betonrunenIch trete hinaus auf den Balkon eines angemieteten Zimmers im „Hotel zur stillen Post“ und schaue hinunter auf die mit Teer gefüllten Risse im Beton, entdecke zwei Menschen, von denen einer – das Geschlecht ist nicht auszumachen – jede kritische Distanz missachtend – einem anderen etwas ins Ohr flüstert, was diesen veranlasst, mit offenem Mund in eine Art Schockstarre zu verfallen. Ich weiß nicht, was es war, was ihm ins Ohr geflüstert wurde, jedenfalls muss es ihn ziemlich überrascht haben. Weit mich über die Brüstung des Balkons lehnend habe ich versucht, das im öffentlichen Raum geführte Gespräch zu belauschen, es waren aber nur Wortfetzen, die an mein Ohr drangen. „Das sag ich nur dir… Du musst mir versprechen, dass… Jetzt kommt’s!… Du wirst es mir nicht glauben, aber…“ Ich hätte mich noch so weit hinauslehnen und sogar riskieren können, das Gleichgewicht zu verlieren, aber mehr war nicht zu erfahren. Aus dem offenen Mund aber des so Angesprochenen konnte ich schließen, dass das ihm Mitgeteilte ihn in Staunen versetzt hat. Trotzdem blieb ich nicht auf Vermutungen angewiesen, weil er mir gleich darauf das ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute Geheimnis verraten hat. So geriet das Geflüsterte wie stille Post schnell unter die Leute, aber niemand – mich eingeschlossen – konnte verstehen und betonrunen1nachvollziehen, warum als Geheimnis gehütet werden soll, was jeder weiß. Jeder weiß zB., dass einer Information, die als Geheimnis getarnt wird – und alles, was geflüstert wird, möchte als Geheimnis verstanden werden -, größere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Drum war auch das ihm Anvertraute nicht wegen seines Inhalts so verblüffend, sondern der Form wegen, die er für diesen Inhalt gewählt hat. „Stell dir vor, hat er mir später verraten, was der Erich – jetzt hatte der aufdringliche Informant auch einen Namen – mir ins Ohr geflüstert hat. Ich hab’s nicht glauben wollen, dass man so etwas Banales als Geheimnis tarnen muss, aber gut, wie dem auch sei oder gewesen ist, er hat gesagt, dass er das, was er sagen hätte wollen, vergessen habe, was aber niemand wissen dürfe, weil er nicht wolle, dass man ihn für dement halte. Natürlich hat er mit seiner Geheimniskrämerei genau das Gegenteil erreicht. Jeder weiß jetzt, dass er Erinnerungslücken hat und darüber so entsetzt ist, dass er es anderen nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit glaubt anvertrauen zu können. Ich habe ihm versprochen, dass ich es niemandem weiter sage, aber dir kann ich doch vertrauen, oder?“ Armer Erich, schloss er mit einem Seufzer.