Liebe Doris!

typewriterWeil ich der Funkverbindung wegen telefonisch nur schlecht zu erreichen sein würde,  hatte ich dir einen Brief versprochen. Da war ich ein bisschen voreilig. Man schreibt ja keine Briefe mehr heutzutage, und ich habe selbst schon lange keinen mehr geschrieben. Es ist ziemlich zeitaufwendig. Da ich kein Briefpapier besitze und auch kein Kuvert, – auch in der Pension, in der ich untergebracht bin, war keines aufzutreiben -, musste ich mir erst eines beschaffen. Im ganzen Dorf gibt es kein Schreibwarengeschäft mehr, also musste ich in die Stadt. Morgen werde ich eine Briefmarke besorgen und einen Postkasten suchen gehen, um den Brief aufzugeben. Jetzt beim Schreiben frage ich mich, wie lange das her ist, dass ich eine Füllfeder benützt habe. Mit der Hand zu schreiben ist ganz und gar ungewöhnlich. Irgendwann werden wir es verlernen, vielleicht schon bald gar nicht mehr zu den notwendigen Kulturtechniken zählen. Aber ich schweife ab.

Schon jetzt weiß ich, dass ich in Wirklichkeit mir selbst schreibe, um mich zu sammeln, meine Gedanken zu ordnen. Ich richte  dieses Schreiben jedoch an dich, weil ich erst jetzt weiß, wie schmerzhaft das gewesen sein muss für dich und was für ein langer Abschied das war, den du von deinen Eltern nehmen hast müssen, jetzt nachdem ich eine ähnliche Erfahrung mache.

Sie ist da gesessen in der Küche, wie ich gekommen bin. Fertig angezogen wie für eine Reise. Es war noch früh am Morgen. Ich hatte den Nachtzug genommen und dann ein Taxi. Die ganze Zeit über habe ich mich gefragt, wie das sein wird, wenn ich vor ihr stehe. Ich habe mir nämlich einen Schlüssel zu ihrer Wohnung anfertigen lassen, weil sie nur noch schlecht hört, und ich mir nicht wieder mit der Hilfe von Rettung und Feuerwehr Zutritt verschaffen wollte, wie das letzte Mal. Meine Mutter saß in der Küche und hatte einen mottenzerfressenen Mantel mit Fuchskragen angehabt, wie man ihn in den 20igern getragen hat vermutlich, ihr Gesicht ganz verschwollen, weil sie die ganze Nacht über auf war.

Kommen sie schon?, hat sie gefragt, ohne mich zu begrüßen. Und ich: Wer? Wer soll denn kommen, Mama? Ich bin so weit, hat sie gesagt, und dabei auf einen alten Koffer gezeigt, so einen mit Metallecken, den man früher für Überseereisen mitgenommen hat.

Niemand kommt, habe ich sie beruhigt, und ihr aus dem Mantel helfen wollen. Es ist Sommer, Mama. Der Mantel ist doch viel zu warm für diese Jahreszeit, habe ich zu ihr gesagt. Was soll der Koffer? Daraufhin hat sie mich angeschaut und gesagt: Ja, wenn sie nicht kommen, dann muss ich eben warten und das kann ich auch ohne den Mantel, da haben Sie schon recht. Nein, kein Frühstück. Sie brauchen kein Frühstück machen. Sie werden gleich da sein.

Mama, ich bin’s, dein Sohn. Kennst mich denn nicht mehr?, habe ich sie mit aufkommender Verzweiflung gefragt. Nie noch hatte sie mich mit Sie angesprochen. Sie schien über etwas furchtbar verbittert und behandelte mich wie einen, der mit denen unter einer Decke steckt, die gleich kommen würden, um sie zu holen. Wissen Sie, meine Söhne wollen mich ins Heim stecken.

Das hat mich total fertig gemacht, wie du dir denken kannst. Ich meine, das hat sich schon länger angekündigt. Nur hab ich’s nicht wahrhaben wollen. Ich hab’s gewusst, aber ich hab’s einfach verdrängt. Bei meinem Onkel habe ich’s ja auch nicht wahrnehmen wollen. Vor zwei Jahren muss das gewesen sein, da hab ich bei ihm vorbeigeschaut und da hat er mich gefragt, wie es mir so geht in der Arbeit und ob ich mit meiner Kollegin, mit der ich im Team arbeite, noch immer so gut auskomme. Er schien wirklich auf mich eingehen zu wollen. Er hat mir sogar einen Kaffee angeboten und einen Kuchen, schien es aber dann wieder vergessen zu haben. Dass ich schon länger in Pension bin, hat er auch nicht mehr gewusst. War weiter nicht schlimm. Schlimm aber war, dass er ganz plötzlich das Gespräch abgebrochen  und gesagt hat, „ Stell dir vor…“, hat er gesagt, und das im Flüsterton, wobei er sich im Wohnzimmer umgeschaut hat, als ob noch wer im Raum sein könnte, der ihm zuhört außer mir: „Ich muss jetzt zu einer Geheimkonferenz. Ich bin nämlich Flieger, aber das weißt du ja. Zeit für Tubby-Winke-Winke…“  Sagt es, verpflichtet mich zu schweigen, indem er den Zeigefinger auf den Mund legt und mir verschwörerisch zublinzelt, geht in den Gang, fischt sich eine Jacke vom Haken und stapft hinaus auf die Straße. Ich bin zuerst da gesessen und hab mir die Augen gerieben. Spinn ich jetzt oder was? Ist er denn jetzt ganz übergeschnappt? Ja, der Onkel, hat meine Mutter damals gesagt, der ist nicht mehr ganz richtig im Kopf.

Das hat mich an die Geschichte erinnert, die du mir einmal erzählt hast. Weißt du, die, wo du neben deiner Mutter sitzt und sie dann in deiner Gegenwart von dir spricht, als wärest du nicht da und dann über dich zu schimpfen beginnt, und was für ein garstiges Kind du warst, und überhaupt, dass du sie bestohlen hättest. Eine Perlenkette war’s oder was Ähnliches. Ich weiß noch, wie du gelacht hast, als wäre es nicht dir, sondern einer anderen passiert. Aber ich weiß auch, dass ich mir gedacht habe, dass das ein ziemlicher Schock für dich gewesen sein muss, und ich denke, dass du damals nicht gelacht hast, wie sie über dich geredet hat, als wärst du gar nicht da.

Jetzt, wo es so weit ist, weißt du, und ich das akzeptieren lernen muss, dass das passieren kann, hör ich nur noch solche Geschichten. Als hätten sie alle darauf gewartet erzählt zu werden. Kaum jemand in meinem Bekanntenkreis, der nicht auch jemand kennt, der aus der Zeit gespült worden ist. Vom „Mohn des Vergessens“ ist die Rede. „Der König im Exil“, titelt ein Buch!, das von einem dement kranken Vater handelt.“  Das sind schöne, aber beschönigende Bilder, viel zu poetisch, die Wirklichkeit verbrämend. Wen will man denn damit schonen? Exil? Die Vorhölle muss es sein für die, die mit dem Verlust ihrer Erinnerungen leben müssen. Ich möchte nicht in der Haut von einem stecken, der nicht einmal mehr weiß, wie man den Löffel zum Mund führt oder wozu Kleider gut sind.

Da hör ich, dass die Tante von einem Bekannten sich den Büstenhalter über den Mantel angezogen hat und so auf die Straße wollte, der Vater von einem anderen in der Gegend herumirrt und nicht mehr heim findet, wieder ein anderer zuhause ist, aber dauernd heim will. Mir kommt das so vor wie im Krieg, wo jeder einen in der Familie gehabt hat, der nicht mehr heim gekommen oder gefallen ist, wie man damals so schön gesagt hat. Aber das ist wohl immer so. Wenn du ein behindertes Kind hast, dann fliegen dir auch die Geschichten zu von anderen, die auch welche kennen, die gerade dasselbe durchmachen. Ist doch so, oder?

Über Demenz wird ja nicht viel gesprochen sonst, und ich hatte eigentlich keine Vorstellung davon. Du wirst lachen, aber in dem Film „Planet der Affen“ war’s, mit Charlton Heston in der Hauptrolle, als ich vor vielen Jahren das erste Mal eine Szene sah, die mir eindringlich vor Augen geführt hat, was es heißen muss, die alltäglichsten Verrichtungen nicht mehr bewerkstelligen zu können. Weißt du, die Szene, wo der dement kranke Mann mit dem Gabelstiel das Spiegelei anschneidet, und Cäsar, das intelligente Affenkind, ihm die Gabel aus der Hand nimmt, sie umdreht und sie dann wieder zwischen seine Finger steckt.

Auch an die andere Geschichte muss ich denken, die du mir von deiner Mutter erzählt hast, von dem Augenblick, als du plötzlich wusstest, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist und gar nicht mehr stimmt.

Das war, als dein Vater noch gelebt hat und du deine Eltern besucht hast und mit ihnen am Küchentisch sitzt und deine Mutter plötzlich auf ihren Mann, deinen Vater, zeigt und sagt: Der da, der gehört nicht zu mir. Stell dir vor, hast du gesagt: Der da, hat sie gesagt, der gehört nicht zu mir.

Aber Mama, hättest du gesagt, und das Spiel mitgespielt, weil sich die Zwei immer schon geneckt oder mit solchen Spielchen auf die Palme getrieben haben. Mama, hättest du gesagt: Mag ja sein, aber der da, und hast über den Küchentisch hinweg auf deinen Vater gezeigt, das ist dein Mann, mit dem du jetzt über 60 Jahre verheiratet bist, und ich bin, hättest du gesagt, nur zur Erinnerung, deine Tochter.

Derda, dein Vater, mein Mann? Nie und Nimmer!, hätte sie gesagt, und mit dem Zeigefinger aufs Hirn getippt, um dir zu bedeuten, dass du nicht mehr alle Tassen im Schrank hast. Dann sei sie zum Bücherschrank gegangen, wortlos, habe ein Fotoalbum herausgenommen und es vor dir aufgeschlagen. Dasda, habe sie gesagt, das ist mein Mann, und zeigt auf ein Foto, auf dem er in der Wehrmachtuniform abgebildet ist, und wo drunter geschrieben steht: „Hannes auf Fronturlaub“.

Das ist dein Vater, hätte deine Mutter immer gesagt, wenn du’s dir angeschaut und im Album geblättert hast. Niemand hat damit gerechnet, dass er zurückkommen würde. Deine Mutter habe damals jeden Tag auf den Brief gewartet: „Gefallen für Führer und Vaterland“ oder so ähnlich. Sieben Jahre nach dem Krieg sei er dann aus der Gefangenschaft in Russland zurückgekommen, hast du gesagt. Da hättest du  ihn das erste Mal gesehen. Genau dieses Foto sei es gewesen, auf das sie gezeigt habe.

P1170193Aber ich habe dir noch nicht erzählt, wie das ausgegangen und was weiter passiert ist, nachdem ich meine Mutter vorgefunden habe, wie sie in der Küche auf dem Stuhl sitzt – wie bestellt und nicht abgeholt – in ihrem mottenzer-fressenen Mantel und das mitten im Sommer. Ich möchte so gern noch einmal nach Venedig, hat sie gesagt. Warum gerade nach Venedig?, hab‘ ich sie gefragt. Weil es dort schön ist, hat sie gesagt, und weil ich dort war in den Flitterwochen damals. Das war … Wart einmal… Das war neunzehnhundert… Wann war das?, hat sie mich gefragt und mich dabei ganz verzweifelt angeschaut. Das war nach der Hochzeit, habe ich gesagt, um irgendetwas zu sagen und ihr auf die Sprünge zu helfen. Ja, da haben Sie Recht, das muss nach der Hochzeit gewesen sein, dass er mich sitzen hat lassen. Nicht so wichtig, hat sie nach längerem Grübeln gemeint und übergangslos hinzugefügt: Die vom Pflegedienst hat eh gesagt, dass aus der Reise nichts wird.

Da hab ich zu ihr gesagt: Komm, zieh dich an, Mama, wir fahren nach Venedig. Du brauchst keinen Koffer. Es ist nicht weit. Wenn Sie es sagen, hat sie gemeint, und gefragt, ob sie mit den Hausschuhen gehen könne, weil sie so bequem seien, und ich habe gesagt: Ja, Mama, weil ich ja weiß, dass ihre Füße kaum mehr in richtige Schuhe passen. Dann bin ich mit ihr zum See gefahren. Dort haben wir uns auf die erstbeste Bank gesetzt, weil sie mit ihren verkrüppelten Füßen ja gar nicht mehr weit gehen kann. Dann sind wir dort gesessen. Die Sonne hat sich im Wasser gespiegelt und die Möwen haben gegurrt, und weit draußen waren Segel wie weiße Tupfen auf blauem Grund, und weißt du, was meine Mutter nach längerem Schweigen gesagt hat? Sie hat gesagt: Schön ist es in Venedig. So schön hab ich’s gar nicht mehr in Erinnerung. Und das Meer, so ruhig.  Und nach einer Pause: Wissen Sie, wenn mein Sohn nicht das Pflegegeld eingestrichen hätte, könnte ich mir das öfter leisten.