SelfiesEin Selbsttest, zu dem Lou niemand anderer als er selbst aufgefordert hat, ergab, dass er ein Infojunkie ist, der am Dialyseapparat der medialen Plattformen hängt. Auf der Suche nach einer webbasierten Information, die es ihm erlauben würde, seine Credibility als Autor eines Weblogs unter Beweis zu stellen,  geschieht es ihm immer öfter, dass er auf Seiten landet, die seine Aufmerksamkeit so  einfordern, dass er über sie sein ursprüngliches Anliegen vergisst. So wird ihm das Zappen mit der Fernbedienung oder das Navigieren im Netz mithilfe von Suchbegriffen, mit denen er von einem Thema zum nächsten springt – was Lou als Recherche verstanden wissen will  – zunehmend zum Fluch, weil es entweder die Grenzen seiner Aufnahmekapazität auf der neuronalen Festplatte seines Gehirns sprengt oder dazu führt, dass er am Ende seiner Netzaktivitäten nicht mehr weiß, was Sache ist oder war. Die zeitsouveräne individuelle Programmgestaltung für Informationserwerb erfordert eine Disziplin, die nur erwirbt, wer Prioritäten setzen kann. Lou besitzt diese Fähigkeit nicht.

Er muss sich doch weder von Einschalt- noch von Begleitmedien, weder live, digital oder analog, noch zeitsouverän informieren oder unterhalten  lassen. Er kann sich doch aus alledem heraushalten, wenn ihn das überfordert, hält eine Stimme dagegen.

Lou winkt ab. Ein gutgemeinter Vorschlag, aber auch das habe er schon versucht.

Er kann sich noch gut an diesen anderen Selbsttest erinnern, der ihn aus der Zeit gespült hat. Nein: Dieses Asketentum bedarf einer Übung, die nichts anderes als eine Selbstauslöschung zum Ziel hat. Außerdem ist ein Leben außerhalb des Zeitstroms vielleicht ein Ziel für Aussteiger oder Mönche. Aber auch die hätten‘s schwer, da sie auch kein Buch mehr in die Hand nehmen dürften. Im Gegenzug schlägt Lou seinem imaginierten Gesprächspartner vor, es doch einmal selbst zu versuchen, auch nur 4 Wochen keine Information mehr zulassen zu wollen,  – ob digital oder analog; sei es ein Infoscreen beim Warten auf die U-Bahn, die Ikonografie für die Leitung von Verkehrsströmen oder Plakatwände mit Werbung, Gratis-Zeitungen, die herumliegen, und dir mit ihren Schlagzeilen entgegenbrüllen: Zieh dich warm an! Es wird kalt. Du entkommst ihr nicht.

Vielleicht in der Fremde. Aber dort sind die „Pforten deiner Wahrnehmung“ vor allem damit beschäftigt,  die für dich nicht decodierbaren Zeichen in deine Sprache zu transkribieren, um dich zurecht zu finden: Eine Leistung, die auch wieder mit Daten- und Signalverarbeitung, also mit Information zu tun hat. Speichern, vergessen, verarbeiten und sich über Verarbeitetes austauschen oder verständigen wollen oder es für sich zu behalten, bestimmen den Umgang mit Wissen, das aus den Informationen gespeist wird.

Was, nachdem ich die Zeitung gelesen habe, bleibt mir in Erinnerung, fragt sich Lou? Dass Queen Elisabeth ein Lachen ausgekommen ist, nachdem sie ein Roboter begrüßt hat? Dass eine Kanzlerin zur Königin Angela mutiert? Dass Grexit und Brexit drohen, wie die Zeitungen seit Monaten nicht müde werden, uns mit diesem Szenario und seinen Folgen vertraut zu machen? Dass nach dem Fall der Mauer und dem Eisernen Vorhang wieder Zäune hochgezogen werden an den Schengengrenzen? Dass Diktatur nun mit illiberaler Demokratie umschrieben wird? Dass in einem Nachbarland die Todesstrafe wieder eingeführt werden soll? Dass das Boot voll ist? Dass alles, selbst die Beziehungen kapitalisiert werden? Was ist das für ein Filter, mit dem ich Informationen selektiere?, fragt sich Lou.  Warum bleiben mir gerade diese in Erinnerung?

Eben gelesen, dass Bienen Schwarzweiß sehen. Was fange ich nun damit an, denkt Lou? Hat es nicht auch eine Zeit gegeben, in der das Fernsehen schwarzweiß war und wir die Welt wie die Bienen wahrgenommen haben? Nicht ganz, da wir keine Facettenaugen haben und nur 60 Bilder pro Sekunde verarbeiten können, während schnellfliegende Insekten mit ihren Ommatidien nicht nur über 300 Bilder pro Sekunde aufnehmen, sondern auch ein ungleich größeres Blickfeld haben. Nein: Nur keine Facettenaugen, um noch mehr Datenflut verarbeiten zu müssen. Ist das ein unzulässiger Vergleicht, denkt Lou? Wenn Bienen in den Stock zurückkehren, um mit Schwänzeltanz ihre Artgenossen auf Futterquellen aufmerksam zu machen, erinnert es ihn an das inflationäre Posten von Befindlichkeit auf Facebook etwa oder anderen social Mediakanälen. Da wird geteilt und „geleikt“(oder gelieked?), dass es eine Freude ist. Aber du freust dich ja auch, gibt eine Stimme zu Bedenken, die anzuhören Lou sich oft einmal verbieten wollte, wenn du wieder einen neuen Follower für deine Beiträge gewinnen konntest. Oder etwa nicht? Und es interessiert dich, was andere denken. Aber jetzt ist Schluss, sagt Lou und würgt die Stimme ab. Jetzt mache ich Ferien und nehme Urlaub von digitaler und analoger Infodialyse. Welche Bücher soll ich einpacken, fragt er sich?

Siehst du, sagt sein imaginärer Gesprächspartner: Du hast keine Wahl. Also entscheide dich!