P1130211Ich starre auf den flackernden Monitor eines Rechners. Ohne dass ich eine Maus betätige oder einen Sprachbefehl eingebe, poppt ein Fenster auf. Es ist ein Textprogramm mit einem noch unbenannten Dokument. Der Cursor sitzt im linken Eck des Fensters und wartet auf eine Eingabe. Ich bin viel zu überrascht, um jetzt ans Schreiben zu denken. Außerdem wüsste ich weder was, noch wem; zwei unabdingbare Voraussetzungen für einen Schreibanlass. Es gibt ihn nicht, und ich will ihn auch nicht herbei zwingen. Plötzlich aber bewegen sich die Tasten des Keyboards wie von Geisterhand mit dem üblichen Begleitgeräusch. Es hört sich an wie das Klackern von hohen Absätzen auf Katzenkopfpflaster, aber es sind eindeutig Tastaturgeräusche. Und nicht nur das. Sie zaubern in einem aufreizenden Staccato-Rhythmus Buchstaben in das leere Textfeld, die sich zu Wörtern ordnen, dann zu Sätzen, die bei mir, der ich fassungslos auf den Monitor starre, ziemliches Entsetzen auslösen; das nicht nur, weil mein Computer ferngesteuert, sondern – wie ich eben lese – behauptet wird, dass über eine bestimmte Region in meinem Hirn die Kontrolle übernommen worden sei:

In dieser Region sind nicht nur Ihre frühkindlichsten Erinnerungen abgespeichert, sondern auch die Informationen, die dafür sorgen, dass Sie sich anderen gegenüber als der, der Sie sind oder zu sein glauben, ausweisen können. Darüber hinaus haben wir mit sofortiger Wirkung Zugriff auf ihre leider sehr ungeordneten Gedanken. Wir dürfen Sie also – ohne Sie in noch größere Panik versetzen zu wollen -, darauf aufmerksam machen, dass wir Ihre Festplatte löschen, wenn Sie nicht unverzüglich eine noch festzulegende Summe auf ein Konto einzahlen, das wir Ihnen gleich bekannt geben werden. Bevor wir Ihnen die Modalitäten unseres kleinen Tauschgeschäftes erklären, haben wir uns die Freiheit herausgenommen, für Sie den Ja Button zu drücken. Sie werden, – wie wir annehmen -, um wenigstens wieder in den eingeschränkten Besitz Ihrer Erinnerungen zu kommen, sicher bereit sein, uns die Nutzungs- und Lizenzrechte für diese  einzuräumen, zumal wir vorhaben, die in Ihrem precerebralen Hirn abgespeicherten Infos zwar nicht kommerzialisieren, aber für unsere Forschungszwecke nutzen zu wollen. Seien Sie versichert, dass es mit Ihrer Namensnennung geschehen wird. Hier die wesentlichen Vereinbarungen:

1) Gegenstand des Vertrages sind ihre Erinnerungen und Gedanken.

2) Ihre Erinnerungen und Gedanken entsprechen dem derzeitigen Stand. Ihnen kann also nichts mehr hinzugefügt werden.

3) Als Lizenzgeber für Ihre Erinnerungen und Gedanken behalten wir uns das Recht vor, sie auf unbestimmte Zeit zu nutzen.

Sie denken jetzt, dass Sie dem Spuk ein Ende bereiten können, indem Sie den Computer herunterfahren. Des Weiteren denken Sie: Den können sie vielleicht fernsteuern, solange ich online bin; nie und nimmer aber können sie auf Erinnerungen und Gedanken in meinem Hirn zugreifen und mein Verhalten steuern, was wohl ihre perfide Absicht ist. Dazu müssten sie mir einen Chip implantiert haben, aber das hätte ich bemerkt; das denken Sie jetzt, stimmts?

Genau das aber ist geschehen. Wir haben Ihnen eine Glasfaserleitung ins Gehirn gepflanzt, mit der wir gewünschtes Verhalten auslösen und unerwünschtes unterdrücken können. Vielleicht sind Sie nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung, aber wir experimentieren schon seit Jahren mit Optogenetik und versuchen die verhaltensbiologischen Schaltkreise zu entschlüsseln. Früher noch mussten die Schädel geöffnet werden, um zu den Neuronen zu gelangen. Heute sind solche chirurgischen Eingriffe dank Optogenetik nicht mehr notwendig. Sie können sich aber daran nicht mehr erinnern, da wir die Erinnerung an diesen Eingriff aus Sicherheitsgründen gelöscht haben. Sie können sich aber an eine CMT erinnern, die Sie in einem Labor im 18. Bezirk vornehmen haben lassen, nachdem Sie mit Ihrem Freund einen gusseisernen Ofen tragen wollten und sich dabei ein paar Wirbelrisse zugezogen haben. Damals haben wir uns erlaubt, die neue Technologie an Ihnen und anderen von uns ausgesuchten Testpersonen anzuwenden, um auf alle Regionen Ihres geschätzten Hirnes zuzugreifen und es drahtlos von unserem Labor aus zu steuern. Jetzt werden Sie glauben, uns so dingfest machen zu können. Da unterliegen Sie aber einem gewaltigen Irrtum, da wir solche Eingriffe in jeder Ambulanz, in jeder Praxis eines hier niedergelassenen Arztes vornehmen können. Da wir keine Spuren oder – wie Sie wollen – zu viele, manchmal auch solche, die von uns gewollt ins Leere führen, hinterlassen, ist es geradezu unmöglich, unser Labor geografisch zu orten; auch, weil es mobil ist und alles, was wir brauchen, in einen Koffer passt. Mit einem Knopfdruck ist es uns daher möglich, die Kontrolle über Ihre Muskulatur zu übernehmen; so können wir Sie zu Handlungen zwingen, die Sie nicht wollen. Sie glauben uns nicht? Machen wir doch einmal einen Test, ja? Sie wollen den Computer herunterfahren? Gut. Ihre rechte Hand ruht auf der Maus, die linke auf dem Keyboard. Sie starren auf den Screen und können den Blick nicht davon lösen. Ihre Hände sind wie gelähmt und zu keiner Bewegung fähig, stimmt’s? Sie sind nicht mehr der Herr über Ihren Körper. Wir haben eben mit Hilfe von Lichtreizung über die Glasfaserimplantate motorische Areale in Ihrem Gehirn ausgeschaltet und dabei Ihren bewussten Willen überspielt. Wir haben, um es salopp zu formulieren, Ihren Körper gekidnappt. Ein Alptraum für Sie, für uns der Beweis, dass wir aus jedem Menschen einen Roboter machen können.

Ein zweiter Versuch? Nicht ganz so drastisch, aber für Sie nicht weniger alptraumhaft. Wir stellen Ihnen Fragen und Sie versuchen sie zu beantworten. Beginnen wir: Was ist Ihre früheste Erinnerung?

Sie wissen es nicht? Hören Sie auf, sich anzustrengen. Sie können es gar nicht mehr wissen, da wir nicht nur die Lizenz- und Nutzungsrechte darauf haben, sondern ganz und gar im Besitz dieser Information sind. Was ist sie Ihnen wert? Machen Sie uns ein vernünftiges Angebot und schon schalten wir die Erinnerung wieder frei. Wir haben zwar auch Zugriff auf Ihr Konto und könnten über Onlinebanking jederzeit jeden Betrag abheben, aber wir sind keine kriminelle Vereinigung, sondern ein renommiertes Team engagierter Wissenschaftler, das Ihr Hirn nur zu Testzwecken angezapft hat.

Ich weiß, dass mir niemand glauben wird, und selbst das auf meiner Festplatte gespeicherte Protokoll, das Sie eben gelesen haben, und sich eigentlich selbst zerstören hätte müssen, würden Sie, geschätzter Leser nicht als einen Beweis ansehen; trotzdem wollte ich es Ihnen nicht vorenthalten; ich habe diese Datei Monate später bei einem Wiederherstellungsvorgang nach einem Systemabsturz gefunden. Sie hatte eine kryptische Dateinamenserweiterung und kein Webdienst konnte sie mir auslesen; ein Freund aber, der sich in den webbasierten Programmiersprachen auskennt, hat sie mir entschlüsselt.

Sie fragen nun zurecht, wie es mir gelungen ist, mich von der implantierten optogenetischen Leitung zu befreien, und das gerade noch rechtzeitig; das Experiment nämlich, das dieses perfide wissenschaftliche Team mit mir vornehmen wollte, zielte darauf ab, dass ich Hand an mich selbst anlege, und das nicht in der übertragenen Bedeutung dieser sprachlichen Wendung; ich sollte mich buchstäblich selbst erwürgen. Sie mussten dieses Projekt jedoch aufgeben, nicht, weil mein Selbsterhaltungstrieb eine unüberwindbare Hürde darstellte, – dieser war so gut wie ausgeschaltet – , sondern, weil es mir noch rechtzeitig gelungen war, durch Zufuhr einer halluzinogenen Droge, die optogenetische Leitung, d.h. ihre Zusammensetzung aus biochemischem Genmaterial, so empfindlich zu stören, dass sie sich ebenso auflöste, wie es ein Programm tut, das Bilder und die Bits and Bytes, aus denen sie bestehen, nach ihrer Betrachtung ins digitale Nirwana taucht.

Jedenfalls habe ich größeren Schaden gerade noch rechtzeitig von mir abwenden können, aber der kleinere, – wenn man den Wert seiner Erinnerungen oder auch den Ruf, den man sich erarbeitet hat,  geringschätzt -, war nicht mehr gut zu machen.

Wie Sie sich erinnern werden, geschätzter Leser, hatte das Forschungsteam Zugriff auf alle in meinem Hirn gespeicherten Informationen, konnte willkürlich bestimmte Daten löschen und wieder herstellen, ja meine ganze Vergangenheit wie in einem digitalen Papierkorb verschwinden lassen oder sie so manipulieren, dass ich jetzt nicht mehr weiß, ob meine frühkindlichen Erinnerungen die Welt, wie ich sie vorfand, tatsächlich spiegeln oder sie erfunden haben. Außerdem wurde alles, was ich bisher als Geheimnis gehütet habe, unter Namensnennung der Öffentlichkeit preisgegeben.

Die allerschlimmste Erkenntnis aber, die ich über mich gewinnen musste, stand mir noch bevor; meine Nachforschungen ergaben,  dass ich nicht nur der Urheber dieses Experimentes, sondern auch sein Opfer war. Damit muss ich nun leben.