I

london2016-34Soll ich dir die Geschichte vom Hundertmorgenwald erzählen?, fragte seine Oma.

Ja, bitte, bettelte Tim wie jeden Abend vor dem Schlafengehen. Und wie jeden Abend legte sie dann die Fingerbeere ihres Daumens auf die Stelle der Stirn zwischen seinen Augen, dorthin, wo die Nase ihre Wurzel hat, murmelte etwas in einer Sprache, die er nicht verstand, und begann: Im Hundertmorgenwald, musst du wissen, sind hundert Jahre wie ein Tag…

Kaum aber hatte sie ihn berührt, fiel er jedes Mal in einen steinschweren, abgrundtiefen Schlaf, und nichts, aber auch gar nichts erinnerte ihn am nächsten Morgen an das Versprechen, das sie ihm auch an diesem Abend wieder geben, aber wieder nicht einlösen würde. Denn das eben war das Geheimnis des Hundert-morgenwaldes, dass, wer einmal seinen Fuß in ihn gesetzt hat, nicht weiß, wie er in ihn hinein gekommen, noch wie er ihn wieder verlassen hat; nicht einmal, ob es ihn überhaupt gegeben hat. Es war ein Zauberwort.

II

Nach dem Aufwachen am nächsten Morgen rieb sich Tim den Schlaf aus den Augen. Aus der Küche hörte er seine Großmutter mit Tellern und Tassen hantieren und – wie es ihre Gewohnheit geworden war -, mit sich selbst sprechen. Es war ein melodischer Singsang einer ihm fremden Sprache. Sie war die Jüngste von 13 Geschwistern und kam von weit her aus einem kleinen Dorf, das, je länger es zurück lag, dass sie von dort aufgebrochen ist, in ihren Schilderungen immer mehr zu einem Ort wurde, den es nur in Märchen geben kann. Nicht, dass Tim ihr nicht glauben wollte; schon der leiseste Zweifel an dem, was sie ihm erzählte, hatte Folgen, die er nicht heraufbeschwören wollte.

Du glaubst mir also nicht?, sagte sie dann. Du glaubst also, ich lüge? Du glaubst also, dass es das Läuten einer Glocke nicht geben kann, wenn sie nicht mehr im Turmgestühl einer Kirche hängt, weil diese im Krieg zerstört worden und nicht mehr wieder aufgebaut worden ist?

Ich habe doch gar nichts gesagt, wollte Tim sich wehren, aber es war schon zu spät.

Ich sehe das Fragezeichen in deinem Gesicht. Du kannst es nicht verbergen. Aber es ist mir gleich, ob du mir glaubst oder nicht. Dann erzähle ich dir einfach nichts mehr. Von mir wirst du keine Geschichte mehr hören; da kannst du betteln, solange du willst.

Wenn sie so anfing, wusste er, dass es Tage dauern konnte, bis sie wieder bereit war, ihm seine vermeintlichen Zweifel zu verzeihen; Tage, in denen er ihr mit Bitten und Betteln in den Ohren liegen würde.

Manchmal aber, wenn er etwas unbedingt glauben wollte, obwohl es einfach zu schön war, um wahr zu sein, oder er es nicht und nicht glauben wollte, weil nur sein kann, was er sich vorstellen konnte, sagte sie: Du musst nicht alles glauben, was ich dir sage, aber ich sage dir, es war so. Das verwirrte ihn noch mehr.

Dann hast du also dieses Läuten wirklich gehört?

So wahr ich hier an deinem Bett sitze, sagte sie – schon wieder mit ihm versöhnt. Wenn du groß bist, fahren wir in meine Heimat. Dann kann man vielleicht wieder über die Grenze, und dann kannst auch du die Glocke hören. Das ist mein letzter, großer Wunsch, bevor ich sterbe. Mein Hundertmorgenwald. Was ist wohl aus ihm geworden?, seufzte sie.

Ich will nicht, dass du stirbst, sagte Tim, und fiel ihr um den Hals und drückte sie so fest, dass sie sich von ihm befreien musste.

Warum muss man sterben?

Das ist eine dumme Frage. Alle müssen wir einmal sterben. Es ist etwas, womit jeder bezahlen muss dafür, dass er da gewesen ist. Es ist eine offene Rechnung, die man begleichen muss für das Wunder, das mit jeder Geburt gelingt. Es ist eine offene Rechnung und jeder muss sie bezahlen. Jeder.

Und wenn ich nicht will?, bohrte der Bub weiter.

Was nicht willst?

Bezahlen, die offene Rechnung begleichen, sterben, tot sein? Was, wenn ich das nicht will?

Du musst nicht so brüllen, ich verstehe dich gut. Ich bin noch nicht taub. Ich weiß, was du meinst. Niemand will das, solange man gesund ist und keine unerträglichen Schmerzen hat oder in eine Lage geraten ist, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.

Aber jetzt musst du aufstehen. Das Frühstück ist fertig und ich muss noch eine Menge tun heute.

Tim aber war noch lange nicht zufrieden mit den Antworten. Er konnte es sich einfach nicht vorstellen, dass es einmal seine Oma genauso nicht mehr geben konnte wie seine Eltern.

Wo kommt man hin, wenn man tot ist, Oma?

Die einen sagen, dass man in den Himmel kommt, wenn man ein anständiges Leben geführt hat oder in die Hölle, wenn man bös war. Ich glaube aber nicht an Himmel und Hölle. Dabei fuhr sie ihm wie abwesend durch seine wuscheligen und noch ungekämmten Haare, und machte eine lange Pause.

Was glaubst du, Oma?, bestürmte er sie.

Ich glaube, dass wir uns alle im Hundertmorgenwald wieder sehen werden. Jetzt aber Schluss mit den trüben Gedanken. Raus aus dem Bett!

III

Willst du wissen, wie der Hundertmorgenwald zu seinem Namen gekommen ist?, fragte sie ihn, nachdem er zu Bett gegangen war.

Das war so, sagte sie, indem sie ihn zudeckte: Weißt du, dort, wo ich aufgewachsen bin, hat der Bauer im Frühling seine Pferde eingespannt, und mit ihnen seinen Acker für die erste Aussaat gepflügt. Und was die Pferde an einem Morgen gepflügt haben, das war das Maß, mit dem man die Länge und Breite von Grundstücken gemessen hat. Dieses Maß hat man Morgen genannt, und es hat nicht nur für Wiesen oder Äcker gegolten, sondern auch für den Wald. Mein Wald war hundert Morgen groß. Jetzt kannst du dir ungefähr vorstellen, wie groß der war, und er hat mir gehört. Mir ganz allein. Es war mein Hundertmorgenwald. Weißt du, wie schön der war?

Dann hat er also gar nichts mit der Zeit zu tun?, fragte Tim?

Doch auch mit der Zeit, sagte die Großmutter. Aber für die Zeit gibt es kein Maß. Man versucht es zwar mit der Uhr und teilt noch die Sekunden in Hundertstel und Tausendstel oder rechnet sogar in Lichtjahren, aber in Wirklichkeit kann sie nicht gemessen werden, und hundert ist nur eine Zahl und Zahlen gibt es so viele, wie es Sterne gibt. Und Sterne gibt es wie Sand am Meer. Die können gar nicht gezählt werden. Genauso viele vielleicht, wie es Morgen gibt und es gestern schon gegeben hat. Alles hat einen Anfang und ein Ende. Die Erde, der Mond, die Sterne, ich, du…

Dann gibt es unendlich und ewig gar nicht?, fragte Tim.

Die Zeit vergeht und dauert, beides gleichzeitig. Ein Reigen ist es aus Welken und Blühen, aus Geborenwerden und Sterben.

Du aber nicht, und ich auch nicht, protestierte Tim. Aber mein Dummerchen, auch wir. Aber du noch lange, lange viele tausend Morgen nicht. Dabei strich sie ihm übers Haar, legte die Fingerbeere ihres Daumens zwischen seine Augen, und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. Wir sehen uns im Hundertmorgenwald, hörte er noch. Jetzt schlaf so fest und tief, dass nur ein Traum dich aufwecken kann, den du mir Morgen hoffentlich erzählen wirst.

IV

In dieser Nacht träumte Tim das erste Mal vom Hundertmorgenwald, aber ohne nach dem Aufwachen zu wissen, dass er ihn betreten hatte. Dort traf er ein Mädchen, das aussah wie Erdbeermütze. Sie war gerade dabei, Bärlauch zu pflücken, zumindest hielt sie für Bärlauch, was sie so emsig pflückte und in einen Korb tat. Der Boden des Waldes war ein einziger grüner Teppich. Sie hatte ihn nicht hören kommen und war zuerst erschrocken, als er sie ansprach: He du, sagte er. Das sind Maiglöckchen, was du da pflückst. Wen willst du denn umbringen?

Das Mädchen stellte den Korb hin, verschränkte beide Arme vor der Brust und schaute ihn an, indem sie ihn von oben bis unten aufmerksam musterte.

Und wer bist du?, fragte sie ihn, nachdem sie mit ihrer Musterung fertig war. Und überhaupt, was geht dich das an? Dabei nahm sie die Mütze vom Kopf, unter der ihre feuerroten Haare versteckt waren, schüttelte sie wie ein Hund, der gerade aus dem Wasser kommt, und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Ich bin der Tim. Das weiß ich von meiner Oma, dass das Maiglöckchen sind. Und die sind sehr giftig. Man kann sie leicht verwechseln. Schau…

So schlau bin ich auch. Ich weiß, wie der Bärlauch riecht. Da!, sagte sie schnippisch und hielt ihm ihre Finger unter die Nase. Außerdem läuten die Maiglöckchen, wenn sie mich warnen wollen. Und wenn mir doch noch eines unter den Bärlauch gerutscht sein sollte, wird sie’s schon entdecken. Ich hab nämlich auch eine Oma, die sich auskennt. Dann drehte sie ihm den Rücken zu und bückte sich, um weiter ihren Korb zu füllen.

Du bist Rotkäppchen, stimmt’s, fragte sie Tim. Hast du denn keine Angst vor dem Wolf?

Was für ein Wolf denn? Du bist komisch. Weißt du das? Hier gibt’s keine Wölfe. Bin jeden Tag hier. Noch nie einen gesehen. Und nenn‘ mich ja nicht wieder Rotkäppchen. Auch wenn ich rote Haare habe, gibt das niemandem das Recht, mich so zu nennen.

Sie hatte einen Kuchen aus dem Korb geholt und sich einen Schnitz in den Mund gesteckt.

Willst auch einen? Apfelstreuselkuchen. Hat meine Mama gemacht.

Tim verstand ihre Sorglosigkeit nicht. Er wusste ja, wie das ausgehen würde; aber weil sie ihn so an Erdbeermütze erinnerte, und eigentlich ganz in Ordnung war, wollte und musste er verhindern, dass ihr der Wolf über den Weg lief. Also verabschiedete er sich kurzerhand und ließ sie allein.

So zumindest hat er es in seinem Traum seiner Großmutter erzählt, die aber plötzlich wieder so jung war und Zöpfe trug, wie auf dem Foto in dem Album mit dem samtenem Einband, das sie immer dann aus dem Schrank nahm, wenn sie Heimweh hatte nach ihrem Dorf und ihrem Hundertmorgenwald.

Und?, hat sie ihn gefragt. Jetzt sag schon. Hast du den Wolf getroffen?

Natürlich hab ich den Wolf getroffen, sagte Tim, und machte eine Pause. Dann bin ich aufgewacht.

Als er sah, wie enttäuscht das Mädchen war, das er noch wenige Augenblicke zuvor für seine Oma gehalten hatte, und jetzt wieder das Rotkäppchen war, fügte er schnell hinzu: Im Traum.

Im Traum aufgewacht. Ja, das gibt es, dass man im Traum aufwacht, sagte es altklug und drehte gedankenverloren an einem ihrer Zöpfe. Und weiter?

Er war gar nicht so bös und ich bin gar nicht erschrocken, wie ich ihn gesehen hab, weil ich ja gewusst hab, dass ich ihn treffe. Er war schon sehr alt. An manchen Stellen hat er gar kein Fell mehr gehabt. Wie mein Bär. Er hat mir sofort leidgetan. Und, weißt du, was das Seltsame war? Er hat mich gekannt. Er hat gewusst, dass ich Tim heiße. Hallo Tim, hat er mich begrüßt. Wohin so eilig? Hast du das Feuerfüchslein gesehen?

Was für ein Feuerfüchslein?, hab‘ ich ihn gefragt.

Na, das Mädchen mit den roten Haaren?

Und seine Stimme… du hättest ihn hören müssen. Die hat so wie deine geklungen, wenn du singst.

Das hatte er seiner Oma erzählen wollen, aber es war niemand da. Tim stand ganz mutterseelenallein auf einer Lichtung mitten in einem dichten Tannenwald. Der einzige, der ihm zuhörte, war der Wolf.

Soll das ein Kompliment sein?, fragte er argwöhnisch. Du glaubst wohl, ich habe Kreide gefressen, stimmt’s? Schau, sagte er und zeigte ihm die weißen Pfoten, die er in Mehl getaucht hatte; sieht das nicht lustig aus? Willst mich begleiten? Ich muss noch was erledigen.

Und ich muss in den Hundertmorgenwald. Weißt du, wie ich dorthin komme?

Hast du nicht was vergessen?

Das hat mich aufgeweckt, sagte Tim. Ich kann mich an alles erinnern, nur nicht an das, was ich vergessen habe.

Im Traum?, fragte seine Oma schmunzelnd, nachdem sie wie jeden Morgen ins Zimmer gekommen war, um ihn mit Kakao und Marmeladebroten in die Küche zu locken.

Nein, wirklich. Und dann hab ich an Erdbeermütze denken müssen, wie sie geweint hat. Und dann an das Mädchen mit den roten Haaren, das nicht Rotkäppchen sein wollte, und an den Wolf und seine seltsame Frage, ob ich nicht etwas vergessen habe. Und dann hab ich lange nicht mehr einschlafen können, weil ich wissen wollte, was das war, was ich vergessen hatte. Du hast tief und fest geschlafen und geschnarcht, Oma. Drum hab ich dich nicht wecken wollen.

Ich schnarche nicht, Tim. Das ist eine böswillige Unterstellung.

Wie der Wolf in Rotkäppchen schnarchst du, nachdem er auch noch die Oma gefressen hat.

Du, werd‘ ja nicht frech, warnte sie ihn,

Als Tim aus seinem Traum, in welchem alles drunter und drüber gegangen war, aufwachte, war es schon hell. Es regnete draußen. Dicke, schwere Tropfen schlugen gegen die Scheiben. Weil sie in der Nähe der Westbahn wohnten, hörte er, wie der Schrankenbaum in die Gabel fiel,  und von Ferne das rhythmische TaToc Tatoc des ersten Schnellzuges, der an diesem Morgen über die Brücke donnern und auf die Stadt zurasen wird.

Er war wieder in der Wirklichkeit. Oder doch nicht? Wie kann man das wissen?, fragte er sich. Ich werde Oma fragen, dachte er, und war schon wieder eingeschlafen.

V

Er hatte kaum die Augen zugemacht, war er auf einer Sommerwiese mit würzig duftenden Wildblumen, die ihn mit ihren hellen Stimmen schon von Weitem begrüßten, was ihn nicht sonderlich wunderte, weil er ja träumte. Hallo Tim, riefen sie, so früh schon unterwegs? Wohin willst du denn?

Ich hab was vergessen, sagte er, und weiß nicht mehr was. Könnt ihr mir helfen?

Er hat was vergessen und weiß nicht mehr was, echote die Schlüsselblume und gab es wie die stille Post an ihre Nachbarin, die Wiesenglockenblume weiter. Diese an den Lerchensporn und der an den Löwenzahn und dieser an die Wilde Möhre und so weiter, bis die ganze bunte Wiese ein einziges Geflüster war. Gleichzeitig fingen die vielen Glockenblumen, Klappertöpfchen und Zimbelkräuter an, ihr Orchester zu stimmen, als wäre schon wieder Ostern, so laut, dass sich Tim die Ohren zuhalten musste, und ohne es zu wollen, zu schreien begann: Aufhören! Aufhören! Das schien zu wirken, denn kurz darauf war nur noch das Summen einer Biene zu hören, die von ihrem Volk als Kundschafterin ausgeschickt worden war, und eben aus den scharlachroten Kronblättern eines Klatschmohns kroch und brummte: Vergiss es!

Was soll ich vergessen, fragte Tim?

Was du vergessen hast, was sonst?, summte sie ihm ins Ohr. Komm mit!, forderte sie ihn auf. Wolltest du nicht in den Hundertmorgenwald? Ich tanze dir den Weg dorthin vor, aber hinfinden musst du allein.

Und so geschah es, dass sich Tim plötzlich auf einer Lichtung wieder fand, die ringsum mit blauschwarzen Tannen umsäumt war. Dort, wo ein Weg wieder in den Wald hinein führte, stand ein Häuschen, auf dessen Dach ein Wetterhahn in einem fort krähte, als würde ihm jemand die Gurgel zudrehen: Komm herein, tritt ein. Bring Glück herein. Entdecke das, was ist dein Sein!

Die Tür stand sperrangelweit offen und Tim kam dieser freundlichen Aufforderung nach, weil er von Natur aus neugierig war. Drinnen herrschte das reinste Chaos. Die Fenster waren zerbrochen. Auf dem Dielenboden lagen Glasscherben und umgestürzte Kästen, Tische und Stühle. Es sah nach einem Einbruch aus, der erst vor kurzem stattgefunden haben musste, weil es noch Essensreste gab, die nicht verschimmelt oder vertrocknet waren. Es roch nach …, ja, wonach roch es hier? Nach Angst, stellte Tim fest, und wollte schon den Weg ins Freie suchen, als er eine dünne Stimme hörte, die aus der Wand zu kommen schien. Bist du es, Tim?, fragte sie. Ich hab auf dich gewartet. Gut, dass du gekommen bist. Du musst mir helfen, ja?

Tim sah sich nach der Stimme um, konnte aber ihren Ursprung nicht entdecken. Sie kam von der Wand, aber da hing nur ein Uhrenkasten.

Ja, ganz richtig. Ich bin hier drinnen. Ich habe mich selbst eingesperrt, sagte das Stimmchen wieder. Du kannst mich nicht sehen. Ich bin das Siebte von dem, was von den Wochentagen übrigblieb. Alle anderen hat der Wolf gefressen. Wenn er auch noch mich findet, gibt es keine Zeit mehr, verstehst du? Ich bin die Zeit.

Dann bist du eines von den Geißlein, fragte Tim unschuldig.

Das ist für Kinder, sagte das Stimmchen. Aber selbst Kinder wissen, dass mit meinen Geschwistern die Wochentage gemeint sind.

Dann bist du also der Sonntag?

Ja, ich bin der Sonntag. Aber Sonntag, das ist alle Zeit, verstehst du? Der Wolf will kommen und mich totschlagen. Du hast ihn doch getroffen, oder nicht?

Und was soll ich jetzt tun?, fragte Tim.

Sag dem Wolf, wenn du ihn wieder triffst, dass ich auf seine Tricks nicht reinfalle. Er kann sich das sparen, Kreide zu fressen oder seine Pfoten beim Bäcker ins Mehl zu tauchen. Er wird mich nie finden. Du darfst aber niemand davon etwas sagen, wo ich mich versteckt habe. Das muss unter uns bleiben, Tim, schwörst du mir das?

Aber ich will dich sehen, willst du dich mir nicht zeigen?

Nein. Niemand darf mich sehen. Auch du nicht. In wenigen Augenblicken werde ich meine Uhr schlagen lassen, und du wirst aufwachen und nichts mehr von deinem Traum wissen. Du kannst mir nur helfen, indem du das dem Wolf ausrichtest und mich vergisst, ja? Auch musst du so leben, als hätten wir uns nie getroffen. Jeder und jede hat seine eigene Uhr und seine Zeit. Auch du. Und hüte dich vor dem Wolf! So, und jetzt mach, dass du nach Hause kommst, lieber Tim. Die Zeit ist um.

Kaum hatte das Stimmchen das gesagt, läutete sein Wecker. Schlaftrunken wachte er auf, suchte blind seinen Wecker und stellte ihn ab. Draußen regnete es nicht mehr. Es war Frühling und die Sonne schien durchs Fenster. Seine Oma kam ins Zimmer und fragte wie jeden Morgen: Hast du gut geschlafen?, Tim. Heute aber wartete sie seine Antwort erst gar nicht ab und sagte: Stell dir vor, was ich geträumt habe.

Was?, fragte Tim und war hellwach.

Es war ein wunderschöner Traum.

Dann hast du ganz bestimmt vom Hundertmorgenwald geträumt, stimmt‘s?, fragte Tim und machte seiner Großmutter Platz, dass sie sich neben ihn legen konnte. Ja, ich war dort. Und es war alles noch schöner, als ich es in Erinnerung habe. Hast du auch geträumt?

Ja, ich habe auch geträumt, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich hab’s vergessen. Irgendwas mit den sieben Geißlein war’s. Mehr weiß ich nicht mehr. Oma, was ist heute für ein Tag?

Sonntag ist heute, mein Schatz. Und weil schönes Wetter sein wird, gehen wir zuerst in den Prater und dann in den Wienerwald. Was hältst du davon?

Sonntag, das ist alle Zeit, sagte Tim nachdenklich.

Was soll das denn nun wieder heißen, fragte seine Großmutter.

Da erinnerte sich Tim an das, was er geschworen hatte, und schwieg.

Der Großmutter war es recht, denn in ihrer Gegenwart durfte man auch schweigen.

VI

Oma, Oma!, rief Tim, schau, es hat zu regnen begonnen; nein, jetzt schneit es.

Ist eben April; da kann es sein, dass alle Jahreszeiten auf einmal vorkommen. Dann bleiben wir eben daheim und machen es uns hier gemütlich, einverstanden Tim?

Er war überhaupt nicht traurig, dass aus dem Vorhaben, in den Prater und dann in den Wienerwald zu gehen, nichts geworden ist. Er liebte den Regen, wenn er an die Fensterscheiben trommelte, den Wind, wenn er in die Blätter der Pappel fuhr, um sie miteinander tuscheln und ihre Geheimnisse austauschen zu lassen, – ja, sogar den Frost, wenn er die Scheiben mit Sternen aus Kristall beschlug, in die er mit seinem Atem kreisrunde Löcher brennen konnte; in Wirklichkeit liebte er jedes Wetter, das ihn nicht ins Freie lockte, weil es daheim so viel gemütlicher war. Tim war ein Stubenhocker.

Aber du musst mir eine Geschichte erzählen, forderte er. Aber keine vom Hundertmorgenwald, fügte er hinzu. Die kenne ich schon.

Nicht eine kennst du, brummte seine Großmutter, aber, – das sagte sie mehr zu sich selbst –, es stimmt schon, ich bin mehr im Hundertgesternwald daheim.

Sie nahm die Stricknadeln aus dem Korb und schlug die Maschen an, indem sie den Arbeitsfaden aufnahm und die Wolle für seine Strickmütze zwei Mal um den Zeigefinger wickelte.

Weißt du, fing sie an, dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es früher ein Bächlein, das mitten durch unser Dorf plätscherte und es regelrecht in zwei Hälften teilte. Viele Stege führten von einem Ufer zum andern, sodass das Bächlein kaum ein Hindernis darstellte. Mit dem Rücken zu ihm stand auf beiden Seiten eine Zeile von strohgedeckten Häusern; auf den weißgetünchten Wänden führten Erlen, Weiden und Platanen, die spalierartig das Ufer säumten, je nach dem Stand der Sonne und der Stärke des Windes ihre Schattenspiele auf. Stundenlang konnte ich dort unter den bis in das Wasser hineinragenden Ästen der Bäume und Sträucher sitzen, dem Glucksen und Gurgeln zuhören und zuschauen, wie mich meine aus Träumen gebauten Schiffe fortrissen, dem Meer und noch von niemandem entdeckten Kontinenten zu.

Aber Oma, unterbrach sie Tim, warum wolltest du denn fort aus deinem Dorf? Immer wenn du mir von ihm erzählst, möchte ich auch dort sein und nie mir wünschen, dass ich fortgehen muss.

Die Großmutter legte kurz ihre Stricknadeln in ihren Schoß und seufzte: Aber Tim, du weißt genauso gut wie ich, dass nichts bleibt, wie es ist.

In den Wochen nach dem Unfall, in denen er mit gebrochenen Rippen im Gipsbett gelegen hatte, wollte ihm niemand sagen, was passiert war. Erst seine Großmutter, die ihn zu sich nahm, war mutig genug, ihm nichts mehr vorzumachen. Es war bei diesem einen Gespräch geblieben. Nie wieder hat er sie was gefragt, beinahe so, als hätte es seine Eltern für ihn nie gegeben. Seine Großmutter wollte ihn nicht bedrängen. Sie wusste, er würde sprechen, wenn es so weit war.

Weißt du, sagte sie, den Faden wieder aufnehmend, das habe ich von meinem Bächlein gelernt, in dessen Wasser ich so oft geschaut habe bis hinunter auf den Grund, auf dem große und kleine Steine lagen, die es rundgeschliffen hat. Alles braucht seine Zeit. Alles fließt. Nichts bleibt, wie es ist.

Vom Krieg blieb auch mein Dorf nicht verschont, setzte sie ohne Überleitung fort. Die Kirche, deren Glocke ich noch immer hören kann, wurde ebenso wie viele Häuser und Höfe ein Opfer der Flammen; das Bächlein über Nacht zur Grenze zwischen zwei gegnerischen Lagern, die sich als Todfeinde gegenüber standen. Die eine Hälfte nannten sie Westen, die andere Osten, und dazwischen spannten sie einen Vorhang aus Eisen. Familien wurden auseinander gerissen: Väter und Mütter von ihren Kindern, Männer von ihren Frauen; es gab kein Zurück mehr… Mein Hundertmorgenwald war auf der anderen Seite. Verstehst du? Auf der anderen Seite. Die einen sagten, dort sei der Himmel, aber die wenigen, denen die Flucht gelungen war, sagten, dass es die Hölle war, aus der sie kamen. So ist aus dem Bächlein eine Grenze zwischen dem Hundertmorgen- und meinem Hundertgesternwald geworden.

Als würde sie von ihren Erinnerungen mitgespült werden, schaute die Großmutter in eine Tim unbekannte Ferne und schwieg.

Tim spürte, dass er an eine Wunde gerührt hatte, und zupfte zaghaft an ihrer Strickjacke; er wollte sie daran erinnern, dass sie jetzt in der Gegenwart daheim und er da war.

VII

Tim kuschelte sich unter die Decke. Draußen regnete es noch immer. Er sah seiner Großmutter zu, wie sie den roten Faden von der Wolle spulte, um ihm wieder eine Mütze zu stricken. So viele Winter gibt es gar nicht, dachte er, wie sie Handschuhe, Socken und Mützen strickt. Dass sie einmal nichts tut, würde ihr nie in den Sinn kommen. Nie noch habe ich gesehen, dass sie ruht, außer, wenn sie schläft. Aber selbst dazu, sich in ein Bett zu legen, schien sie keine Zeit zu haben. Immer brannte das Licht in der Küche, und wenn Tim aufs Klo musste oder mitten in der Nacht aufwachte, fand er sie oft eingeschlafen mit dem Kopf in der linken Armbeuge und die rechte Hand am Griff des Rades, mit dem sie ihre alte Nähmaschine in Betrieb gesetzt hatte.

Wenn er die Tür zur Küche wieder schließen wollte, schrak sie manchmal hoch und schalt ihn, sie nicht geweckt zu haben. Muss noch so viel tun. Muss noch so viel tun. Kaum hatte sie das gesagt, konnte es schon vorkommen, dass sie wieder einschlief.

Jetzt aber erzählte sie, wie sie auf dem Leiterwagen gesessen ist mit nichts als dem, was sie anhatte. Weil sie in eine Art Schockstarre gefallen war, als ihr Dorf brannte, und einfach nur fassungslos dagestanden war, hatte man sie kurzerhand auf einen Leiterwagen gesetzt, ohne dass sie Widerstand geleistet hätte. Das letzte Bild, das sie in sich aufgenommen, in die neue Heimat und bis in ihr hohes Alter gerettet hatte und immer abrufbar geblieben war, war der von den Flammen nachthell erleuchtete Himmel über dem Wald gewesen; und das letzte, was sie hörte, das wilde Läuten der Glocke, bis auch diese verstummte, nachdem sie mit einem dumpfen Knall, der sogar den Geschützdonner übertönt hatte, aus dem brennenden Dachstuhl in die Tiefe gefallen war.

Alles habe ich dort zurück gelassen, und von einer Nacht zum nächsten Morgen war ich kein Kind mehr. Aber das ist vergangen und vergessen und vorbei. Dass nur nie wieder ein Krieg ist, schloss sie und seufzte ein schweres Ach ja.

Tim kannte diese Geschichte so gut, als wäre er selbst dabei gewesen. Er hörte den vom Wind gepeitschten Regen auf die Scheiben trommeln, das Klappern der Stricknadeln und ihm war, als würde er zum ersten Mal auch die Glocke hören, denn er war von einem Wachtraum in tiefen Schlaf gefallen.

VIII

Was willst du?, fragte ihn die Spinne.

Ich will über den Fluss, antwortete Tim. Ich muss in den Hundertmorgenwald. Der beginnt am anderen Ufer, hat man mir gesagt.

Wer hat dir das gesagt?, wollte die Spinne wissen, und außerdem: warum glaubst du, dass ich das könnte, dich auf die andere Seite bringen?

Alle hier sagen das. Wenn ich kein Seil flechten könne aus dem Speichel der Vögel, dem Atem von Fischen, den Wurzeln der Berge und den Sehnen eines Bären, dann soll ich mich an dich wenden.

Soso, sagen sie das. Ich fühle mich geschmeichelt. Wie viel wiegst du denn?, fragte sie Tim.

Ich bin ein Fliegengewicht, antwortete Tim, und erschrak, weil er im gleichen Augenblick erkannt hatte, dass es dumm war, sich mit einer Fliege zu vergleichen, wusste er doch, dass es der Spinnen liebstes Beutetier war. Aber es war schon zu spät.

So schwer wie eine Fliege also bist du. Das ist gut. Das ist sogar mehr als gut,  sprach sie jetzt mehr zu sich selbst. Ich wollte ohnehin gerade einen Faden auswerfen. Muss nur noch auf günstigen Wind warten. Wenn das Ende irgendwo hängen bleibt, kann ich auf dieser Brücke zur anderen Seite krabbeln. Muss aber erst den Faden so oft verstärken, dass er dein Gewicht trägt.

So lange und ausführlich hatte sie noch selten gesprochen. Es geschah, weil sie sich Hoffnung auf fette Beute machte. Tim aber war gewarnt.

Klebt der Faden?, fragte er, als wäre er nur neugierig.

Nein, erst ganz zum Schluss bringe ich die klebrigen Fäden an, verriet sie ihm ihr letztes Geheimnis, und Tim dachte insgeheim:

Dann kann ich es ja wagen und mich vorher abseilen.

Das Einzige, was ihm Sorge bereitete, war, wie er auf der dünnen Fadenbrücke gehen sollte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Feststand, dass er nicht hinunter schauen und es ihm schwindelig werden durfte.

IX

Soso, donnerte eine Stimme von so hoch oben, als würde sie aus den Wolken kommen; du willst also auf die andere Seite. Das ist aber keine gute Idee, dir von der Spinne eine Brücke bauen zu lassen.

Tim drehte sich um und sah zwei rindennackte, aber behaarte Stämme vor sich aufragen, die zu einem Riesen gehörten. Sie steckten in abgetragenen Stiefeln, von denen einer vorne wie ein Maul aufklaffte und die knolligen Zehen mit erdschwarzem Zehen-nagelrand der würzigen Luft des Waldes preisgab.

Aber mutig bist du. Das muss ich dir lassen. Hab schon viel von dir gehört, aber deinen Namen vergessen. Wie heißt du denn?

Daraufhin bückte er sich, und Tim hörte seine Knochen krachen, als würde gerade eine Eiche gefällt. Mit seinen behaarten Pranken suchte er den Boden nach ihm ab und als er ihn gefunden hatte, zog er ihn an einer Hand hoch und beschnupperte ihn mit seiner hässlichen Rübennase und schnaufte wie eine Diesellock, wenn sie den Berg hinauffahren muss; sein Mund war ein rotes Loch mit nur zwei Zähnen, die jeden Augenblick herauszufallen drohten, und aus den Poren seiner ungesunden Haut sprossen Haare, die es zu keinem Bart brachten. Was Tim aber ein bisschen seine Angst nahm, das waren seine Augen. Sie glichen einem milchigen Bergsee, in den der Mond gefallen war.

Ja, du siehst richtig: Ich bin blind, polterte der Riese und das Echo seiner Stimme schlug sich drei Mal an den rabenschwarzen Felsen auf der anderen Uferseite. Blind. Blind. Blind. Das war schaurig anzuhören, und ihm war, als würde der ganze Wald den Atem anhalten.

Lass mich runter!, bat Tim. Du reißt mir ja den Arm aus.

Soso, meinte der Riese, und legte ihn behutsam in die tellergroße Schale seiner linken Hand. Da wusste Tim, dass es ein gutmütiger Riese war, und bekam Mitleid mit ihm.

Warum bist du blind?, fragte er ihn.

Oh, das ist eine lange Geschichte. Weißt du, mir hat einer, der sich Niemand nannte, die Augen ausgestochen. Seither vertraue ich den Menschen nicht mehr und jeder, der in meinen Wald kommt, muss fürchten, dass ich ihn wieder hinaus jage oder Schlimmeres.

Niemand hat dich also blind gemacht?, fragte Tim unbeirrt weiter. Aber wenn niemand dir die Augen ausgestochen hat, warum siehst du dann nichts mehr? Niemand gibt es nicht. So heißt niemand.

Was? Du glaubst mir nicht? Fast hätte er ihn zerquetscht, weil ihm die Wut hoch koch; und wenn er wütend wurde, das wusste Tim jetzt, war mit ihm nicht zu spaßen, auch wenn er schon alt war und nur noch zwei faule Zahnstummel hatte.

Ich glaube dir ja, schrie Tim. Ich glaube dir. Niemand hat dich blind gemacht.

Da ließ der Riese von ihm ab und wurde wieder friedlich.

Was willst du eigentlich da drüben?, fragte er Tim. Das ist ein ganz und gar gefährlicher Ort. Man weiß nie, ob man von dort wieder zurückkommt. Hast du dir das auch gut überlegt?

Das stimmt nicht, sagte Tim empört. Der Hundertmorgenwald ist der schönste Ort der Welt. Ich war schon öfter dort und bin immer wieder zurückgekommen.

Erzähl! Erzähl!, bat ihn der Riese, ganz neugierig geworden. Wie ist es da drüben in deinem Hundertmorgenwald. Was für ein schöner Name für einen Wald. Bitte, beschreib ihn mir!

Im Hundertmorgenwald, begann Tim, nachdem der Riese einen Platz zum Sitzen gefunden hatte, ist immer die Jahreszeit, die du dir wünschst. Alles dort wuchert und wächst wild. Kein Mensch rührt ihn an. Dort gibt es Farne so groß, dass selbst du unter ihnen Schatten finden könntest. Die Baumstämme liegen dort herum wie Mikadostäbe. Es riecht nach Wacholder, und nichts ist dort giftig. Nicht einmal der Fliegenpilz. Und wenn es dort ein Haus gibt, hat es eine Schuppenhaut aus Schindeln und an der Wand hängt ein Uhrenkasten und in ihm drinnen wohnt die Zeit…

Danke, sagte der Riese, das hast du schön gesagt. Träum weiter! Aber eines will ich dir noch mitgeben auf deinen Weg: Wenn du eine Glocke schlagen hörst, dann lauf, lauf so schnell du kannst!

Kaum hatte er das gesagt, war der Riese so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war. Tim lag auf einem weichen Bett aus Moos und blinzelte in einen wunderblauen Sommerhimmel; da wusste er, dass er die Brücke über den Fluss auf eine ihm verborgene Weise überquert haben und auf der anderen Seite sein muss.

X

Tim wusste im Traum, dass er träumt; denn wo und in keiner Zeit ist es möglich, ein aus der Ferne sich ankündigendes Getrappel zu hören, das nicht von Hufen rührt, sondern von den gepolsterten Läufen eines ganzen Gespannes von Schneehasen. Sie hoppelten in wildem Galopp durch den Wald und schlugen Hacken, um den Tannen auszuweichen, die nur gepflanzt zu sein schienen, um sie zu einem Slalom der besonderen Art herauszufordern. Mit einem einzigen Schnalzer der Zunge, den Tim gerade noch für eine Peitsche gehalten hatte, brachte ein auf dem Kutschbock sitzendes Männlein das Gespann zum Halten, indem die Schneehasen ihre Vorderläufe gleichzeitig in den weichen Moosboden bohrten. Das Männlein sprang aus dem Gefährt, verbeugte sich und sagte: Prinz Tim vom Hundertmorgenwald, stehe zu ihren Diensten. Sie werden erwartet.

Tim war überhaupt nicht überrascht, so angesprochen zu werden. Es war nicht die Winzigkeit des Männleins, das in einer Uniform steckte und ihn mit seinen glitzernden Orden und Knöpfen an einen General oder an einen Zirkusdirektor erinnerte; auch nicht das seltsame Gespann von Schneehasen, die in der Sprache der Jäger rote Seher und eine schwarze Blume hatten, ihr Geschirr los werden oder sich ungeduldig wieder in Trab setzen wollten; es war auch nicht die Kutsche, die einer kunstvoll gedrechselten und himmelblau bemalten Eierschale glich; was ihn überraschte, war einzig und allein die Tatsache, dass er als Prinz vom Hundertmorgenwald angesprochen worden ist. Das Gespann aber schien ihm lächerlich.

Ostern ist doch schon vorbei!, sagte er.

Wenn du meinst, antwortete das Männlein, und im gleichen Augenblick verwandelte sich die aus Eierschalen gezimmerte Kutsche mit samt dem Gespann in einen Schlitten, den zierliche Rentiere zogen.

Tim musste lächeln. Weihnachten ist noch weit weg, hörte er sich sagen, aber es konnte durchaus sein, dass sie miteinander telepathisch verkehrten.

Stets zu Diensten, meinte das Männlein jetzt, und wieder verwandelte sich das Gefährt ohne Simsalabim und Zauberstab in der Zeit, die man für einen Wimpernschlag braucht, in eine schwarze Karosse, der sechs herrliche Rappen vorgespannt waren. Auf dem Kutschbock saß das Männlein selbst; es trug jetzt einen Zylinder, aber irgendwas stimmte nicht. Ihm saß der Kopf verkehrtherum.

Aus dem Fenster der elfenbeinschwarzen Karosse hing eine Hand. Die lockte ihn, näher zu kommen. Gleichzeitig schlug eine Glocke an.

Plötzlich wusste Tim, dass es eine Bestattungskutsche war, und erschrak. Trotzdem trat er, – vom Männlein aufgefordert –, nahe an die Kutsche heran. Das durfte nicht wahr sein. Das konnte nicht wahr sein. Drinnen saßen… drinnen saßen seine …

XI

Tim war aus dem Bett gefallen. Er muss ziemlich laut geschrien  haben, weil seine Großmutter ins Zimmer gerannt kam, es in grelles Licht tauchte und auf ihn hin stürzte: Was ist passiert, Tim? Was ist denn los? Als sie sein schreckverzerrtes Gesicht sah, als hätte er den Leibhaftigen gesehen, bettete sie ihn in ihren Schoß. Tim zitterte am ganzen Körper. Dann brachte er stoßweise hervor: Ich hab sie gesehen. Ich hab sie gesehen. Dabei schluchzte er,  dass er kaum noch Luft holen konnte.

Jetzt beruhige dich doch! Was hast du gesehen?

Ich hab sie gesehen, wiederholte Tim, ohne auf die Frage einzugehen. Gesehen. Ich …

Du musst tief einatmen, sagte seine Oma jetzt. So. Sie zeigte ihm, wie das geht, indem sie es ihm vormachte. Du hast geträumt, mein Schatz. Du hast schlecht geträumt. So beruhige dich doch.

Aber Tim war nicht zu beruhigen. Er hatte seine Eltern gesehen. Es war das erste Mal, dass er von ihnen geträumt hat. Auch wenn es nur ein Traum war, sie hatten sich ihm mächtig in Erinnerung gerufen. Viel zu lange hat er sie zu vergessen versucht.

Er befreite sich aus den Armen seiner Großmutter und schrie sie an: Ich möchte zu meiner Mama und zu meinem Papa. Ich will zurück in mein Zimmer.

Er war aufgestanden und hatte mit dem Fuß aufgestampft. Groß-mutter saß in ihrem Nachthemd auf dem Boden und war wie gelähmt. Jetzt ist es da, dachte sie. Ich habe es befürchtet.

Aber die ganze Zeit über hatte sie geahnt, dass es so kommen würde. Es stimmt, was behauptet wird: Wenn jemand stirbt, den man sehr gern gehabt hat, ist man zuerst wütend, bevor so etwas wie Trauer empfunden werden kann. Für ihn jedenfalls hatten sie ihn im Stich gelassen.

Tim hatte herzerbärmlich zu weinen begonnen, und seine Groß-mutter musste alle Kunst aufbieten, ihm ein Trost zu sein. Andere an ihrer Stelle hätten sich über Undankbarkeit beklagt, und alles wäre noch schlimmer geworden, wie es schon war. Nicht aber seine Oma. Sie spürte, was in ihm vorging. Vielleicht war es nun wirklich an der Zeit, mit Tim über alles zu sprechen, was ihr und ihm schon so lange auf dem Herzen lag.

Ich weiß, dass ich dir deine Eltern nicht ersetzen kann. Ich habe meine Tochter verloren. Du aber gleich zwei Menschen und dein Zuhause. Seit dem ist kein Tag vergangen und keine Nacht, in der ich nicht an sie hab denken müssen. Ob sie das wirklich gewollt hätte, dass du bei mir aufwächst? Ob ich dafür nicht schon zu alt bin? Alles das habe ich mich gefragt. Ich habe dir das nie gesagt, aber jetzt tu ich’s. Ich war und bin noch immer so froh, dich um mich zu haben. Ich kann dir gar nicht sagen, wie. Aber deine Eltern kann ich dir nicht ersetzen. Das kann ich nicht.

Tim sah sie vor ihm auf dem Dielenboden seines kleinen Zimmers sitzen und hörte sie, wie von weit her, Sachen sagen, die – bis eben -nie zur Sprache gekommen waren. Und wieder platzte es aus ihm heraus: Du hast gesagt, sie sind im Hundertmorgenwald. Du bist schuld.

Aber, aber Tim, sagte die Großmutter. Ich kann doch nichts für deine Träume. Du hast deine Eltern gesehen. Das ist doch gut. Das ist ein gutes Zeichen. Sie wollten dir bestimmt nur zeigen, dass es ihnen gut geht, dort, wo sie jetzt sind.

Aber sie sind tot, begehrte Tim auf. Sie kommen nicht mehr zurück. Es war so ein Totenwagen, indem sie gesessen sind, und der Kutscher hat den Kopf verkehrtherum gehabt.

Weißt du Tim, sie haben sich nur bei dir gemeldet, weil du dich zwingen hast wollen, sie zu vergessen. Und das mit dem Kutscher und seinem Kopf verkehrtherum beweist, dass du sie in ihrer Welt besucht hast, in der alles möglich ist. Auch, dass sie leben. Du kannst sie dort besuchen, wann immer du willst. Aber du kannst – auch ohne von ihnen zu träumen – mit ihnen sprechen. Sie hören dich, glaub mir.

Ja, genauso war es; sie haben mir zugelächelt, sagte Tim lebhaft. Sie haben mich eingeladen mitzukommen; ich habe die Glocke gehört, die, die eigentlich nicht mehr läuten kann, deine Glocke, die ohne Kirche läutet…, dann bin ich aus dem Bett gefallen und aufgewacht. Der Riese hat mich ja gewarnt. Rennen soll ich, so schnell ich kann, wenn ich sie höre, hat er gesagt. Und der Erich hat gesagt, dass man verbrannt wird, wenn man stirbt, und die Asche in einen Topf tut. Und wenn man nicht verbrannt wird, fressen einen die Würmer und dann bleibt nur noch ein Skelett. Stimmt das? Warum war ich nicht auf der Beerdigung? Sind sie auch verbrannt worden?

Von einem Gedanken zum andern springend purzelten nun die Fragen aus dem Mund, die er solange zurück gehalten hatte: Sprichst du auch mit ihnen? Mit deinen Toten?

So redeten sie das erste Mal, und die Großmutter bemühte sich, so ehrlich wie möglich zu sein, und seinen Fragen nicht auszuweichen und sie der Reihe nach zu beantworten.

Nein, deine Eltern sind nicht verbrannt worden. Wenn du willst, gehen wir demnächst auf den Friedhof. Weißt du, ob verbrannt oder beerdigt, was von den Menschen bleibt, wenn sie tot sind, braucht keinen Körper mehr. Sie sind umgezogen und bewohnen die, die sie zurück gelassen haben. Sie leben in unseren Träumen, in unseren Gedanken und in unseren Erinnerungen. Und wenn du einmal Kinder hast, werden sie nach deinen Eltern fragen, und dann wirst du ihnen alles erzählen, was du über sie weißt, und so werden auch sie von ihnen bewohnt, und das geht so lange, bis sie nur noch Namen sind auf Steinen, kaum mehr zu lesen, oder die Gräber schon aufgelassen. Dann sind es unsere Ahnen und Urahnen in einer langen Kette mit vielen Gliedern, die im Dunkel der Zeit geknüpft worden ist und erst abreißt, wenn es keine Nachgeborenen mehr gibt… Alle werden wir einmal heimgehen: Dorthin zurück, woher wir gekommen sind.

Der Morgen dämmerte herauf und Tim lag im Bett und seine Oma saß auf der Bettkante und hielt seine Hand und beide schwiegen.

Tim sah auf die schwieligen, zerfurchten und von hervorquellenden Adern durchzogenen Hände, die seine Rechte wie einen kleinen, schutzsuchenden Vogel bargen, und fühlte sich behütet und aus dem Nest geworfen und traurig und froh und alles auf einmal und gleichzeitig.

Weißt du, sagte er nach einer Weile, ich bin gern bei dir. Ich könnte es nirgends besser haben. Auch das Zimmer hab ich gern.

Die Großmutter schmunzelte. Jetzt aber heißt es aufstehen. Ich mach uns ein gutes Frühstück. Willst du ein hartes Ei, ein Spiegelei oder Eines im Glas?

XII
Er wusste nicht, woher die Stimmen kamen. Es war ein Chor. So viel stand fest. Ein Chor aus Frauen und Männerstimmen. Aber es war kein Haus zu sehen, geschweige denn eine Kirche. Niemand weit und breit. Er war auf dem Weg und folgte einer schmalen Straße, die in einen Feldweg mündete. Das war ihm zuerst gar nicht aufgefallen, da er in Gedanken versunken war. Er musste nämlich an seinen Sohn denken, der vor wenigen Tagen seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert hatte. Und er war nicht da gewesen.

Du bist nie da, du warst nie da und du wirst nie da sein, wenn ich dich brauche.

Die Stimmen wurden lauter, dann wieder leiser. Er blieb stehen und lauschte. Nichts. Nur Wind in den Bäumen, die den Weg zu beiden Seiten in so kurzen Abständen säumten, dass ihre Zweige ineinander griffen. Das muss im Sommer ein sehr schattiger Weg sein, dachte er noch, auch um die Stimme seines Sohnes zu vertreiben. Sommer? Die Stimmen des Chores schwollen an. Sie hatten was Lockendes; gleichzeitig machten sie ihm Angst. Er verstand die Sprache nicht, wenn es denn eine war: Kanonartige Kaskaden von Lauten, die sich zu turmhohen Gebilden aufschichteten und – so schnell, wie sie entstanden waren – wieder verstummten oder in sich zusammen stürzten. Der Weg hatte ihn in einen Wald geführt. Die Tannen standen so dicht, dass ihre weitausladenden Zweige seinen Körper peitschten. Tim blieb stehen. War da nicht ein kehliges Husten gewesen, ein Husten das jetzt von Lauten abgelöst wurde, die ein Mensch macht, wenn er sich vornüber beugt, um zu kotzen?

Er war klein. So klein, dass er ihn zuerst gar nicht sah. Das muss schlimm sein, wenn man so klein ist, dachte er noch, aber die klein sind, machen das durch etwas wett, was sie so gut können, dass man auf sie aufmerksam wird. Ja, sie war klein. Es war eine Frau, wie sich jetzt herausstellte, denn sie hatte sich ihm in den Weg gestellt. Für sie muss ich ein Riese sein, denn er musste sich bücken, um ihr in die Augen schauen zu können. Kaum war er mit ihr auf Augenhöhe, öffnete sich ihr Mund und er nahm an, dass sie schrie, obwohl er nichts hörte. Es geschah in einer Frequenz, die vielleicht Fledermäuse wahrnehmen, dem menschlichen Ohr aber nicht zugänglich ist. Tim versuchte sie zu beruhigen, aber es hatte keinen Sinn. Wenn es etwas gab, was er noch nie gesehen hatte, dann waren es ihre Augen, in denen er sich gespiegelt fand. Nicht in seiner Gestalt heute, sondern als Kind in einer kurzen Lederhose und mit aufgeschundenen Knien. Der Augenblick war magisch. Es gab kein anderes Wort dafür. Magisch. Wer kann sich schon dreidimensional als Kind gespiegelt sehen und gleichzeitig ein Mann sein, den Lichtjahre von seiner Kindheit trennen? Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Das bin ja nicht ich, das ist mein Vater, rief Tim, obwohl sein Mund wie zugenäht war. So jedenfalls hatte er ihn auf einem Foto gesehen, das so vergriffen war, dass es einer Daguerreotypie glich.

Ein Blitz war es, der ihn wieder zur Besinnung brachte, gefolgt von einem Donnerrollen, das sich mit tausendfachem Echo an den Granitfelsen brach, die sich ganz plötzlich vor ihm aufgetürmt hatten. Tim war zu entsetzt, sich zu fragen, wie er in diese Landschaft geraten war. Sie war da. Er konnte sie sich nicht eingebildet haben. Die Zwergin hatte sich beruhigt. Sie sprach in einer fremden Zunge und trotzdem war ihm, als verstünde er sie. Vor unendlich langer, aber in meinen Träumen noch immer gegenwärtiger Zeit, war sie mir schon einmal begegnet, dachte er. Woher nur kenne ich sie? Sie erinnert mich an meine Großmutter.

In dicken Flocken fiel Schnee und tauchte alles in ein weißes Brautkleid. In der Ferne schlug die Glocke einer Turmuhr an.

Geh!, raunte die Frau. Flieh! Siehst du denn nicht?

Im Augenblick, als er sich umdrehen wollte, um ihren angst-geweiteten Augen zu folgen, die etwas sahen, wovor sie ihn warnen wollten, klingelte sein Handy.

Happy birthday, scholl es ihm vielstimmig entgegen.

Wer immer sie waren, sie ließen sich nicht davon überzeugen, dass sie falsch verbunden sein mussten, denn er hatte nicht Geburtstag; trotzdem war es schön zu wissen, dass es Menschen gab, die an seiner Existenz nicht zweifelten, obwohl er der Zeit entflohen war. Solange der Schnee liegt, – so tröstete ihn sein Traum -, werden die Spuren sichtbar bleiben; seine und die der Zwergin, die sich im Nichts verloren. Er war im Hundertmorgenwald.