GebissHeute fand ich folgende Zeilen in einem Buch über das Leben von T.E. Lawrence in Arabien. Sie gaben mir zu denken. Nie noch wurden in der Literatur seit Homers Odyssee Stolz und Ehre, beides ausgesprochen männlich konnotierte Begriffe, so eindrücklich, bildhaft und nachahmungswürdig beschrieben:

“Faisal gab ein Bankett zu Ehren Andas, an dem auch T.E.Lawrence teilnahm. Als das Mahl beginnen sollte, stürzte Andas aus dem Zelt. Lawrence folgte ihm und kam dazu, wie der wilde, alte Beduine mit einem Stein seine falschen Zähne in Stücke schlug. Ich hatte vergessen, erklärte er, dass Dschamal Pascha sie mir geschenkt hat. Beinahe hätte ich das Brot meines Herrn mit türkischen Zähnen gegessen.
Eine großartige Geste, wenn man bedenkt, dass er drei Monate warten musste, bis er ein englisches Gebiss aus Ägypten geschickt bekam – und Andas war ein gewaltiger Esser…“ 

Jetzt erst weiß ich, wie schäbig und eines Mannes unwürdig ich mich benommen habe, als mich die Frau eines Zahnarztes, von dem ich meine dritten Zähne habe, um ihre Trennung zu feiern und sich der Loyalität auch seiner Freunde ihr gegenüber zu vergewissern, ein Fest gab. Statt hinauszugehen und meine falschen Zähne vor den Augen der anderen mit einem Stein oder einem anderen Werkzeug – woher hatte Andas nur den Hammer? – zu zertrümmern, um mit dieser großartigen Geste der Exfrau ihres Exmannes, meine uneingeschränkte Solidarität zu beweisen, blieb ich sitzen; und das, weil ich wusste, dass ich dieses ungarische Gebiss so schnell nicht gegen ein österreichisches getauscht bekäme. Er war nämlich Ungar, mein Exzahnarzt, und sie eine waschechte Burgenländerin. Ich schäme mich bei jedem Bissen, den ich zu mir nehme, seitdem ich gelesen habe, wie ein richtiger Mann handeln hätte müssen.