taucher2Akim lag auf dem Grund eines See’s und wartete, bis sich der Sand, den er aufgewirbelt hatte, wieder auf den Boden senkte. Die Sonne drang durch die Oberfläche seines  topasgrünen Spiegels und schuf einen quer einfallenden Schacht aus honiggelbem Licht. Er fühlte sich geborgen.
Und wie hat er geatmet?, unterbrach Mika seine Mutter, die ihm – wie jeden Abend – eine Gutenachtgeschichte vorlas.
Das weiß ich nicht, antwortete seine Mutter. Vielleicht ist Akim ein Fisch.
Mika gab sich damit zufrieden.
Lies weiter!, bat er sie.
Akim also fühlte sich geborgen. Er lag auf dem Rücken und wollte gerade die Augen schließen, weil er sehr müde war, als plötzlich ein riesiger Fisch mit metallisch glänzenden Schuppen unter der Oberfläche des Wassers dahinglitt, ohne auch nur einmal mit seinen mächtigen Schwanzflossen zu rudern. Seine leblosen Augen starrten auf Akim hinunter. Als er laut- und schwerelos den Lichtschacht durchquert hatte und genau über ihm war, warf er nicht nur seinen Schatten auf den Grund, sodass es ihm urplötzlich kalt wurde, gleichzeitig nämlich entstand eine Wolke aus pilzartigen Quallen, die in allen Farben zu glühen begannen und wie aus seinem milchfarbenen Bauch gekommen zu sein schienen.  Was Akim aber noch mehr erstaunte, war, dass sie alle auf ihn einredeten, oder kam es ihm nur so vor: Ich liebe dich!, flüsterte eine, und machte eine ulkige Verbeugung; es tut mir so leid, eine andere; verzeih mir!, wieder eine andere, und Ich danke dir, eine vierte.
Mama, fragte Mika seine Mutter, was sind Quallen?
Sie strich über seine Stirn und tippte mit ihrem Zeigefinger sachte auf den Punkt, wo sie sein drittes Auge vermutete: Wo siehst du Quallen, Mika?
Und sie las weiter: Akim lag auf einer Wiese. Ein Flugzeug hatte soeben Fallschirme ausgespuckt und einen Schweif aus Streifen hinterlassen, der seinen Namen spiegelverkehrt in den Himmel ritzte: MIKA.  Jetzt wusste er, dass er träumte; er wollte aber um keinen Preis aufwachen. Zu schön war sein Traum. Wie durch dicke Watte hörte er , wie seine Mutter eine Seite umblätterte und las: An den Fallschirmen hingen Zettelchen für Wünsche. Wünsche, wie man sie zu Weihnachten aufschreibt, in ein Kuvert gibt und sie dann auf das Fensterbrett legt in der Hoffnung, dass sie mitgenommen und wenigstens gelesen werden.
Aber, Mama, unterbrach sie Mika in seinem Traum, was soll ich denn schreiben? Ich hab ja nur einen Wunsch. Siehst du die Fallschirme? Sie kommen nicht zu mir herunter. Ich kann die Zettelchen nicht pflücken. Jedes Mal, wenn ich nach einem von ihnen greifen will, fliegt er weg.
Was hast du dir denn gewünscht?, fragte seine Mutter neugierig. Du darfst dir nur wünschen, was auch in Erfüllung gehen kann. Nichts Unmögliches, verstehst du?
Deswegen, meinte Mika enttäuscht. Deswegen also.
Was hast du dir denn gewünscht?, fragte seine Mutter noch einmal.
Dass kein Krieg mehr ist, flüsterte Mika. Und dass ich wieder einen Vater hab und dass ich wieder heim kann und dass ich wieder meine Oma und meinen Opa besuchen kann und mit meinen Freunden spielen:  Mit dem Hussein, Muhammed und der Almira und …
Da nahm ihn seine Mutter in ihre Arme und versuchte ihn zu trösten: Es wird alles gut. Du wirst sehen. Kein Krieg dauert ewig. Vielleicht … und Akim fiel noch tiefer in seinen traumschweren Schlaf. In ihm gab es keinen Krieg. Er traf seinen Vater, der es gar nicht glauben wollte, dass er schon so groß war. Und er besuchte seine Großeltern. Opa schaute mit seiner randlosen Brille über den Zeitungsrand und blinzelte ihm zu, während Oma ihn Apfelscheiben in einem Teig zu wälzen aufgab, um sie in einer Pfanne heraus zu backen. Der Duft der gebratenen Äpfel hing im Raum. Und draußen hörte er Muhammed pfeifen, der schon ungeduldig  auf ihn wartete…