Ruhelos brandet das Meer wild an verheißenes Land. Angespült von der Flut und angelandet bei Ebbe liegt das von ihr preisgegebene Gut: Sohlen von Schuhen, Fetzen von Nylonfischnetzen, Kondensmilchdosen, Lumpen von meersalzzerfressenen Hosen, die jetzt in der Sonne bleichen, und dort eine Brille. Wie Trauer liegen sie da. Wie Trauer um Tod ohne Leichen.

was nunWar draußen ein Boot in Seenot geraten? Was treibt da kieloben? Wer saß in dem Boot, es zu steuern gegen tobenden Sturm und Strom der Gezeiten? Wer warf das Lot und watet mit Tang an den Füßen knöcheltief durch den Schlick? Wie dick war der Faden und wie viele war’s tief? Fand es Grund? Warum ging es schief? Saht ihr die Elmsfeuer dicht unter Land? Wie viele sind es diesmal gewesen?

Wie viele Nachen und Boote sind es heute, die unter den Schlagwellen brachen und brechen? Wie viele sind diesmal gesunken, und wieder – wie beinahe jeden Tag  – inmitten des Meeres ertrunken? Wie viele stechen heute in hohe See. Wer treibt ohne Ruder und Anker in Richtung Lee? Man nennt sie die Illegalen, die Clandestinos, die Sans Papiers.

Du kamst vom Rand und die turmhohe Mauer der Festung hielt dich nicht ab, sie zu  stürmen. Nicht für ein besseres Leben der Hölle entronnen, das nackte zu retten, bist du in der Hitze von tausend Sonnen den Ameisenpfad der Armen gegangen und wurdest mit Knüppeln und Steinen und Gummischrotkugeln empfangen am Ende der Straße, am Rand deines Kontinents der verlorenen Hoffnung; am Strand, wo die Wächter der Klingendrahtzäune kein Erbarmen zeigen und Schilder mit Totenköpfen dich warnen, es nicht zu wagen, in die haushohe Mauer und Sicherheitswand mit den Kletterblockaden zu steigen. Selbst die Möwen kreischen Kukeruku, Blut ist im Schuh; aber du?

– Was haben wir noch zu verlieren? Wir müssen’s versuchen, selbst wenn wir krepieren!, das denkst du, und baust dir ein Floß aus Zweifeln, Verzweiflung und verzweifeltem Hoffen, und taufst es Floß der Medusa. So endet dein Fluchtweg im Tod durch Ertrinken vor Malta, Gibraltar und Lampedusa.

Und wieder zeigt sich Europa betroffen und spricht von Schande; von Aufrüstung gegen die Schlepperbande und auch vom Schiffe- und Booteversenken; an Seenotrettung müsse bald niemand mehr denken. Niemand ertrinkt mehr auf hoher See. Gibt’s keine Boote, kann keines mehr sinken. Tote können nicht mehr ertrinken. Gelöst das Problem der Sans Papiers. Das ist der Plan. So zynisch klingt sie, die Fraternité.

Europa, was tust du? Was hast du getan? Europa, Europa weißt du es nicht? Du verlierst dein Gesicht. Du verlierst es im Spiegel. Spiegelt die Mauer. Spiegelt die Ziegel. Spiegelt die Trauer. Spiegelt den Spiegel.

Du siehst sie durch stiefmutterblaue Kornfelder gehen, die sich sanft in der Strömung wiegen, im Spiel der Gezeiten mäandern. Siehst drüber die Sterne wie Mondsteine wandern, aber weit, zu weit weg vom nicht mehr erreichten, dem rettenden Ufer die Männer und Frauen. Gerufen aus Wüsten, Rufer im Wind.