horarioHeute Tag wie jeder

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben, hört man, doch die unvergesslichsten der Tod, den es mit ihnen aufzuschieben gilt in tausendundein Nächten. Wozu sonst werden sie erzählt?

„Heute Tag wie jeder!“ Mit diesen Überschriften beginnen alle Tagebucheintragungen von Gustav B, dessen Aufzeichnungen spärlicher werden in seinen letzten Jahren und manchmal nur aus einzelnen Sätzen bestehen, einer Anhäufung von Banalitäten neben angedeuteten Geschichten, steinbruch-artigen Rohentwürfen für einen Roman, Aufzeichnungen aus seinem Alltag, die mir als seinem Freund anvertraut worden waren, nachdem ihn ein plötzlicher Tod, dessen Ursache bis heute im Dunkeln bleibt, von unserer Seite gerissen hatte. „Alle Eintragungen bis auf einen, seinen vorletzten, sind so eingeleitet: Heute Tag wie jeder.“, sagt seine hochbetagte Mutter und händigt mir das Tagebuch aus, wobei sie mit einer beiläufigen, aber ungemein zärtlichen Geste den Einband streichelt – fast so, als wäre es der Kopf ihres Sohnes, als er noch ein Kind war. „Sie sind einer seiner besten Freunde. Sie kennen ihn gut. Ich glaube, ich handle in seinem Sinne, wenn ich ihnen sein Tagebuch gebe. Vielleicht finden sie einen versteckten Hinweis darauf, wer dieses tödliche Spiel mit ihm gespielt hat,“ hat sie gesagt, worauf sie meine linke Hand zwischen ihre feingliedrigen Hände nahm– als wär’s ein krankes Vögelchen -, und mir dabei fragend aber gleichzeitig auch hilfesuchend in die Augen schaute: „Sie teilen doch hoffentlich nicht die Ansicht der Polizei? Mein Sohn ist kein Selbstmörder.“  War, wollte ich sagen. Ließ es aber. Die Beharrlichkeit, mit der sie in der Gegenwart blieb, um ihren Sohn am Leben zu erhalten, schockierte mich ebenso,  wie ich es rührend fand.

Froh, der dunklen und ziemlich verwahrlosten Wohnung seiner Mutter entkommen zu sein, sitze ich nun in einem Vorstadtlokal und blättere bei einem Glas sauer schmeckendem Schankwein in seinem Tagebuch: Keine Offenbarung, wie ich schnell und zu meinem Bedauern feststellen muss. Ein Durcheinander von Notizen, plan- und schnörkellos. Aber es ist mir ja nicht anvertraut worden, um es auf seine literarische Qualität zu prüfen, obwohl sich mein Freund zeitlebens als Schriftsteller verstanden hatte, ohne je etwas veröffentlicht zu haben. Ich muss allerdings zugeben, dass mich manche Stellen in dem nun vor mir liegenden Tagebuch, aus dem ich schon zitiert habe, auf eine seltsame Weise ansprechen. Es ist ein mir unbekanntes Ich meines Freundes, das da zu mir spricht. Ich kannte ihn doch als einen lebensfrohen und lebensbejahenden Menschen. Ich zitiere ein paar Passagen der letzten von ihm in gut lesbarer Schrift verfassten Seiten, die dem Leser meine Irritation vielleicht begreiflich machen:

Heute Tag wie jeder

„Die vorrätige Zeit, eingenistet in einer Fülle, von der zu zehren ich einmal gehofft hatte, die freie Zeit, die ich einmal nicht mehr sinnsuchend verbringen zu müssen gedachte, bleibt ungenutzt. Wie ein Schnellzug in der Nacht rast sie dahin, um mich an meinen Bestimmungsort zu bringen. Vorbei an Bahnhöfen, wo mich diensthabende Stellwerkleiter durchwinken, in deren Träume ich mich einschleichen will, um teil zu haben an ihrer Welt. Schatten sind es, die mir den Rücken zukehren und nie mir ihr Gesicht zeigen. Gesichter, die von bleierner Müdigkeit gezeichnet sind, hätte ich sie sehen können. Die einzigen Lebewesen, die um diese Zeit noch wach sind und meine Schlaflosigkeit mit mir teilen wie trockenes Brot, ausgestreut, den Weg wieder zu finden, den Weg zurück, ohne zu bedenken, dass diese Krumen Beute von Vögeln sein werden, kaum, dass ein neuer Tag beginnt. Kein Traum würde mir bleiben. Kein einziger. Nicht einmal ein Bild. Nur eine Stimmung, zu der Bilder gedacht werden können, um aus ihnen einen Traum zu schmieden, der auch am nächsten Morgen noch da sein würde. Immer. Und stets der gleiche, denn ich höre ihn schon wieder, den beinahe lautlosen Schlag ihrer Flügel, aber kann sie nicht sehen. Noch nicht.

Heute Tag wie jeder

„Immer kommt mir vor, als wäre mir der Tag geraubt. Immer ist schon Abend, mit dem er beginnt. Der einzige Anruf, den ich heute erhielt, war der einer Frau, die sich als die Gattin des Steinmetzen vorstellte, die ich unlängst aufgesucht habe, damit die Namenszüge auf dem Grabstein, die verblasst sind, wieder lesbar werden. Lesbar für wen? Das Grab schaut nicht so aus, als würde es oft besucht werden.

Sie saß im Freien mitten in einem Wald von ausgestellten Grabsteinen, auf denen noch die Namen derer fehlten, für die sie bestimmt sein würden, und feilte ihre Fingernägel. Vor sich eine Tasse Kaffee und eine Schachtel Zigaretten neben einer Zeitschrift, die mit der Schlagzeile darauf aufmerksam machte, dass ein Eisbär im Zoo einen Pfau gerissen hat. Sie zählte die Buchstaben und Zahlen auf dem Foto, das die verblassenden Schriftzüge auf dem Grabstein zeigten, und sagte, den Rauch ihrer Zigarette mir entgegen blasend, nachdem sie mit dem Zählen fertig war: Das macht 107. Ein erschwinglicher Preis, wenn man bedenkt, dass es zwei Vornamen und Nachnamen sind, von denen aber nur einer beides, nämlich Geburts- und Sterbedaten aufweist. Auch die Punkte dazwischen werden mitgezählt. Das Ganze zwei Drittel billiger als die Rechnung eines Konkurrenten ein paar Meter vorher, der sich diese Mühe erst gar nicht gemacht hatte, denn für diesen hatte ein kurzer Blick auf das Foto genügt , um – mit dem Stift schon in der Hand, den Auftrag entgegen zu nehmen -, das Dreifache zu fordern. Ein guter Preis, dachte ich also, und erteilte den Auftrag. „Schicken sie mir die Rechnung, aber sie müssen mir versprechen, dass ich meinen Namen nicht erst wieder lesen kann, wenn ich tot bin.“ Für sie war es kein Scherz. Einer von diesen verrückten Kunden, die sich ein etwas makabres Späßchen mit ihr erlauben. Das wird sie gedacht haben ihrem seltsamen Glucksen nach zu schließen.“

Heute Tag wie jeder

„Versuche mit Sprungschuhen wären anzustellen, um den eigenen Schatten zu entfliehen; dem Gespräch von Aquarienfischen wäre zu lauschen. Was für ein wahnwitziges Unterfangen, transpersonale Erfahrung in die inflationäre Münze der Sprache zu verwandeln, wenn alle Gesetze der Physik jeden Augenblick aufgehoben scheinen und neu definiert werden müssen.“

Heute anderer Tag

„Um nachzusehen, ob die Arbeit auch ihr Geld wert war, bin ich heute wieder auf dem Friedhof gewesen. Dort sah ich eine noch junge Frau vor einem Grab stehen, dessen Grabstein alle anderen überragte. Sie trug rote, hochhackige Schuhe und einen trotz sommerlicher Temperatur beige-farbenen Kaschmirmantel mit hochgestelltem Kragen. Da sich ihre Lippen bewegten, nahm ich an, dass sie betete oder im Zwiegespräch mit dem Verstorbenen war. Ihr erst kürzlich durch frühen Tod überraschte Ehemann? Ihr nach langem Leiden durch Tod erlöster  Vater? Keine Grabinschrift, soweit ich das von der nächsten Gräberreihe aus sehen konnte, wollte mir das Rätsel erschließen. Ein mannsgroßer Engel stattdessen, der aus dem Stein herausgemeißelte Rosen in der Hand hielt, die ihm wie selbstvergessen aus der Hand und auf das Grab fielen, das wie die anderen mit wuchtigen Steinplatten beschwert ist. In diese sind  Ringe eingelassen, damit sie bei Bedarf aufgehoben werden können, um wieder einen Toten aufzunehmen. Der schwarzverwitterte und an manchen Stellen brüchig gewordene Sandstein, aber auch die moosbewachsenen Steinplatten und mit Grünspan überzogenen Kupferringe lassen auf beträchtliches Alter schließen.

Eine kleine Ewigkeit hat es gedauert, bis sie mit dem Beten oder Zwiesprachehalten fertig war. Ich hatte solange ausgeharrt, weil ich neugierig war, es immer schon gewesen bin, ein Charakterzug, der mich manchmal in Verlegenheit, aber öfter auch in große Gefahr gebracht hatte. Auch diesmal hätte ich es dabei bewenden lassen sollen, die Geschichte, die ich hinter diesem datenlosen Grabstein und der jungen Frau vermutete, im Kopf fort zu spinnen, als hinter ihr her zu laufen, um ihr auf den Grund zu gehen.

Eigentlich war ich ja hier, um nach dem Grab zu sehen. Mich hält es dort nie lange. Ich zupfe Unkraut, das trotz Folie das weiße Kiesbett durchwuchert, versuche das aus den Angeln gehobene Türchen des ewigen Lichtes zu schließen, das ich längst schon durch ein Neues ersetzen müsste, fege mit meinem Schlüssel den eingetrockneten Vogelkot von der Fassung des Grabes und kratze die verblassten Buchstaben aus dem Stein. Alles Verlegenheitsgesten. Und beten? Die Erfindung eines Gottes zulassen, um mich mit der Ungerechtigkeit des Sterbenmüssens auszusöhnen? Und außerdem: Ich muss mich doch nicht hier am Grab verorten, um an sie zu denken. Denn das tue ich auch, wenn ich es nicht aufsuche. Heute aber – und ich schreibe es in der noch immer gleichen fiebrigen Erregung, die mich dort erfasst hat – tue und denke ich nichts dergleichen. Ein Blick auf den Grabstein ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Das konnte nicht sein. Aus Kostengründen und weil ich wusste, dass es einmal auch mein Grab sein würde, habe ich auch meinen Namen mit Geburtsdatum eingravieren lassen. Ein etwas morbides, aber durchaus übliches Vorgehen, sich auf diese Weise seine Sterblichkeit vor Augen zu halten? Um Hinterbliebenen die Kosten zu sparen? Aus Angst, dass vielleicht nicht einmal mein Name bliebe? Vielleicht aus Gründen, die ich selbst nicht kenne. Jedenfalls steht er schon da, jetzt sogar mit Ablaufdatum.  Da muss ein Irrtum vorliegen oder sich jemand einen üblen Scherz mit mir erlaubt haben, dachte ich und bin hinter den Stein gegangen in der irrwitzigen Annahme, dort könnte jemand lauern und jetzt – von mir entdeckt – in schallendes Lachen ausbrechen. Aber da war niemand, aber es war auch keine Sinnestäuschung, denn Tag und Jahr meines Ablebens waren deutlich auf dem Stein zu lesen.  Die Gravur war frischen Datums, und wenn mir nicht alle Kalender einen Streich spielen, wird dieses Ereignis in bald nicht weniger als 43 Stunden stattfinden. Ich habe nämlich die Stunden nicht mehr zu zählen aufgehört, nachdem der Steinmetz mir bei allem, was ihm heilig ist, geschworen hat, nichts am Stein verändert, sondern nur eine Bestandsaufnahme für den Kostenvoranschlag gemacht zu haben.“

An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen ab. Was mich beim Lesen erstaunt hat, war, dass er sich für diese noch Zeit genommen hatte, obwohl er gleichzeitig zugibt, von dieser in Stein gemeißelten Vorhersage seines Sterbedatums nicht nur betroffen gewesen zu sein, sondern – sie ernst nehmend – sogar schon die Stunden zu zählen begonnen hatte.  Vielleicht war es ja gerade die Angst vor dem Tod, die ihn herbeigeführt hat. Ähnlich wie die Angst vor Trennung und Verlust in einer Beziehung ebendiese beschleunigt. Wenn man sich totlachen kann, kann man sich auch zu Tode fürchten. Wer aber konnte ihm diese Todesangst einjagen? Wollte jemand wirklich, dass er stirbt, dann muss er nachgeholfen haben. Für mich steht fest, dass sein rätselhafter Tod mit dieser Frau zu tun haben musste.  Wie um bestätigt zu werden, finde ich, als  ich eben das Tagebuch schließen will, zwischen leeren Seiten bis zur Unlesbarkeit verblassende und verstümmelte Sätze, von einem geschrieben, dem sowohl Tinte wie Luft ausgeht, aber auch und vor allem durch die Wortstellung seiner Muttersprache fremd geworden ist: „Heute ich bin ruhig. Ich weiß nicht, was ist los mit mir. Weinen und lachen gleichzeitig. Mit mir steht schlimm. Draußen es regnet. Mir verschlägt Sprache. Zwei Stunden noch bleiben. Noch zwei Stunden, dann sie kommt… schwarze Dame auf E4. Schachmatt!“

Kein Zweifel: Es ist die gleiche Handschrift, aber die Grammatik eines Menschen, welcher der verwendeten Sprache nicht sicher ist: Entweder dabei, sie zu lernen oder dabei, ihre richtige Anwendung zu vergessen.

Wäre ich hartnäckig genug, denke ich gerade, könnte ich das Rätsel lösen, weiß aber gleichzeitig, dass ihm nachzugehen mir jegliche Motivation fehlt. Auch mir ist Zeit nur gestundet, jedes Menschen Lebenszeit gestundet. Auch dem Leser, uns allen nur gestundet. Die Zeit, die du aufgewendet hast, diese nicht aufgelöste Geschichte zu lesen, wird dir am Ende, wenn die Lebenszeit abgerechnet wird, die du sinnlos vergeudet hast, fehlen. Sie wird aber weniger wiegen als die Zeit, die ich damit verbracht habe, der Geschichte doch noch ein befriedigenderes Ende zu geben. Das mag dich trösten.