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Mit dem High-speed-train von Suzhou nach Changsha. Einen Zug kann man nicht einfach besteigen, einen Sitzplatz suchen, falls man keinen reserviert hat; eine Zugfahrt kann von Ausländern auch nicht im Internet gebucht werden, da ein Ticket nur mit Pass erstanden werden kann. Auf dem Bahnhof geht es wie auf einem Flughafen zu. Nach etlichen Sicherheitskontrollen darf man eine Viertelstunde vor Anfahrt auf den Bahnsteig und begibt sich dort auf die im Fahrschein markierte Stelle. Der Zug kommt mit vormals deutscher Pünktlichkeit. Die Sitze sind für uns Langnasen ziemlich niedrig und lassen für die Füße wenig Spielraum. Der Zug erreicht Spitzengeschwindigkeiten von über 350km. Sicht aus dem Zugfenster keine. Kein Nebel, Smog, was hier euphemistisch mit „cloudy“ umschrieben wird. Um 11:30 ist Lunch-time in ganz China. Da werden die mitgebrachten Nudeln ausgepackt und mit heißem Wasser übergossen. Die meisten sind mit ihren Smartphones beschäftigt, für die es einen Stromanschluss bei den Sitzplätzen gibt. Entweder ist es WeChat, die chinesische Variante von Facebook, mit dessen Hilfe nicht mit den Lippen, sondern mit den Fingern geplaudert wird oder es werden chinesische Soaps geschaut.20160110_17000120160110_17013820160110_17143820160110_184617

 

 

 

Nach 6 Stunden sind wir in Changsha, der Hauptstadt von Hunan und eigentlichen Wiege der chinesischen Zivilisation. Schon vor 3000 Jahren war Changsha, an den Ufern des Xiangjings gelegen, Mittelpunkt des chinesischen Reismarktes und berühmt für seine Kultur. Ganz in der Nähe befindet sich auch das Dorf, in welchem „der große Führer und wie ein Gott verehrte chairman“ Mao zur Welt gekommen ist.
20160110_18575420160110_19364220160110_201025Wir werden von Mike, einem chinesischen Studenten erwartet und abgeholt, den meine Freundin im Wiener Cambridge Institute kennen gelernt hat. Er ist rührend um uns besorgt und liest uns alle Wünsche von den Lippen. Mittlerweile ist fast übergangslos die Nacht hereingebrochen. Changsha hat tropisches Monsunklima. Es regnet, aber immer nur kurz. Der Lärm auf den Straßen ohrenbetäubend. Aus jedem Geschäft dringt Musik und vor den Geschäften stehen Angestellte, die mit Headset lautstark ihre Waren anpreisen. Lautsprecher fanden wir aber auch auf den Wiesen des Campus in Suzhou, auf den Schulhöfen, in Parkanlagen, heute sogar einen als Stein getarnt.
Die Stadt hat so viele Einwohner wie ganz Österreich und platzt aus allen Nähten. In China herrscht ein unglaublicher Bauboom.
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Mike zeigt uns das größte Restaurant der Stadt, das in einen Innenhof mit Tempelanlage und einer öffentlichen Bühne führt, auf der gerade eine Operette gezeigt wird. Für meine Ohren lediglich schrilles Geschrei. Für heute genug gesehen.
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yuelu mountain (44)yuelu mountain (45)yuelu mountain (27)Am nächsten Tag wartet wieder Mike auf uns. Da die Museen am Montag geschlossen sind, will er mit uns auf den Yuelu-mountain. Der Blick aus dem Hotelfenster war zwar wenig einladend, aber der Spaziergang auf den Berg zu den über 1000 Jahre alten Pavillions, Schreinen und Tempeln der zwei großen chinesischen Philosophen Konfuzius und Laotse, buddhistischen und taoistischen Klosteranlagen und vor allem zur Yuelu-Academy ließen mich meinen Unwillen, das warme Hotelzimmer verlassen zu müssen, schnell vergessen.
yuelu mountain (26)yuelu mountain (62)yuelu mountain (64)yuelu mountain (9)Der Taotempel ist einer der fünf heiligen Tempelanlagen, die sowohl die japanische Besatzungszeit als auch kurz darauf das Wüten der Kulturrevolutionäre überlebt haben. Leider bin ich mit den Legenden und Mythen des aus Indien importierten Buddhismus zu wenig vertraut, um die überlebensgroßen Darstellungen von Gottheiten, vor denen Gläubige ihre Räucherstäbchen – sich in zwei Richtungen verbeugend – verbrennen. Im kommunistischen China bekennen sich nur noch 10% zu einer Religion, Mike aber meint, dass die Menschen sehr abergläubisch sind und noch immer die alten Götter anrufen, um mit ihnen einen Deal auszuhandeln.
yuelu mountain (70)yuelu mountain (61)yuelu mountain (76)Die Anlagen der Yuelu-Academy (heute Hunan University), die in ihrer tausendjährigen Geschichte neben Revolutionsführern wie Mao auch bedeutende Generäle und Philosophen hervorgebracht hat, ist überwältigend schön. Wieder die durchbrochenen Fenster, die den Blick auf arrangierte Szenarien frei geben und mit Pflanzen, Steinen und Wasser eine harmonische Einheit bilden.
Morgen um 4 Uhr aufstehen, weil es der einzige Zug ist, diesmal ein hard seat train, der uns in das unaussprechliche Zhangjiajie bringen wird, wo wir das erste Mal aus dem Moloch der Städte in die freie und nicht von Menschenhand gestaltete Natur kommen werden.