Angst vor dem Lachen ist Angst vor dem Denken

werbungDie im schrägen Winkel untergehende Wintersonne bricht sich in einer Fensterscheibe und spiegelt das so zurückgeworfene Licht auf die Wand seines Zimmers. Eine Kohlmeise besucht die aufgehängte Futterglocke, pickt einen Sonnenblumenkern und verabschiedet sich mit einem dreisilbigen tsi-da-tsit, das K., der das breitgefächerte Repertoire an Rufen, mit dem die Meisen untereinander kommunizieren,  als Dankeschön auslegen will. Hätte er sich kundig gemacht, dürfte er die Vögel bei den gemäßigten Temperaturen schon der Parasiten wegen nicht mehr füttern. Dazu kommt, dass gefütterte Männchen, weil sie am Morgen später zu singen beginnen, das eigene Weibchen nicht mehr vom Fremdgehen abhalten und daher riskieren, dass ihnen Kuckucksjunge ins Nest geschmuggelt werden.

Je mehr wir wissen, umso weniger scheinen wir richtig handeln zu können, denkt K. und weiß sich damit nicht allein. Auch seine betagte Mutter hat sich unlängst beklagt, dass alles, das ganze Leben, immer schwieriger wird.  Früher nämlich, sagt sie, habe ich den mir geschenkten Fuchs tragen können, ohne Angst haben zu müssen, dass Tierschützer ihn mit Farbe besprühen. Um es ihr noch schwerer zu machen, hat K. damals auch das Binnen-I eingemahnt, da es auch weibliche Tierschützer gibt.

BB zum Beispiel, sagt eine Stimme aus dem Off.

Wer bist du?, fragt K., erhält aber keine Antwort. Im Gegenteil. Die Stimme tut, als hätte sie ihn nicht gehört, und setzt nach: Die hat unlängst gedroht, die russische Staatsbürgerschaft zu beantragen, wenn die zwei Zirkuselefanten „Baby“ und „Nepal“, getötet würden. Putin hat mehr für den Tierschutz getan als alle französischen Präsidenten. Frankreich ist ja nur noch ein Tierfriedhof.

Nein, mischt sich eine andere Stimme ein: Ganz Frankreich ist jetzt Charlie, so wie alle Deutschen einmal Papst waren.

Das ist nicht lustig, donnert eine männliche. Das ist Satire, verstehst du das nicht?, tschilpt die in höherer Tonlage angesiedelte. Und Satire darf alles. Das hat schon…

Auch die Muslime auf der ganzen Welt mit Karikaturen über Mohammed beleidigen?, fällt ein Bariton ein, zu dem K. sich einen Bart denkt, obwohl er ihn deswegen nicht gleich als Salafisten sehen will, der verhängte Auspeitschungen und Enthauptungen nach Gebeten damit verteidigt, dass sie nicht jeden Freitag stattfinden. Beim näheren Hinhören entpuppt sich allerdings, dass es eine weibliche Stimme ist, die ihm vom Radio her bekannt vorkommt. Prominente Gäste, die sich da in meinem Kopf eingefunden haben, denkt K., und schon ist er – ohne es zu wollen – mitten in einen schrillen, vielstimmigen Chor von Stimmen in seinem Kopf geraten, und jede einzelne hängt – den Meisen vergleichbar – mit ihren metallisch klingenden Rufen, jetzt einem hohen pink und dann wieder mit einem warnenden dädädä, das auch von Ornithologen nicht mehr gedeutet werden kann, in der telematischen Futterglocke unter seiner Schädeldecke: Das chaotischste Versuchslabor, richtige Antworten auf falsch gestellte Fragen zu finden, das mann/frau sich vorstellen kann.

Ruhe!, befiehlt K. Der Reihe nach. Wer gehört werden will, zeigt auf, wie wir es in der Schule gelernt haben, oder wartet, bis der andere ausgeredet hat. Wenn euch Schule zu infantil ist, dann stellt euch vor, es ist eine Redaktionssitzung.

Und du moderierst?

Ja, ich moderiere, denkt er so bestimmt, dass der leiseste Zweifel  verstummt, und tatsächlich vorübergehend Schweigen herrscht. In das Schweigen hinein erörtert K die Rahmenbedingungen, unter welcher die Diskussion, die ja hitzig zu werden verspricht, vonstattengehen soll. Ich bin euer Admin. Einer, der dazu abgestellt und beauftragt ist, Forenbeiträge am Stammtisch seines Stammhirns auf die Einhaltung der Netiquette zu überprüfen. Eine Aufgabe, die K. von Tag zu Tag mehr überfordert, weil manche Stimmen, die sich zu Wort melden, von Diskussionskultur wenig halten und die anderen Teilnehmer entweder mit sattsam bekannten Argumentationsfiguren oder mit groben Beleidigungen niederwalzen, wenn ihnen diese ausgehen.

Du willst dich also raushalten, indem du moderierst?, fragt eine Stimme. Sie hat das anonyme Gesicht von vox populi und outet sich mit der angehängten Frage, ob K. etwa für die Umvolkung oder Islamisierung des Abendlandes sei, gleich als friedliebende patriotische Europäerin.

Nein, ich werde ein paar rhetorische Fragen in den überschallten Raum stellen, kontert K., die sehr wohl meine Haltung preisgeben:

Verfolgt nicht jede Diktatur den politischen Witz gnadenlos und ist nicht in allen religiösen Diktaturen das Infragestellen von Dogmen ein kriminelles Delikt? Sind nicht der Hass der Ideologien auf das Lachen und die Angst davor universelle Phänomene? Ist nicht die Angst vor dem Lachen die Angst vor dem Denken? Hat nicht schon Nietzsche gesagt: „Und immer wieder wird von Zeit zu Zeit das menschliche Geschlecht dekretieren: Es gibt etwas, über das absolut nicht mehr gelacht werden darf!“

Je suis Ahmed, meldet sich nach längerem Schweigen ein unter Generalverdacht gestellter türkisch-stämmiger Österreicher der dritten Generation zu Wort: Ja, seht ihr denn nicht, dass wir Muslime zwischen Pegida und Salafismus in eine Schraubzwinge geraten sind? Dass die Muslime in Syrien, Irak und Nigeria die eigentlichen Opfer dieser selbstermächtigten Gotteskrieger und ihrer Religionsauslegung sind? Es stimmt schon: Sunniten und Schiiten schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein. Aber ich darf euch übrigens daran erinnern, dass es gar nicht so lange her ist, dass das Katholiken und Protestanten in Nordirland auch gemacht haben.

Willst du mir sagen, dass der Islam eine friedliebende Religion ist und von wenigen nur falsch ausgelegt wird? Ist das vielleicht metaphorisch gemeint? Ich zitiere den Koran, Sure 4, Vers 34: ‚Und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet, – ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie. Wenn sie euch aber gehorchen, dann sucht kein Mittel gegen sie. Allah ist Erhaben und Groß.‘ Alle Fanatiker, alle Fundamentalisten einer Ideologie, und Religionen sind Ideologien, tun nur ihre Pflicht: Alles geschieht zur höheren Ehre Gottes, der Partei, des Volkes, der Reinheit der Rasse…

Würdest du mir verraten, wer du bist, und was Zitate aus dem Koran hier verloren haben?, fragt Je suis Ahmed unterschwellig aggressiv.

Verrate ich dir gerne. Je suis Badawi-Aktivist und hoffe, dass sie ihn nicht zu Tode prügeln. 10 Jahre, 1000 Peitschenhiebe und 230.000 € Strafgeld hat der Blogger wegen Beleidigung des Islam in seiner von König Abdullah regierten Heimat Saudi-Arabien ausgefasst; der gleiche König, der in Wien ein Zentrum für internationalen Dialog zwischen Religionen initiiert hat.

Ganz richtig!, platzt eine Stimme, die, wie K. gleich gewarnt wird, Cohn Bendit gehören soll, und sich – wie man es von ihm nicht gewohnt ist, im Hintergrund gehalten hat Mit Fundamentalisten gibt es keinen Dialog. Wir müssen die Opfer verteidigen, ohne sie zu idealisieren! Wir müssen die multikulturelle Gesellschaft verteidigen, ohne die Migranten oder Flüchtlinge zu idealisieren! Sie sind genauso gut, wie Österreicher sein können, oder so blöd, wie Österreicher sein können! Das ist so; so ist die Welt. Es gibt keine Ecke der Welt, wo der Mensch nur gut ist, oder wo der Mensch nur böse ist. Das muss man verstehen. Wenn man das hat, dann kann man die schlimmen, die großen oder kleinen Probleme einer Einwanderungsgesellschaft auch in den Griff kriegen.

Ohne von K. dazu aufgefordert worden zu sein und ohne auf seinen Vorgänger einzugehen, versucht eine aus dem Berufsverband der Terrorismusexperten, die bei jedem Attentat wie Pilze nach dem Regen aus dem gutgedüngten Boden schießen, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, indem sie aufzählt, welche Gegen-maßnahmen nun von den Regierungen ergriffen werden, um die Bevölkerung zu schützen: Wir werden Armee und Polizei aufrüsten, Personal aufstocken, Black Hawks anfordern, die Vorrats- und Fluggastdatenspeicherung gesetzlich verankern, den Verhetzungs-paragrafen verschärfen, eine lückenlose Telefonüberwachung einführen;

Ihre atemlos vorgebrachte Auflistung der mit Augenmaß – wie sie nicht müde wird zu versichern – zu beschließenden Antiterrormaßnahmen unterbrechend, fällt ihm eine weibliche Stimme ins Wort: Kann die Militarisierung aller Lebensbereiche die Antwort auf die Terroranschläge sein, wenn gleichzeitig  ehrlicherweise eingeräumt wird, dass es keinen wirksamen Schutz gegen Terrorismus gibt? Ich frage ja nur. Man wird ja noch fragen dürfen, setzt sie schnell nach, als könnte ihr unterstellt werden, dass sie die aufgestellte Behauptung, wir befänden uns in einem Krieg, infrage stellen wolle.   

Hallo, hallo, wie wär’s, wenn du die Stimmen in deinem Kopf Agenten nennen würdest? Damit du über meine Identität nicht lange rätseln musst, lieber selbsternannter Systemadministrator, ich oute mich selbst. Ich bin nicht die NSA, die deine Agenten überwacht. Die braucht’s nämlich lang- und mittelfristig gar nicht mehr. Seine Rolle übernimmt der Zensor oder die Schere im Kopf, und die bin ich. Du kannst mich auch Foromat nennen. Ich lerne jeden Tag dazu. Übrigens bist du dabei, bei diesem Diskurs dein gutes Karma aufs Spiel zu setzen, wenn du dich selbstherrlich zu seinem Moderator machst. Manche deiner vorbereiteten Fragen werde ich also gar nicht zulassen, weil du sie im vorauseilenden Gehorsam gar nicht stellen wirst.

Die wären?, fragt K. die sich als Schere oder Foromat outende Stimme neugierig.

Ich meine nur!, antwortet sie kryptisch. Das weißt du genauso gut wie ich und besser.

Sag’s ruhig!, fordert K. Wir sind hier unter uns, und es passiert dir nichts, oder bist du einfach nur feig und nennst dich deshalb ‚Schere‘?

Gut, ich will eine Ausnahme machen, aber du wirst gleich sehen, wohin das führt, wenn ich frage, ob man ungestraft – eben die freie Meinungsäußerung einfordernd – sagen darf: …

Die Schere hatte kaum ausgesprochen, brach ein so unbeschreiblicher Tumult in K.‘s Futterglocke mit aus den Medien gespeisten Infos aus, dass es sie beinahe aus der Verankerung in seiner Oberstube gerissen hätte.  

Gottloser Informationszuhälter war fast schon ein Kosewort verglichen mit den wüsten Beschimpfungen, die Schere provoziert hat. K. hatte keine, aber nicht die geringste Chance, die Wogen zu glätten.

Siehst du? Siehst du K.?, frohlockt die Schere. Ich hab dich gewarnt. Keiner Ideologie, ob christlich, jüdisch, islamisch, marxistisch, atheistisch, rassistisch, nationalistisch oder was sonst, so friedlich sie sich auch zeitweilig verhält, darf man trauen. Wenn man den geozentrischen Standpunkt verlässt und unsere Erde als Stern unter Sternen sehen lernt, und den eigenen kleinen Stern nicht als den Nabel der Welt, unterzieht man das Denken dem denkbar heftigsten Belastungstest.

K., der nicht mit Herr Karl angeredet sein will, lehnt sich erschöpft zurück. Eine Stimme nach der anderen verabschiedet sich; eine raunt ihm zu: Je suis homme. Er schaut aus dem Fenster und lauscht dem tsi da, tsi da einer Meise. Unten im Hof ruft ein Kind nach seiner Oma. Das Leben ist schön.