Breitbeinig steht er vor dem Aushub und schält bedächtig eine Banane. Er schaut hinunter zu dem Arbeiter, der mit einem Pressluftbohrer zugange ist und einen ohrenbetäubenden Lärm macht, stopft die Banane Bissen für Bissen in seinen Mund und wirft die Schale achtlos in das Loch, als müsste auch dieses gefüttert werden. Sein Blick streift eine Frau mit hennagefärbtem Haar, das ihr schmales Gesicht wie Feuer umlodert. Sein Mund will ihr hinterher pfeifen, ist aber noch von der Banane zu voll. Sie scheint um ihre Wirkung auf Männer zu wissen und schleudert in einer ausholenden Bewegung ein Ende ihres grünen und mit dem Rot der Haare kontrastierenden Schals um den Hals. Fast hätte sie ihn getroffen. Die Hände in den schwarzen Taschen ihres schahcmattMantels begraben, eilt sie auf das Lokal zu, von dessen Frontscheibe aus das Geschehen auf der Straße beobachtet werden kann, als wäre dort eine für Passanten und Besucher versteckte Kamera installiert. In dem Café sitzt ein etwas älterer Herr mit Brille. Er blättert – bei jeder Seite die Finger befeuchtend – in einer rosafarbenen Zeitung, schaut kurz auf, nimmt einen Schluck aus dem Glas mit dem perlend aufsteigenden Wasser, während die Frau kurz innehält, sich im Raum umblickt, um daraufhin mit einem angedeuteten Lächeln des Wieder-erkennens auf den Tisch zuzusteuern, an dem der ältere Herr mit der Brille Platz genommen hat. Ohne ihn zu grüßen, – als hätte sie sich eben vor wenigen Augenblicken von ihm getrennt -, lässt sie sich in den gepolsterten Stuhl fallen. Er nimmt keine Notiz von ihrer Gegenwart und legt nicht etwa die Zeitung beiseite, sondern vertieft sich im Gegenteil in einen Artikel, der seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Vielleicht aber tut er auch nur so, denn er ist noch immer sehr aufgewühlt. Heute hat ihn zum ersten Mal ein Jugendlicher mit dem gleichen Zug überrascht, den seine Tochter ihm in einem an ihn adressierten Brief vorgeschlagen hatte. Das war vor wenigen Monaten. Seither verging kein Tag, an welchem er nicht Gegner in Hinterzimmern oder in Parks mit auf Beton gemaltem Schachbrett herausforderte oder gegen sich selbst spielte, wobei er sein Selbst in sein Ich und in das seiner Tochter aufspaltete. Die einzige Zeit, in welcher er nicht von Schuldgefühlen gemartert wird;

Wir beide, – so wie wir uns nun gegenübersitzen -, spinnt sie ihren Monolog in ihrem Kopf fort, haben es verabsäumt, uns auf das Leben vorzubereiten, das vor uns gelegen ist. Wie aber hätten wir das können? Wir alle, denkt sie, auch der Mann vor dem Fenster, der mit seinen signalgrünen Handschuhen jetzt schon wieder eine Banane schält, wir alle sind in unser Leben getaumelt wie in einen Film, für den wir eine Freikarte geschenkt bekamen, ohne den Titel zu kennen, ohne auch nur im leisesten zu ahnen, was gespielt wird. Nein!, schließt sie energisch und fischt eine Zigarette aus einem silbernen Etui: Wir sind und waren nie unseres Schicksals Schmied.

Mein Leben, sagt sie, und nur sie kann es hören, liegt in Scherben; um diesen Gedanken in ein Bild zu übersetzen, sieht sie sich als kleines Kind, dem eine ihr geschenkte Wunderkugel aus der Hand gefallen war, als sie eben fragen wollte, wie der Schnee in das Glas gekommen sei.

Am Nebentisch sitzt eine Frau, die ein Gespräch mit einem unsichtbaren Gegenüber oder mit sich selbst führt. Nein, sie spricht nicht mit sich selbst. Aber es ist auch kein Gespräch, da es keine Pause gibt, die es dem Empfänger erlauben würde, Einwände zu machen oder Argumente anzuführen. Während die linke Hand das Mobiltelefon umklammert, vollführt ihre rechte einen regelrechten Tanz, dessen Choreografie ihrer Rede folgt. Wer die pantomimische Sprache der Hände studiert hat, wüsste zu deuten, was ihr Gemüt so zu erhitzen scheint. Trotz des ratternden Pressluftbohrers und der gedämpft aus unsichtbaren Lautsprechern dringenden Jazzmusik, sind  Wortfetzen zu verstehen: – …Nur zu deinem Besten, ich sage das, weil.., ehrlich jetzt… –

Ein verstohlener Blick schenkt ihm die überraschende Erkenntnis, dass sie, als sei es über Nacht geschehen, alt geworden ist. Sorgfältig faltet er die Zeitung, legt sie auf den Tisch, holt ein Putztuch aus der Seitentasche seines über dem Stuhl hängenden Jacketts und reibt mit ihm, ohne aufzublicken, die Gläser seiner Brille. Er tut dies mit aufreizender Bedächtigkeit. Auch er weiß, dass sein ganzer Körper aus der Form geraten ist. Es hat ihn aber nicht nachsichtiger gemacht, weder ihr, noch sich selbst gegenüber.

Was wir auch für unser Leben planen, denkt er, vom Ende her aufgerollt, ist es beinahe immer eine Tragödie. Die Rolle, die dir auf den Leib geschrieben war, aber auch die szenische Gestaltung für dein Leben wird dir schon früh entrissen, und die Regie, die du über alles zu führen glaubst, übernehmen Akteure, die von allen Seiten die Bühne stürmen, und so das ausgefeilteste Drehbuch über den Haufen werfen.

Stell dir vor, sagt er zu ihr, oder glaubt sich sagen zu hören, heute hat jemand auf meine Eröffnung als erster den Zug gemacht, den G. in ihrem Brief vorgeschlagen hat. Du weißt, welche ich meine. Es ist die sinnloseste aller Eröffnungen, weil man mit ihr den König bloß stellt.

Und?, fragen ihre Augen, aber ihr Gesicht bleibt teilnahmslos.

In diesem Augenblick begreift er, dass er auch sie verloren hat.

Er nimmt das aus einer Schulheftseite herausgerissene und vom vielen Lesen, Falten, Lesen und nicht Begreifen zerknitterte Blatt Papier aus der Innentasche seines Jacketts, legt es neben die Zeitung auf den Tisch, und streicht es glatt. Dann steht er auf, stürzt fast den Tisch um, ruft den Kellner, fingert einen Schein aus dem Portemonnaie, deutet auf die Frau und geht, ohne auf Retourgeld zu warten, aus dem Lokal.

Sie kennt das krakelige Schreiben mit den in beide Richtungen fallenden Buchstaben:  Du eröffnest mit dem Bauern von d2 – d4; ich antworte mit f2 – f4. Vielleicht hast du ja jetzt Zeit. Ich kann nur gewinnen, denn ich habe keine mehr.

Es stimmt, denkt die Frau, sie hat gewonnen. Kaum hat sie das gedacht, fällt ihr auf, dass sie von ihr das erste Mal in der dritten Person spricht. Dann murmelt sie, während draußen die Dämmerung anbricht: Was für ein Sieg!