Fotoalben Mama1Heute sah ich ein kleines Kind. Da es noch nicht aufrecht sitzen konnte, verharrte es reglos in einer Position zwischen Sitzen und Liegen – eingekeilt zwischen seinem älteren Bruder und seiner Mutter, denen ich in einer U-Bahn gegenüber saß. Es schaute mich an, wie es nur ein Kind kann, weil seine Augen noch neugierig und hemmungslos staunen dürfen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Es schaute mich an oder durch mich hindurch, ohne seinen Blick zu senken; nicht verstohlen aus den Augenwinkeln in der Hoffnung, dass sein Interesse an seinem zufälligen Gegenüber nicht entdeckt würde,  wie es wir Erwachsene tun; es schaute mich unentwegt an, ohne auch nur einmal für die Zeit zwischen zwei Stationen seine Augen auch nur für Sekundenbruchteile zu schließen. Je länger ich in diese Augen schaute, denn es schien auch mir kein Sehen möglich, da es ein Erkennen und den durch Erfahrungen gewonnenen Versuch voraussetzt, das Gesehene einzuordnen, je länger ich in diese Augen schaute, die durch nichts abgelenkt, mich ohne Absicht anstarrten oder durch mich hindurch schauten, umso mehr verlor ich mich. Dazu kam, dass weder mein Lächeln, das mit zunehmendem Alter der Anblick eines Kindes mir in das Gesicht zaubert, ein Lächeln, das auch um den Mund der Frau spielte, die neben mir Platz genommen hatte, wie ich mit einem flüchtigen Seitenblick feststellen konnte, – dass also weder mein Lächeln noch mein Grimassenschneiden, um seine Aufmerksamkeit nicht erlahmen zu lassen, irgendeine Regung, ein als Kommunikation deutbares Mienenspiel im Gesicht des Kindes hervorrief, was mich zutiefst irritierte, bis ich zu dem vorläufigen Schluss kam, dass diese Kommunikation weder eines Lächelns und noch weniger des Grimassenschneidens bedurfte, weil sie ausschließlich über die Augen stattfand. Nichts, aber auch schon gar nichts erschloss mir, was es sah, als es mich anschaute, während der neonhell erleuchtete Zug mit seinen Passagieren in einer Nacht im Dezember durch das ihm gebohrte Tunnel raste, die Mutter auf dem Touchscreen ihres Smartphones mit violett lackierten Fingernägeln tippte und wischte, und sein Bruder gelangweilt durch ein Fenster schaute, das keinen Blick nach draußen zuließ, sondern lediglich sein Gesicht spiegelte, das er selbst aber nicht wahrzunehmen schien.

Ich konnte das Schauen des Kindes nicht mehr deuten, da es seine Neugier in der Zwischenzeit eigentlich gestillt haben müsste. Seine Augen fixierten mich, teilnahmslos wie die Augen von Kühen auf einer Almwiese, nicht melancholisch, tief und seelenvoll, wie wir es ihnen zu unterstellen geneigt sind, aber auch nicht glotzend; es ist ein Schauen, das noch durch kein Sehen verdorben wurde und von seinem Schauen nichts weiß. Oder sieht es einen in Stoffstreifen mit Reißverschluss und Knöpfen eingenähten Erwachsenen und denkt: Was führt er sich auf? Was feixt er?  Glaubt er, mich mit seinem Grimassieren für sich einnehmen zu können? Will er etwa, – indem er mir schöne Augen macht -, mit meiner Mutter anbandeln? Nein; es ist noch kein denkendes Schauen, das das Gesehene einordnen will, so weit es ihm sein Schatz an Begriffen erlaubt. Es ist ein ichloses Schauen. Ja, ein ichloses Schauen, das ist es. Ich glaube, das trifft es. Wir schauen und suchen in seinen Augen uns selbst: Das Kind, das wir einmal waren; und wir tun es im Wissen darum, dass uns dieses Schauen selbst nie wieder gelingen wird.

Mir kam Marina Abramovic in den Sinn, die vor wenigen Jahren  während der Öffnungszeiten im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) 75 Tage lang Blickkontakt mit den BesucherInnen ihrer Performance hielt. Viele – so berichteten Augenzeugen – waren zu Tränen gerührt, weil ihnen jemand Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Wenn Augen die Fenster zur Seele sind, dann war es mehr als das: Sie durften sich angstfrei in den Augen eines anderen verlieren und hatten gleichzeitig das Gefühl, wirklich wahrgenommen worden zu sein.

Der Wagen hielt, und ich wurde aufgefordert, auf der rechten Seite auszusteigen, dabei aber den Spalt zwischen Bahnsteig und Zug zu vermeiden. Als ich aufstand, strafte das Kind alle meine Gedanken Lügen und schenkte mir ein Lächeln, das den sprachmächtigsten Vergleich in den Schatten stellt. Es war, als hätte jemand einen Vorhang aufgerissen, mir Neugier und Vorurteilslosigkeit in ihrer reinsten Ausprägung zu offenbaren.