Beim internationalen Leipziger Hörspielwettbewerb wurde Er+ich: ERICH mit dem Preis in der Kategorie für die beste Inszenierung ausgezeichnet. Das am Elsterflutbecken gelegene Festivalgelände im Richard Wagner Hain lässt Leipzig einmal jährlich zum wichtigsten Treffpunkt für die deutschsprachige Hörspielszene werden. Eingeladen waren freie HörspielmacherInnen, ihre Arbeiten einem hörspielbegeisterten Publikum zu präsentieren. Von unserem Hotel mit einem Picknickkorb ausgerüstet, der es mit Decke, Geschirr und Prosecco an nichts fehlen ließ, lauschten wir bei herrlichem Wetter den nominierten Beiträgen, die über etliche auf der Wiese installierten Lautsprechern zu hören waren: preisverleihung (7)Ein Freiluftwohnzimmer mit einer kleinen Bühne, auf der im Anschluss des Gehörten die AutorInnen zu einem Artist Talk mit Katharina Kraus (Vorstand) gebeten wurden, um in einem launigen Zwiegespräch etwas über die Entstehungsgeschichte ihres Hörspiels und über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Medium Radio zu erzählen. Ich habe viele Impulse auf- und wertvolle Anregungen für zukünftige hörspielsommer (2)Projekte mitgenommen und war von Atmosphäre, Organisation und dem Gehörten begeistert. Eine sechsköpfige und hochkarätig besetzte Jury hatte die sicherlich schwierige Aufgabe von den 60 eingereichten und 20 nominierten Beiträgen diejenigen auszuwählen, die in der Kategorie beste Idee, beste Inszenierung, bestes Klangbild Ihrer Ansicht nach preiswürdig waren. Neben Er+ich gewannen mit ‚Preface: Demonstration‘ Melanie Albrecht und Michael Wehren von „friendly fire“ –  eine akustische Auseinandersetzung mit den Demonstrationen der sogenannten Legida-Bewegung – für die ‚beste Idee‘ und im ‚besten Klangbild‘ siegte Stephan Roiss‘ Klangreise ‚Mad-Mex‘, einer Montage aus poetischem Reisebericht, Originaltönen und rhythmisch-dynamischer Musik.  Die Gewinner erhielten eine Urkunde, ein Preisgeld von 600€ und eine Ausstrahlung auf detector fm, einem Internetradio mit Standort in Leipzig, das schon zwei Mal für den Grimme Online Award nominiert worden ist.

An dieser Stelle ein offizielles und herzliches Dankeschön an die VeranstalterInnen (Sandra Schubert/Katharina Kraus) und an die Jury.
Begründung der Jury:

preisverleihung (17)Die Hör-Collage Er + ich: ERICH von Helmut Hostnig erzeugt über die Kombination unterschiedlicher Originaltöne von Passanten – flüchtig aufgenommene Stimmen in der Fußgängerzone, Stimmen von Gästen im Kaffeehaus oder in der Bar – eine Charakterstudie und einen Nachruf auf Erich, den es als
reale Person so nie gegeben hat. Erich existiert vor allem in den spontanen Aussagen der zahlreichen Sprecherinnen und Sprecher. Die virtuelle Person, sozusagen das ›Konzept Erich‹, entsteht über die Fremdcharakterisierungen durch die Passanten, die über Erich bereitwillig Auskunft geben und ihre Erfahrungen mit ihm ausplaudern. So erfahren wir, dass Erich unter anderem ein Frauenheld war, ein Lederhosenträger mit einem Faible für Australien – ein Weltenbummler war er auch, der immer hilfsbereit, »nicht deppert«, aber manchmal starrköpfig sein konnte. Erich selbst kommt auch einige Male zu Wort: zumeist mittels einer computergenerierten Stimme, die seine Identität – bis kurz vor Schluss – schützt.

Die Hör-Collage Er + ich: ERICH konstruiert auf intelligente, unaufgeregte und charmante Weise die Biografie der fiktiven Figur Erich auf der Basis von Originaltönen und trifft dabei Aussagen über dessen gute und schlechte Taten sowie über sein zum Teil recht persönliches, inniges sowie intimes Verhältnis zu den Auskunft gebenden Stimmen.
Die von Helmut Hostnig zusammengetragenen Originaltöne werden in bemerkenswerter Weise zu einer neuen Geschichte verwoben: Es entsteht eine vielschichtige Biografie einer Person, die in der Realität so zwar nicht existiert haben mag, sie aber dennoch alle möglichen Charaktereigenschaften von uns vertrauten Menschen in sich vereint. Zu hören sind aufschlussreiche Aussagen über Sehnsüchte, Enttäuschungen, Erinnerungen über ein fiktives ›Er‹, die durchweg von realen, zufällig
interviewten ›Ichs‹ artikuliert und vom Regisseur und Autor zu einer neuen, individuellen Biografie prägnant und klug collagiert werden.
Hostnig lässt in seiner außergewöhnlichen Inszenierung einen No-Body im Wortsinn entstehen, der uns mal mehr, mal weniger vertraut erscheint. So heißt es darin, dass »Identität nicht nur Ergebnis, sondern gleichzeitig immer auch ein Prozess ist, der selbst nach dem Tod nicht abgeschlossen ist«.
Der ebenso aus einem langen Prozess der Sammlung und Auswahl von Originaltönen hervorgegangene Nachruf auf Erich erzeugt dabei im Nachdenken über menschliche Existenz und Individualität eine melancholische Atmosphäre, ohne dabei schweres Pathos an den Tag zu legen.
Daher zeichnen wir das Stück Er + ich: ERICH mit dem Preis für die beste Inszenierung beim 13.Internationalen Hörspielwettbewerb des Leipziger Hörspielsommers aus.
Text: Vito Pinto