Wer nicht lesen will, kann hören: http://cba.fro.at/303192

Ich traute meinen Ohren nicht. Das konnte nicht wahr sein. Das war unmöglich.

Ich hatte mich eben mit einem Becher Joghurt vor den Fernseher gesetzt, als ich aus dem Staunen26095086-colleteral_damage nicht mehr herauskam und mit dem Löffel den Mund nicht mehr fand. Wie in eine Schockstarre versetzt, machte der Löffel auf halber Strecke halt, und es verging eine Ewigkeit, bis ich mir der dessen wieder bewusst war.
Hatte ich das richtig gehört? Spielte meine Einbildung mir einen Streich? Waren meine Wünsche der Vater dieser Sinnestäuschung? Es konnte nicht anders sein. Noch hallte die erste Nachricht in meinem Kopf nach, als mich die zweite überraschte, und mein anfänglich ungläubiges Staunen in Verärgerung umschlug: Da erlaubt sich jemand einen verspäteten Aprilscherz mit mir. Ich habe nichts getrunken. Ich bin stocknüchtern. Ein bisschen müde, aber das durfte man ja zu den Spätnachrichten sein. Ich hätte das ja auch als ein Pilotprojekt eines kundenfreundlichen Senders verstehen können, der seine Zuschauer einmal mit positiven Nachrichten überraschen will, um ihn so enger an sich zu binden, aber das Blitzlichtgewitter der internationalen Presse konnte kaum ein Fake sein. Stimmte etwa die Übersetzung nicht? Hat sich ein lebensmüder Dolmetsch einen finalen Spaß erlaubt? Nein:  Li Ping sprach nicht Mandarin; er sprach ein glasklares und beinahe akzentfreies Englisch.  Eben hatte ich gehört und mit meinen Augen gesehen, wenn beide Sinnesorgane mir nicht ihren Dienst versagt haben, wie beim Klimagipfel in Paris der Staatschef des bevölkerungsreichsten Landes der Welt mit den Worten vor die Presse trat: Probleme von planetarischem Ausmaß erfordern eine planetarische Lösung. Ich fordere die internationale Gemeinschaft auf, dem turbokapitalistischen und neoliberalen Weg des immerwährenden Wachstums, auf diesem Weg der Zerstörung unserer Ressourcen auf Kosten der Umwelt nicht mehr weiter fortzuschreiten. Wir haben uns mit unserer Industrie und den Zulassungen für immer mehr Kraftfahrzeuge die Luft zum Atmen abgeschnitten; jeder kennt  die Bilder aus Peking, die eine Hauptstadt zeigen, in welcher es keinen Himmel mehr gibt. China wird in Zukunft mit gutem Beispiel vorangehen und seine Aufgabe als fürsorglicher Staat über alle hier bei diesem Gipfel verabschiedeten verbindlichen Ziele hinaus erfüllen. Wir werden die internationalen Konzerne, die in unserem Land tätig sind, dazu verpflichten, nicht nur umweltverträgliche Standards  einzuhalten, sondern unsere Arbeiter und Angestellten so zu entlohnen, wie es ihnen zusteht. Außerdem werde ich veranlassen, dass Mao aus dem Mausoleum entfernt wird. Er zählt in meinen Augen mit über 70 Millionen Toten zu den großen Massenmördern des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch Tibet, das wir unrechtmäßig annektiert haben, werden wir als ebenbürtigen Nationalstaat in seine Freiheit entlassen… Die Stimme der Nachrichtensprecherin, die ja angehalten wird und darin geschult ist, selbst die größten Katastrophen in einem sachlichen Ton vorzutragen, der jede Emotion vermeidet, überschlug sich fast, als sie den nächsten Beitrag kommentieren sollte. Kaum nämlich hatte Li Ping seine Pressekonferenz, die das Wort historisch verdient, beendet, trat auch der Chef einer anderen Supermacht vor die Mikrophone und versprach, die Ansage Chinas mit der Ankündigung zu überbieten, nicht nur Waffenbesitz und seinen tausendfach leidbringenden Export zu verbieten, sondern endlich auch einen Schlussstrich unter die unheilvollen kriegerischen Interventionen und Coup d’etat’s zu ziehen, mit denen sich sein Land nach dem Zweiten Weltkrieg nicht überall Freunde gemacht habe.  Er werde und wird – und es sei keine Frage des Wünschens – am Ende seiner Amtszeit alles erdenklich Mögliche tun und in die Wege leiten, dass endlich Frieden herrscht auf diesem Planeten. Um dieses für ihn heilige Ziel zu erreichen, würde er noch vor Ablauf dieses Kalenderjahres sich mit seinen Erzfeinden aussöhnen und verständigen. 2016 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, – und auch seine Stimme überschlug sich förmlich -, in welchem es keine Kriege mehr geben wird. Wenn es Li Ping genauso ernst meine wie er, dann könnten die 60 Millionen Menschen, die derzeit ihr Heil in der Flucht suchen und gesucht haben, wieder zurück in ihre Heimat. Yes, we can, rief er ins Mikrophon, das auf diese Lautstärke nicht eingestellt war, und nun ein ohrenbetäubendes Pfeifen verursachte, während nach Abblende und Schnitt Kamerafahrten auf den belebtesten Straßen der Megastädte das millionenfache Echo der Menschen einfing, für die dieser Slogan kein Lippenbekenntnis mehr bleiben durfte. Das jagte mir einen solchen Schauer über den Rücken, dass der Joghurtbecher mir aus der Hand und auf den Teppich klatschte, was mich in meinem staunenden Taumel allerdings nicht weiter beschäftigte. Was auch soll Joghurt auf einem Teppich, wenn ein historischer Augenblick den nächsten ablöst? Jetzt nämlich rief übergangslos der Begründer einer Social-Media- Plattform – und mit diesem Interview wurde das Märchenhafte, das die letzten Nachrichten auszeichnete, von einer Wirklichkeit eingeholt, die selbst das nur Vorstellbare an Phantastischem übertraf, alle Reichen der Erde dazu auf, es ihm gleich zu tun und mit einem Prozent ihres Vermögens ihr Auslangen zu finden, weil sie selbst mit einem Prozent noch reicher sein würden als 96% der Weltbevölkerung. Außerdem kündigte er an, dass er den Schutz der Privatsphäre endlich ernst nehmen und die von den Usern lukrierten Daten nicht mehr weiter verkaufen wolle. Auch werde ich meine Programmierer anhalten, einen Logarhythmus zu entwickeln, mit dem die Postings aufgespürt und gelöscht würden, welche zu Hass und Hetze aufrufen. Nie, so die Stimme der Nachrichtensprecherin, hat man den Begründer eines millionenschweren Unternehmens so unbeschwert und beinahe glücklich Abschied nehmen sehen von seinem Reichtum; und sie fügte hinzu:  Vielleicht hat die Tatsache, dass ihm ein Kind geboren worden war, zu diesem Umschwung beigetragen.

Langsam regte sich in mir der schon zu Beginn der Nachrichten aufgekommene, aber wieder weggewischte Verdacht, einer fiktiven Sendung aufzusitzen, in die so viele Elemente des real Möglichen eingebaut wurden, dass sie lange nicht als erfunden wahrgenommen wird; vielleicht ein Experiment von Infotainment, ein Hybrid zwischen Fiktion und Dokumentation mit anschaulicher Beweisführung durch verschiedene Darstellungsformen. Als aber die Sprecherin und Moderatorin der Beiträge zu den regionalen Ereignissen überging, und ein am selben Vormittag aufgezeichnetes Liveinterview mit dem Führer einer populistischen Partei eingespielt wurde, das sie mit den Worten einführte: Selten noch hat ein österreichischer Politiker vor laufender Kamera eine – und sie rang sichtlich um das richtige Wort – eine solche Beichte abgelegt; da – spätestens da hätte ich die vielen Wunder als weihnachtliches Wunschdenken durchschauen müssen, aber ich blieb weiterhin wie gebannt vor dem Fernseher sitzen, als der Führer tatsächlich anhob: Ich möchte mich ausdrücklich bei allen, gegen die ich in der Vergangenheit gehetzt habe, entschuldigen… Während er weiter sprach und seine neue Haltung gegenüber Minderheiten begründete, wurden Bewegtbilder – das heißt im wahrsten Sinne des Wortes – bewegende Bilder –  eingeblendet, die ihn in der Küche einer Notunterkunft zeigen, wo er gemeinsam mit zivilen HelferInnen, die er noch vor wenigen Wochen als Kollaborateure einer Invasion beschimpft hatte, das von der Zivilgesellschaft gespendete Essen an Geflüchtete austeilte. Die nächste Aufblende – vor lauter Staunen hatte ich mir die Augen schon wund gerieben – ließ den Finanzminister in Erscheinung treten, der mit Stolz darauf hinwies, dass sein Land – und das erste Mal regte sich bei mir so etwas wie Patriotismus – dass Österreich als erstes Land europaweit, ja weltweit mit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens einen historischen Schritt gesetzt habe, von dem er hoffe, dass er bald Schule mache….

Mittlerweile war ich aufgestanden und vergewisserte mich über die Fernbedienung, dass ich nicht etwa träume, als mit dem Erscheinen der Innenministerin, die im Pelzmantel auf der Kuppe eines Hügels stand und mit einem Feldstecher die Grenze nach Geflüchteten absuchte, und dann einen Punkt in der Ferne fixierend – angesprochen auf die baulichen Maßnahmen oder dem Türl mit Seitenteilen oder Leitsystem für Geflüchtete – in einer Endlosschleife wiederholte: Wir müssen die Festung Europa ausbauen!, da erst war ich wieder bei den Nachrichten, wie ich sie kannte.

Während ich den Teppich reinigte und die Schuhe, mit denen ich beim Anblick der Innenministerin in das Joghurt getreten war, dachte ich mir: Schade, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Ist ja Weihnachten, oder?