telefonIm Zuge meiner Recherchen für ein Radiofeature habe ich Gottfried, einen Koma-Patienten, kennen gelernt, der 4 Monate im Koma war und im Internet einen Bericht über seine Erfahrungen veröffentlicht hat. Für die Interviews habe ich einen Fragenkatalog ausgearbeitet, den mir Gottfried detailliert beantwortet hat. Da er im Koma einen Hörsturz hatte, war es nur schriftlich möglich, mit ihm zu kommunizieren. Die Antworten habe ich transkribiert und veröffentliche sie nun, da ich das Feature abgeschlossen habe und ich mir vorstellen kann, dass es Interesse an dieser Grenzerfahrung gibt.
Das Feature kann mit Klick auf Foto angehört werden!

In Folge die transkribierten Antworten auf meine Fragen:

1.Frage:
Welche Vorstellung von Koma hattest du, bevor du selbst ins induzierte Koma gefallen bist?

Antwort:
Ich hatte, wenn ich überhaupt je darüber nachgedacht habe, eine sehr schlechte Vorstellung. Nämlich eine Vorstellung, die mit Tod eher zusammenhängt als mit Leben. Halbtot zB. Diese Vorstellung hat sich allerdings dann nicht ganz bestätigt. So könnte ich zB. einem Außenstehenden, der interessiert ist, was ich im Koma erlebt habe, sagen: Es ist keine Todeserfahrung. Es ist eine Art Traumerlebnis, wenn auch in meinem Fall mit Albträumen verbunden.
2. Frage

Warum könnte das für einen Außenstehenden interessant sein, was du im Koma erlebt hast?

Antwort:
Ich denke, dieser Außenstehende, den das interessieren könnte, der müsste selber so ein ähnliches Komaerlebnis gehabt haben oder bereits im Koma gewesen sein, um das eigene Koma zum Beispiel besser zu verstehen.
Neugier ist immer auch Interesse. Natürlich ist jemand, der sein Leben normal dahinlebt,  interessiert vielleicht an dem, was sensationell sein könnte an einem Koma. Das Außergewöhnliche. Gibt es was Übernatürliches, trifft man Gott oder den Teufel. Nein, ich habe ihn nicht getroffen. Weder den einen noch den andern. Das Koma hat mich in meinem Atheismus bestätigt.

3. Frage:
Du hast erzählt, dass ein anderer Komapatient immer nur auf einem Jahrmarkt mit einem Ringelspiel war und dort ein schwarzes Pferd reiten wollte, das ihn immer wieder abgeworfen hat.

Antwort
Ich habe dir ja schon erzählt, dass ein anderer Komapatient, mit dem ich mich korrespondierte über das Internet, mir erzählte, dass er auf einem Jahrmarkt war und dort immer mit einem Ringelspiel fahren durfte oder vielleicht sogar musste. Es war ihm immer ein Bedürfnis, ein schwarzes Pferd zu reiten. Und dieses schwarze Pferd hat ihn immer wieder abgeworfen.

3a. Frage
Wovon hängt deiner Meinung nach ab, wie bunt und ereignisreich jemand sein Koma erlebt?

Antwort
Wenn du mich jetzt fragst, was meiner Meinung nach davon abhängt, wie bunt und ereignisreich jemand ein Koma erlebt, würde ich sagen, dass das mit seiner Vergangenheit zu tun hat. Ich bin in meiner Kindheit nie mit Ringelspiel gefahren. Aber ich denke eher, dass das Ringelspiel ein anderes Symbol ist. Dass das Ringelspiel ein Symbol ist für das Ende einer Sackgasse, wo sich ein Kreisverkehr befindet. In dieser Sackgasse ist man, wenn man im Koma ist. Man will natürlich wieder zurück. Man sieht den Kreisverkehr. Man sieht, es führt derselbe Weg wieder zurück, aber man ist trotzdem in diesem Kreisverkehr gefangen. Und vielleicht war der andere Patient sogar froh, dass das schwarze Pferd ihn hin und wieder abgeworfen hat, weil das gab ihm die Chance vom Ringelspiel abzusteigen. Der Freund, der mir von diesem schwarzen Pferd erzählt hat, hat die Symbole dieses schwarzen Pferdes nicht erkannt oder ihm keine Bedeutung zugemessen. Man kann da ja vielleicht denken, naja schwarzes Pferd: das könnte vielleicht der Tod sein. Das wäre vielleicht eine ganz gute Interpretation. Der Tod wirft ihn wieder ab und er kommt wieder zurück zum Leben.
Ich persönlich kann sagen: Ich bin ein Phantast. Ich bin ein Tagträumer.

4.Frage
Worin unterscheiden sich die traumartigen Zustände, die du erlebt hast, von normalen Träumen?

Antwort
Ich denke, der Hauptunterschied ist der, dass der Komatraum extrem realistisch ist. Stell dir vor: Ich war 4 Monate im Koma. Ich wachte auf. Ich erinnerte mich an alles. Zwei drei Wochen später setze ich mich an den Computer und schreibe auf, was ich erlebt habe und ich fühle und spüre und erinnere mich praktisch wortwörtlich – sag ich jetzt mal – total realistisch an alles, was ich erlebt habe. Ich will nicht sagen, dass mein Komabericht genau eine zeitliche Reihenfolge einhält. Das kann ich nicht beurteilen, wenn ich den Anfang mit dem Ende und dem Mittelteil mit dem Vorderen verwechsle, aber die einzelnen Abschnitte – soweit ich mich erinnern kann – sind echt. Authentisch.

Verglichen mit einem normalen Traum ist der Komatraum – zumindest den, den ich hatte – realer. Man greift die Menschen an, die in dem Raum auftauchen. Ich fühlte, wie sie mich aufhoben und zu anderen Orten brachten- , wie sie mir Trost zusprachen – ich hörte ihre Worte – in den verschiedensten Sprachen: Ich konnte auf einmal Chinesisch verstehen zum Beispiel. Ich hatte ja einen Hörsturz, aber das hat keine Rolle gespielt, weil die Übertragung der Worte nicht akustisch ist, sondern telepathisch vom Gefühl? Denn ich hörte ja überhaupt nichts.

5.Frage

Können die Traumerlebnisse im Koma mit Halluzinationen, Verwirrtheitszuständen oder Wahrnehmungsstörungen unter Drogeneinfluss oder mit einer extrem tiefen Hypnose verglichen werden?

Antwort:
Verwirrtheit, das kann ich verneinen. Man ist im Koma nicht verwirrt. Man weiß ziemlich ganz genau, was passiert. Im Traum natürlich. Man ist natürlich bewusstseinsgestört. Man ist ja nicht da. Sozusagen. Eventuell mit LSD. Ja, das würde ich schon sagen. Aber ich würde sagen, auch Haschisch nicht unbedingt. Ein LSD-Traum, Ja, das schon.
Ich las ja, nachdem ich aus dem Koma aufwachte, meine Befunde, studierte sie und ich sah, welche Medikamente ich bekommen habe. Anscheinend hatte man bei mir im Blut THC festgestellt.  THC ja. Tetrahydrocannabiol. Das ist der Wirkstoff von Marihuana und Haschisch. Das gab man mir. Ich habe nie genau nachgefragt, warum sie mir das gaben. Und ich denke, das hat schon eine Wirkung gehabt. Das hat meine Träume abgefeilt, abgeschrägt. Hat sie nicht abfliegen lassen, sondern hat sie am Boden gehalten wie das bei Haschischträumen der Fall ist. Das denke ich schon.

6. Frage
Hast du gewusst, dass du im Koma bist?

Antwort:
Nein. Nein. Das wusste ich nicht. Ich dachte, ich schlafe, ich träume. Eigentlich dachte ich, ich bin entführt worden und man hat mir eine Bowlingkugel auf den Kopf geschlagen. Also ich dachte, ich bin bewusstlos. Das schon. Aber nicht, dass das Koma ist. Ich dachte, dass mich jemand bewusst bewusstlos gemacht hat, um mich in ein Spital zu verfrachten und  mich sozusagen  als Geisel oder als Opfer zu verwenden. Das dachte ich und dagegen habe ich mich gewehrt. Das war sicher ein ernstlicher Versuch, mir die Situation rational zu erklären. Und das war gut, diese rationale Erklärung. (Lachen)
Es war nicht irrational. Ach so. Naja, aber selbst im Koma erkannte ich, dass das, was passiert ist, eine irrationale Tat war. Der Typ, der mir eine Bowlingkugel auf den Kopf schmeißt, das muss ein Wahnsinniger sein. Also irrational. (Lachen) Ich habe in meiner Rationalität erkannt, dass der Typ total wahnsinnig sein muss und ich konnte mich nicht wehren dagegen.

9. Frage
Hast du im Koma gesprochen oder glaubst du gesprochen zu haben? Wie hast du mit der Außenwelt kommuniziert?
Hast du die Anwesenheit von Leuten, die dich besucht haben, mitbekommen? Wie?

Antwort:
Wenn jemand zu mir kam, habe ich das gespürt, dass jemand da ist. Ich habe versucht mit Kontakt aufzunehmen. Ich habe die Anwesenheit von einer Person immer nur ausgenutzt, um da rauszukommen. Helft mir. Die wollen mich hier umbringen und das habe ich versucht zu kommunizieren.

10. Frage
Wie nimmt die Krankenhausumgebung Einfluss auf das Traumgeschehen?

Antwort:
Die Krankenhausumgebung nimmt natürlich Einfluss auf das Traumgeschehen. Krankenhaus ist eine Anstalt, die nach gewissen Routinen ablauft, die jeder Mensch kennt. Das weiß man ja. Auf das ist man ja eingestellt. Es gibt Gerüche. Geräusche von Geräten, Betten, die geschoben werden, Summen von Röntgenapparaten. Schwestern, die sich über einen beugen und eine Spritze setzen. Horror für mich gewesen. Ich erinnere mich an eine Szene, die habe ich im Komabericht ja auch beschrieben:
Ich liege auf dem Bett und ich komme in einen Riesenoperationssaal, wo 2 Figuren sind: Einer ein Arzt und ein anderer, den ich als homosexuellen Partner des Arztes identifiziert habe. Weiß nicht, wieso, Keine Ahnung. Und dieser homosexuelle Partner des Arztes saß dort mit diesem süffisanten Lächeln, sarkastisch und fragt: Was ist dir passiert? Jetzt bekommst du es aber von ihm, vom Arzt, Und ich bekam es wirklich. Ich weiß natürlich im Nachhinein, dass er mir einen Verteiler gesetzt hat, den ich dann rausgerissen habe. Also man bekommt das Spitalsambiente mit, ja.
Man regiert nicht direkt auf Außeneinflüsse. Das war immer dunkel. Halbdunkel. Immer. Für mich war es immer halbdunkel.

11. Frage
Gibt es körperliche Bedürfnisse, die befriedigt sein wollen? Durst, Hunger, Schutz vor Kälte oder Hitze? Müdigkeit?

Antwort:
Auch körperliche Bedürfnisse – wie etwa Durst, Hunger, Kälte, Hitze, Müdigkeit war nicht vorhanden. Ich habe keinen Hunger keinen Durst. Oder ich hatte immer Hunger und immer Durst, war immer müde und es war mir immer kalt und immer heiß und alles gleichzeitig. Oder eben nicht. Das ist nicht unterscheidbar.

12. Frage
Welche Art von Zeit wurde von dir als Komapatient erlebt? War es Echtzeit? Eine real erlebte Zeit? Warum nur Morgen und Abend, aber keine Nacht, kein Vormittag, kein Mittag? Keine Jahreszeit?

Antwort:
Das Koma ist eine real erlebte Zeit. Wenn ich eine Stunde im Koma erlebt habe, so nehme ich an, dass auch eine Stunde eine Realzeit war. Oder es war die Stunde für mich real. Ein Tag war ein Tag. Ich wachte in der Früh auf und ging abends schlafen. Das war ganz normale Zeit. Jahreszeiten waren überhaupt nicht vorhanden. Der Morgen war unterscheidbar deshalb, weil auf einmal viele Leute da waren. Das wusste ich. Ja. Zwischen Morgen und Abend gab es schon Mittag, aber es gab kein Mittagessen. Es gab keine Abendstimmung. Jahreszeiten gab es keine. Auch keinen Nachmittag. Nachmittag nur in dem Sinn, dass ich wusste, es schreitet die Zeit voran, aber in Kürze werde ich wieder woanders sein. Das lernt er ja im Koma. Ich lernte ein neues Leben. Das Leben im Koma. Ich wusste zwar nicht, dass ich im Koma bin, aber ich wusste, dass ich in einer Situation war, wo ich total aufpassen musste, dass ich nicht sterbe. Das war mir total klar. Wenn ich mich nicht wehre, bringen sie mich um.

Der Unterschied zwischen morgens und abends, zwischen Aufstehen und Schlafengehen, ist, dass sich in der Früh was tut. Da gibt’s Leute rund um dich, die dich dann verlassen. Und am Abend nickst du ein und bist allein, hoffst, dass sich in der Früh wieder jemand findet. Und dazwischen gibt’s Erlebnisse, die ich ja teilweise schon geschildert habe.

13. Frage
Da deine Augen geschlossen sind, wie ist der Schlaf-Wach-Rhythmus im Koma?

Antwort:
Ob es einen Schlaf/ ‚Wachrhythmus im Koma gib? Natürlich gibt’s den. Aber er ist nicht dadurch unterschieden, dass man im Wachzustand die Augen offen hat und im Schlaf sind die Augen zu. Man hat die Augen immer halboffen, sag ich einmal so, denk ich zumindest.

14. Frage
Da wir nur die Bereiche der Welt sehen, für die wir Sinne haben und auf die wir unsere denkende Aufmerksamkeit richten, deine Augen aber geschlossen waren, welche anderen Sinneswahrnehmungen hattest du?
Was hat dir dein inneres Auge gezeigt oder zeigen wollen?

Antwort:
Da die Augen eines Komapatienten geschlossen oder zumindest halbgeschlossen sind, könnte man meinen, es gäbe andere Sinneswahrnehmungen als die, die man normalerweise erlebt. Ich kann mich nicht daran erinnern, irgendwelche außergewöhnlichen, übernatürliche Zustände und Sinneswahrnehmungen erlebt zu haben.

15. Frage
Hast du das Koma als eine Prüfung verstanden, die es zu bestehen gilt?

Antwort:
Ja, Mein Gott, das ist jetzt eine sehr philosophische Frage. Ob das Koma für mich eine Prüfung war, die es zu bestehen gibt? Ehrlich gesagt, ich habe es nicht so verstanden. Wenn ich das als Prüfung verstehen hätte sollen, dann hätte ich mich fragen müssen, was soll denn geprüft werden und wer ist der Prüfer und wer ist der Geprüfte. Wenn es Schicksal wär, dann wär ich ja dafür bestraft worden, weil ich etwas Schlimmes getan hätte, ein Verbrechen begangen hätte. Nicht brav gewesen wäre. Da ich mir das nicht vorwerfen muss, habe ich das nicht als Strafe empfunden.
Ich habe es eigentlich noch nicht ganz verstanden, warum das gekommen ist, und es hat mir auch niemand erklären können, nach wie vor. Gern würd ich es wissen. Das einzige, was ich draus gelernt habe, ist, dass ich jemand bin, der sich gegen den Tod aufbäumt. Es gibt mir Kraft. Ich habe Kraft draus geschöpft soweit das möglich ist. Ich bin ja immer noch nicht total fit, wie du weißt. Aber der Kampf um meine Befreiung, um mein Leben hat mich so geprägt, dass es mir Energie gegeben hat. Ich will nicht sagen, ich lebe jetzt anders oder ich bin neu geboren. Nein. Das würde ich nicht sagen.

16. Frage
Nach einer hinduistischen Legende hat es eine Zeit gegeben, in welcher alle Menschen Götter waren, aber Missbrauch mit dieser Macht trieben. Darum vergruben die Götter das Bewusstsein ihrer Göttlichkeit in die Tiefen seines eigenen Inneren. Seit dieser Zeit graben die Menschen vergebens danach. Wie bist du auf Gott gekommen, den du in dir selbst entdeckt haben willst?

Antwort:
Man sagt, dass es in einer hinduistischen Legende eine Zeit gegeben haben soll, in der alle Menschen Götter waren, aber eben dann Missbrauch mit dieser Macht betrieben hätten, und dass deshalb die Götter das Bewusstsein ihrer Göttlichkeit in den Tiefen ihres eigenen Inneren vergraben hätten. Und dass sie eben dann – seit dieser Zeit – die Menschen nachgraben und es vergeblich suchen.

17. Frage
Du hast gesagt, dass es im Koma keinen Gott gäbe. Wie darf ich das verstehen?
Antwort:
Du fragst, ob ich auf Gott gekommen bin, den ich in mir selbst entdeckt habe. Ja, das ist weniger hinduistisch. Das ist wissenschaftlich. Ich habe Quantentheorie studiert. Ich weiß: Dieser Gott ist in jeder unserer Zellen. Der ist unsterblich. Und der drückt sich in jedem von uns aus. Natürlich haben diese hinduistischen Legenden auch etwas Wahres an sich. Nur: Sie sind mit einer Bösartigkeit verbunden. Sie sind mit derselben Bösartigkeit verbunden, wie die Bibel, die sagt, dass Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden sind, weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben.

Einstein sagt: Gott würfelt nicht. Das Problem, das Einstein hat, wenn er das sagt, dass er nicht als Wissenschaftler das sagt, sondern als religiöser Mensch. Und das bringt ihm eine Abweichung von seinem wissenschaftlichen Denken. Gott würfelt. Ich würde sagen: Gott ist der Würfel. Gott ist das, was wir Zufall nennen, Chance. Gott zeigt sich in dem, was wir erleben, ohne es zu erwarten. Das ist Gott. Wer das erkennt, braucht keine Kirche, keinen Priester, keinen Segen.
Wenn du meinst, ja, dass Gott in diesem Sinn im Koma ist, ja das stimmt. Das ist eine neue Erkenntnis, die du mir übermittelst, jetzt gerade. Das habe ich noch nicht gedacht. Ja gut, aha, in dem Sinn hast du recht.

18. Frage
Deine Tante hat dir die Komaerfahrung als Fegefeuer beschrieben. Welche Vorstellung von Fegefeuer hast du als Sohn gläubiger Eltern?

Antwort:
Meine Tante hat mir ja, nachdem ich ihr den Komabericht geschickt habe, versucht zu erklären, dass die Komaerfahrung eine Fegefeuer-Erfahrung war. Meine Tante ist nicht katholisch. Ich glaube, sie ist Buddhistin, macht Yoga. Sie ist nicht von dieser Welt, von dieser katholischen Welt, in der wir aufgewachsen sind. Natürlich hat man als Kind, wenn man als Sohn katholischer Eltern hochgezogen wird, Vorstellungen vom Fegefeuer.  Ich denke, dass das Fegefeuer etwas Purifizierendes ist, eine Reinigung von Sünden. Da ich sündenfrei bin und die Erbsünde negiere, habe ich eigentlich diese Fegefeuer-Vorstellung nicht auf mein Koma angewandt.

Naja, mein Vater hat mir natürlich viel erzählt, wie das mit den Kindern ist. Die unschuldigen Kinder, die sterben und die kommen dann in den Limbus zwischen Himmel und Erde, das habe ich immer als Kindergeschichten abgetan, schon als Kind.

19. Frage
Du hast gesagt, das Koma sei eine interessante Erfahrung gewesen. Welche Erfahrungen waren oder sind für dich heute von Nutzen? Haben sich deine Wertmaßstäbe durch die Koma-Erfahrung geändert?

Antwort:
Ob mein Koma nützlich sein kann, ob meines nützlich war? Ja ich denke, schon. Ich bin für meine Freunde, meine Bekannten, Verwandten, eine Art Held geworden. Zum ersten Mal jemand in der Freundschaft oder in der Familie, der von den Toten aufersteht und der das lächelnd tut. Die Menschen sehen ja, wie es mir ergangen ist, wie ich eine Null war, wie ich ein hilfloser Mensch, wie ich ein Kind war und sie sehen, wie ich jetzt immerhin mit Hilfe gehe. Es gibt jemanden, der eigentlich schon tot sein könnte, es aber nicht ist und trotzdem genauso weiter lebt, wie er es vorher schon getan hat.

20. Frage
Was ist heute anders und nicht mehr, wie es früher war? Hat sich das Verhältnis zu deiner Frau geändert?

Antwort:
Es hat sich nichts geändert. Ich bin derselbe Mensch wie vorher, genauso gut, genauso schlecht. Auch im Verhältnis zu meinen Verwandten, speziell jetzt meiner Frau gegenüber, gab es keine grundlegende Änderung. Wir hatten immer ein sehr herzliches Verhältnis. Und meine Frau hat natürlich da eine ganz große Rolle gespielt, für die ich ihr dankbar bin, aber das klingt pathetisch. Ich liebe sie und werde sie immer lieben…

21. Frage
Du hast die Wirklichkeit im Koma als eine Schattenwelt beschrieben. Wie würdest du sie als Maler darstellen?

Antwort:
Ich bin leider kein Maler, sodass ich die Schattenwelt im Koma nicht wirklich darstellen könnte, aber ich würde sie wahrscheinlich als einen Wald malen; einen Wald, nicht sehr dicht, man kann ihn begehen; es gibt Lichtungen, wo man ausruhen kann; es gibt Pflanzen, und vor allem, es gibt vereinzelt Einsiedlermenschen, die irgendwann kommen und sagen: Heut hast du schon genug erlebt. Komm mit mir! Morgen wachst du wieder auf und bist wieder im selben Wald. Es gab sogar mal ein Bild, wo ich wirklich in den Wald ging.

22. Frage
„Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben«, erkannte Goethe . Auf den Menschen bezogen: »Wenn du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.« War es ein Stirb und Werde?

Antwort:
War es ein Stirb und Werde? Ja. In einem gewissen Sinne war mein Koma ein Stirb und Werde, aber es war nie ein definitives Sterben. Ich war immer noch etwas. Es war immer noch Leben.

23.frage
Ist Schattenwelt mit Unterwelt vergleichbar? Sind die mythologischen Darstellungen von Hades, Charon, Lethe (der Fluss des Vergessens) lyrische Bilder, die uns helfen sollen, diese Schattenwelt zu verstehen? Welche Parallelen siehst du?

Antwort:
Also, da gibt es die mythologischen Vorstellungen von Hades, Charon, Lethe, den Fluss des Vergessens, lyrische Bilder, die uns helfen sollen, diese Schattenwelt zu verstehen. Ob es da Parallelen zur Komawelt gibt? Nicht in dem Sinn, dass es sich um eine Unterwelt handelt, die böse wäre. Ich habe diese Schattenwelt nie als böse empfunden. Die Welt selber nicht. Nur die Menschen, die mich hinein getragen haben. Diese Ärzte, die mein „Krankenkassengeld“ kassieren wollten.

Mein Bild von der Schattenwelt kommt nicht aus den Mythen oder aus der Religion. Mein Bild von der Schattenwelt kommt aus der empirischen Erfahrung des Komas, dass alles halbdunkel ist und dass man alles schwarzweiß und in Grau sieht und nicht in Farbe. Darum habe ich das als Schattenwelt bezeichnet.

24. Frage
Kannst du deine Kommunikationsversuche mit dem Roboterpersonal noch einmal schildern?

Antwort:
Ich hatte ja ganz lustige Erlebnisse auch. Ich sag jetzt mal lustig so im Nachhinein. Zum Beispiel, dass ich eben in einem Spital war, in der mich Roboter bedienten und ich versuchte mich mit diesem Roboterpersonal zu verständigen, deren Aufmerksamkeit zu erregen. Es war ja so in diesen Spitälern– die sind total modern, die Spitäler, die es in Japan anscheinend gibt laut Koma, diese Roboter nur den Menschen vorgeschaltet sind. Dass also, um Personal zu sparen, Roboter eingesetzt werden, die dort durch die Gänge gehen und immer, wenn sich jemand rührt, gehen sie dort hin und schauen, ob sich die echt noch rühren. Und ich bin dann drauf gekommen, dass man sie provozieren muss, damit sie kamen und fragten, was los ist. Und so versuchte ich dann eben immer wieder, wenn der Roboter vorbeiging – da ging die automatische Tür auf – und ich rief, bis ich die richtige Sprache fand. Die hätten wahrscheinlich japanisch hören wollen. Englisch kannten sie nicht, gut: Deutsch überhaupt nicht. Aber trotzdem habe ich es geschafft, dass ich mit Hallo, please! Sed, Thurst usw. Aufmerksamkeit erregte und dann eine Krankenschwester kam und mich betreute, die wie eine aufblasbare Puppe aussah.

25. Frage
Wie wichtig war für dich die Unterstützung deiner Frau? Wie glaubst du, hat deine Frau das alles aufgenommen und verarbeitet?

Antwort:
Wie andere Menschen rund um mich, wie zum Beispiel meine Frau, das aufgenommen und verarbeitet haben, – ich denke, ich hab dir schon gesagt, dass meine Frau mit täglich besucht hat, praktisch jeden Tag. Aber vielleicht kannst du sie selber fragen?
Ich bin vielleicht zu viel mit mir beschäftigt noch bis jetzt. Vielleicht kommt diese Phase noch.

26. Frage
Was würdest du Angehörigen raten?

Antwort:
Naja, was könnte man den Angehörigen von Komapatienten raten. Wär doch sicher eine interessante Fragestellung. Wenn sie mich dann fragen würden, kann ich etwas dazu beitragen, würde ich sagen: Ja. Glaubt nie, dass der Mensch, der da vor euch im Koma liegt, nicht mitbekommt, dass du da bist. Setz dich an sein Bett. Nimm seine Hand, auch wenn er vielleicht nicht drauf reagiert, unmittelbar. Auch wenn seine Augen ins Leere starren, führe deinen Mund an sein Ohr. Mach ihm keine Illusionen. Sag nicht: Wird schon wieder. Na. Sag ihm die Wahrheit. Sag ihm: Ich weiß, du bist in diesem Koma und ich weiß, dass es dir in diesem Koma nicht gut geht. Und ich weiß, du lebst immer noch. Jetzt bist du schon so lange im Koma und du lebst noch. Ich weiß, dass du nur deshalb lebst, weil du das willst. Denn wenn du es nicht wolltest, wärst du schon tot. Das würde ich ihm sagen. Das bringt den Menschen was. Er versteht die Worte vielleicht nicht akustisch, weil er wahrscheinlich genauso taub ist, wie ich war. Aber er spürt telepathisch deine Intention.

27.Frage
Die Träume waren Großteils Albträume. Warum hast du sie nieder geschrieben?

Antwort:
Ich habe sie nicht niedergeschrieben, um irgendjemanden zu erschrecken. Achtung! Koma! Schlimm und so, na. Ich habe sie niedergeschrieben, weil sie sich aufgedrängt haben, niedergeschrieben zu werden. Ich hatte Angst, diese Erinnerung zu verlieren. Jeder schreibt für jemanden natürlich, aber in erster Linie für sich selber. Und das tat ich. Man schreibt sich das von der Seele und das tat ich.

28. Frage
Aus meiner Sicht spiegeln sich in vielen Variationen deine Ängste und Befürchtungen in den Traumsequenzen wider. Was war deine größte Angst?

Antwort:
Die Ängste und Befürchtungen, die ich in meinem Leben angehäuft habe, spiegeln sich natürlich in einer Art und Weise in meinem Koma. Meine größte Angst war, unterdrückt zu sein und mich nicht wehren zu können und nie wieder frei zu sein. Und einem System ausgesetzt zu sein, wo man nur ein Rad ist und hin und her geschubst wird. Was ja der Wirklichkeit entspricht.

29. Frage
Welcher Traum ist dir von allen am lebendigsten in Erinnerung geblieben? Welcher kann für all die anderen stehen…?

Antwort:
Am lebendigsten ist mir in Erinnerung geblieben, dass der Mensch, um zu überleben, permanent versuchen muss, das, was dem Leben entgegensteht zu überwinden. Seine Fesseln abzulegen. Frei zu sein von seinen Ängsten. Sich nicht kleinkriegen zu lassen von dem, was vielleicht andere meinen.
30. Frage
Möglicherweise erlebt jeder Komapatient etwas anderes. Oder glaubst du, dass alle Komapatienten die gleichen oder ähnliche Erfahrungen machen?

Antwort:
Es kann ja natürlich sein, dass ja möglicherweise jeder Komapatient etwas anderes erlebt. Ich kann ja natürlich nur von meinen Erfahrungen sprechen. Wichtig ist mir, dass, was immer auch der Komapatient erlebt, dass er, wenn er aufwacht, und weiß, wer er ist, sicher sein kann, dass das, was er erlebt hat, nicht wieder kommt. Man fällt nicht zwei Mal in dasselbe Koma. Man wird geimpft. Ich bin sicher, es würde niemand mehr kommen, der mich ins Koma induziert. Entweder weil ich mir vorher schon die Kugel gegeben habe, oder weil meine Psyche das nicht zulassen würde.

31. Frage
Worüber hast du dich am meisten gefreut?

Antwort:
Kurz zusammengefasst: Worüber ich mich am meisten gefreut habe, war, dass ich wieder aufwachte. Und nicht nur, dass ich wieder aufwachte, sondern dass ich mit meiner gesamten Persönlichkeit, mit meiner gesamten persönlichen Geschichte, mit meinem Namen, meinem Geburtstag, meiner Adresse, meinen Werten, allem, was mich als Gottfried Stockinger auszeichnet, wieder aufwachte und innerhalb von drei Sekunden wieder voll da war. Das war das, was ich am meisten gefreut habe.

32. Frage
Was hat dich im Koma am meisten beschäftigt?

Antwort:
Ich war ja im Koma ausschließlich damit beschäftigt, diesen Moment wieder zu erleben. Es gab nichts, was mich abhielt, dran zu arbeiten, wieder das zu sein, was ich vorher war. Obwohl ich das gar nicht wusste, was ich vorher war.

33. Frage
Woraus schließt du, dass du in deinem komatösen Zustand immer „DU“ warst?

Antwort:
Ich war immer ich. Mein Ich war nicht abgeschaltet. Ich sah mich nie von oben im Koma liegen. Ich war auch im Zustand des Komas immer ich. Das schloss oder schließe ich daraus, dass mich andere mit du anreden. Weil das Ich ist ja das Gegenteil von du. Also wenn niemand zu mir du gesagt hätte, wäre mein Ich nicht Ich gewesen. (Lachen) Man träumt nur, dass man lebt. Wenn man aus diesem Traum erwacht, ist man tot. (Lachen)