DSC_0009Aus dem Haus gehend schallt mir der Ruf „Arschloch“ entgegen, aber er gilt nicht mir, wie ich nach einem 360-gradigen Rundumblick feststellen darf. Auch die Ruferin – denn es war eindeutig eine weibliche Stimme – nicht sichtbar. Ich gehe in die nahe gelegene Trafik. Da ich noch immer rauche und zu jener Minderheit gehöre, die bald geächtet sein wird, bin ich dort Stammkunde und weiß, was mich erwartet. Zuerst habe ich geglaubt, dass ich der Auslöser für das Verhalten des Trafikanten bin, das nicht einmal der mürrischste unter den Wiener Kellnern überbieten kann. Während es bei den Kellnern in einschlägigen Wiener Lokalen geradezu erwartet wird und zum Berufsbild gehört, jeden Gast als einen unzumutbaren Störenfried zu sehen und auch als solchen zu behandeln, ist es bei Trafikanten eher unüblich.

Von Beginn an sind den  Kriegsinvaliden, Soldatenwitwen und schuldlos verarmten Beamten Trafikantenstellen zu ihrer Versorgung zugestanden worden. Trafikanten jedenfalls gehören heute zu der vom Aussterben bedrohten und von der ersten Generation an die nächste und übernächste vererbten Spezies, die um die Endlichkeit ihrer Erwerbsquelle weiß und ihr Scheitern im Kampf der einst mächtigen Tabakmonopole mit der obrigkeitsstaatlichen Fürsorge um die Gesundheitskosten mit einer Gleichmut vorwegnimmt, die bei manchen allerdings in Schwermut oder im Falle meines Trafikanten in Überreizthet mündet.  Mein Trafikant nämlich – ja, ich habe von ihm Besitz genommen – ist weder invalid noch schuldlos verarmt und doch beides in einem, da er nur eine Gefühlsregung zu kennen scheint; diese besteht darin, jedem, der sein Lokal betritt, in der alles, auch die sonst zirkulierende Luft zum Stillstand gekommen ist, mit einem Grant zu begegnen, der jeden und jede wie eine Watsch’n empfängt, ohne auch nur im entferntesten zu ahnen, für welches Vergehen man eben bestraft wurde. Will man jetzt auch noch eine Kleinware, wie zum Beispiel eine Marie, also ein Papier zum Drehen von Zigaretten erstehen, kann es schon geschehen, dass der Trafikant, dessen Geduld schon durch dein Erscheinen überstrapaziert zu werden droht, mit zur Decke gedrehten Augäpfeln und einer wie eine Sprungfeder schnarrenden Stimme fragt: Was für a Marie? In Wirklichkeit aber meint: Zuagrasta, depperta, hupf in Gatsch und schlog a Wöll’n. Welche Marie jetz’n? Die brade, die dünne? Er fragt so gereizt, als würde ich ihn zum Zuhälter machen wollen. Ich kaufe gleich 5 auf einmal, nachdem er die richtige Marie gefunden hat, obwohl ich mich mit jeder zufrieden gegeben hätte, nur um seine Geduld nicht auf noch härtere Probe zu stellen. Auf Wiedersehen, knurrt er, meint aber: Da’stess di und küss mi in Krakau, und ich kann’s kaum glauben, dass ich das Glück habe, so wenige Meter vom richtigen, vom tiefen Mundlwien daheim zu sein.
Auf der Post geht eine ältere Dame mit einer Schere hinter den Tresen, wo die Angestellten stehen und Kunden bedienen. Sie will ein Paket aufgeben, das sie an den Sender zurückschicken will, hat aber einen für die Postbedienstete, eine junge Frau, die dort ein Praktikum zu machen scheint, wichtigen Code überklebt. Mehrmals wird sie darauf hingewiesen, dass sie bitte wieder in den Bereich für die Kunden zurück treten soll, was sie aber zu überhören scheint. Sie brauche das Bügeleisen nicht, weil es im Altersheim eine Wäscherei gäbe und die Wäsche immer gebügelt zurück käme und überhaupt, so viel Wäsche habe sie gar nicht mehr, dass sie ein Bügeleisen brauche, auch wenn es gut gemeint sei von der Enkelin. Aber den Code – sie spricht es wie Kot – den habe sie nicht, und was das sei, und da müsse doch die Adresse genügen… Die Postbedienstete – schon sichtlich genervt – einigt sich mit ihr darauf, dass sie später wieder kommt. Die ältere Dame geht, und die Postbedienstete seufzt für alle hörbar: Ich möchte nicht alt werden! Ein Kunde meint unter allgemeinem Gelächter: Die Hoffnung stirbt zuletzt!
DSC_0008 (2)Auf dem Nachhauseweg stelzt eine Frau mit High Heels und mit sich selbst redend an mir vorbei: Bis halb vier war ich unterwegs und jetzt ist es schon wieder, als ob Abend wär: Scheiße, scheiße, scheiße. Auch das noch. Sie zieht ihren linken Schuh mit dem 10 cm hohen Absatz aus und versucht das Stoffwechselprodukt eines Hundes am Randstein abzustreifen. Dann holt sie ihr Handy aus einer weißen Ledertasche, auf der eine weiße Rose im Relief abgebildet ist und wählt eine Nummer. Arschloch, sagt sie, immer, wenn ich ihn brauch, ist er nicht da.

Ich gehe beruhigt nach Hause, und schätze mich glücklich, in Wien leben zu dürfen, wo man so schnell zum Arschloch wird, aber selbst nicht gemeint ist.