leipzig (88)2015 feiert Leipzig 1000 Jahre seiner Geschichte. Wer nach Leipzig kommt, begegnet ihr in den Gebäuden, den Straßennamen und Gedenkstätten. Wer sie nur vom Hörensagen kennt, denkt an Messestadt, an die Stadt des Buchhandels und Verlagswesens, an eine alte Universitätsstadt, an Goethe und Auerbachs Keller, an Jean Paul, der sich zum Professor für Geschichte von sich selbst ernannt hat, an den letzten Kabarettisten König oder König der Kabarettisten, einem August Friedrich, auf den der berühmte Ausspruch nach erzwungener Abdankung 1918 zurück geht: Ja dürfen’s denn des? Er/Sie denkt an Ringelnatz, Karl May, an Thomaskirche, der Wirkungsstätte Bachs. an Mendelsohn, an das Gewandhausorchester: eine Stadt also, die geniale Talente und bedeutende Verleger hervorgebracht hat. Ihm/Ihr fällt aber auch die Völkerschlacht 1813 ein, der in drei Tagen hunderttausend Menschen zum Opfer fielen. Heute gehört das 1913 – völkerschlachtdenkmal (4)also kurz vor dem nächsten großen Schlachten – eingeweihte, unglaublich monströse, glockenförmige Denkmal, in welchem Opferbereitschaft als deutsche Tugend beinahe megalithische Gestalt fand, zu den touristischen Hopp off’s.
Straßennamen und Gedenktafeln erinnern noch heute an die Stadt der Arbeiterbewegung, an Namen wie Karl und Wilhelm Liebknecht, August Bebel, Rosa Luxenburg oder Clara Zetkin. Wer Leipzig in den Mund nimmt, denkt an die Prozesse im Reichsgericht der Nazizeit, die fast ausnahmslos in einen Schuldspruch mit Todesurteil mündeten, aber auch an den Mut seiner BürgerInnen, die 1989 – im Windschatten der Perestroika – ausgehend von den gewaltfreien Montagsdemonstrationen in der Nikolaikirche, das Ende der DDR einleiteten.
Mit den aus Dresden importierten LEGIDA-  oder PEGIDA-Demonstrationen sind wir in der Gegenwart. Aber auch diese werden hoffentlich bald wieder Geschichte sein.

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Ich wäre vermessen zu behaupten, ich hätte Leipzig gesehen. Ich habe nur gesehen, was in zwei Tagen im Stadtteil, in welchem wir untergebracht waren, auf Streifzügen durch die Innenstadt und auf Fahrten mit den Straßenbahnen in den Grüngürtel zu sehen war. Leipzig verdankt seinen herben Charme der Elster, die dort mehrmals ihr Bett wechselt, sich in viele Flussläufe, seine Seitenarme und zahlreiche Inseln mit großem Auwaldgebiet aufteilt.

elsterbrücke (1)Was sofort auffiel, waren die vielen raumgreifenden Plätze, die wohl noch vom Bombenhagel der Alliierten herrühren, welcher die Innenstadt und vor allem das Graphische Viertel zerstört hat, das Leipzig als city of books weltweit berühmt gemacht hatte. In den Jahren des Realen Sozialismus mit intensivem Braunkohleabbau und Zerstörung der Auwälder galt Leipzig lange Zeit als umweltbelastetste Stadt Europas mit abgastrübem Himmel. Die Flüsse waren biologisch tot. Der saure Regen nagte an der Sandsteinarchitektur. Nach der Wende wurden die Flussläufe wieder frei gelegt und innerstädtische Brachflächen neu aufgeforstet. Heute ist Leipzig wieder eine lebenswerte Stadt mit großflächigem Erholungsraum, der viele, vor allem junge Menschen wegen Arbeit bei neuen großen Arbeitgebern anzieht. Mit einem jährlichen Anstieg von etwa 10.000 Menschen ist Leipzig mittlerweile die am stärksten wachsende Großstadt Deutschlands, lese ich auf der städtischen Website. Viele fliehen Berlin schon aus Mietpreisgründen. Damit bin ich auch schon wieder in der Gegenwart.

Wie immer habe ich der Geschichte mehr Raum eingeräumt, Aber nur über diese wird eine Stadt für mich lebendig.

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