wichtigsten Infos, bis zu drei Mal, was seinen Ansprachen etwas gebetsmühlenartiges verleiht. Selbst die Klopausen sind verordnet. Nie wieder eine guided tour.