möwendisput (784 x 604)4 Möwen sitzen am Bodenseeufer auf einer Stange: Eine ist aus Lindau angeflogen, eine andere aus der Schweiz, die sich im Laufe des sprachphilosophischen Diskurses als Linguist outet, eine vornehme ältere Möwin übersetzt für die, die die bodenseealemannischen Mundartdialekte nicht als Sprache, sondern als gutturalen Singsang verstehen, der in der Lautverschiebung (Lutverschiebig) im 15. Jhdt. steckengeblieben sei, und noch eine Möwe, welche aus Wien angereist ist, aber vorarlbergstämmige Wurzeln hat und somit das Wienerische mit dem Bodenseealemannischen, wie er es noch in seinen Ohren hat, vermischt.

Heimische Möwe: Heile allezem. Wia gohts, wia stohts?
Übersetzende Möwin: Grüß euch. Wie geht’s, wie steht’s?
Wiener Möwe mit heimischen Wurzeln: Für mi bruchscht nit übersetza, weil ich des Allemannischen zumindest passiv mächtig bin. Trotzdem danke.
Übersetzende Möwin: Das ist mir schon klar, aber ich mach das ja nicht für dich, sondern für unsere Zuhörer. Hört einfach nicht hin, ja?
Wiener Möwe (zur heimischen Möwe gewandt) Du, wieso seischt du Heile? Zu mina Zit hot des konaer gse:t.
Übersetzende Möwin: Du, wieso sagst du Heile? Zu meiner Zeit hat das keiner  gesagt.
Heimische Möwe: Des muass aba lang her gsi si. I bi mit deam ufgwachsa.
Übersetzende Möwin: Das muss aber lange her sein. Ich bin damit aufgewachsen.
Schweizer Möwe: Deaf i mi do imischa?
Übersetzende Möwin: Darf ich mich da einmischen?
Alle zusammen: Klar deafscht des.
Schweizer Möwe (ein ihr zugeworfenes Futter kauend: Bi üs seischt nit Heile, aba sit der hochtütschi Lutverschiebig, die vom Alperuum uusgange  isch  – wenn die zwait  Lutverschiebig agfange het, isch umstritte – het de Name vom   Hunnekönig Attila im lthochtütsche Etcilo glutet, taar mer aane, as d Verschiebig nöd vorem 5. Joorhundert agfange het. D  Grenze zwüschet   de Dialekt mit Lutverschiebig und dene oni nennt mer Benrather Lini.
Übersetzende Möwin: Ich weiß zwar nicht, was das mit Heile zu tun haben soll,   aber ich übersetze es trotzdem. Bei uns sagt man nicht Heile, aber seit der hochdeutschen Lautverschiebung, die vom Alpenraum ausgegangen      ist, – wann die zweite Lautverschiebung angefangen hat, ist umstritten -,          hat der Name für den Hunnenkönig Attila im Althochdeutschen Etcilo ge- heißen, davon ausgehend kann man sagen, dass die Lautverschiebung nicht vor dem 5.Jhdt. stattgefunden hat. Die Grenze zwischen dem   Dialekt mit Lautverschiebung und denen ohne, nennt man Benrather Linie. (Uff)
Alle glotzen zuerst die Schweizer Möwe und dann – sich gegenseitig den Vogel zeigend -die übersetzende Möwin an. Minutenlang herrscht ratloses Schweigen, während sich die Schweizer Möwe gelangweilt oder verlegen ihr Gefieder putzt.

 

Heimische Möwe: Des ischma ehrli gse:t, z’hoch.
Übersetzende Möwin: Das ist mir ehrlich gesagt, zu hoch.
Heimische Möwe (abschätzig) A Intellektuella. A Schwizza Intellkuella I glob’s nit.
Übersetzende Möwin: Ein Intellektueller. Ein Schweizer Intellktueller. Ich glaub’s nicht.
Heimische Möwe: Jetz seg amol, warum muascht du alls nochplappere?
Lindauer Möwe: Hanoi, I bin us’m Freistaat Bayern, und manchesmol, do tu i mi  o schwear, des zum Versteh’n. (Und zur übersetzenden Möwe gewandt): Mach nur wit:ter.
Übersetzende Möwin: Ich sag kein Wort mehr.
Wiener Möwe mit heimischen Wurzeln: Jetzt seien Sie doch nicht gleich so beleidigt?
Schweizer Möwe: Da seisch öppis und denn fallta üba di hea. Oda globsch‘d vielicht, dass nua im Ländle gschide Lüt git?
Übersetzende Möwin (übersetzt, um der heimischen eins auszuwischen): Da sagt man was und dann fällt man über einen her. Glaubst du etwa, dass es nur in deinem Land gescheite Leute gibt? Übrigens darf ich auf die ursprüngliche Frage zurück kommen? Der Gentleman mit den heimischen Wurzeln hat gefragt, wenn ihr euch erinnern würdet, warum man hier Heile sagt, oder? Darf ich darauf eine Antwort geben. „ In Teilen       Österreichs (Tirol, Vorarlberg) wird Heil! (bzw. Heile!) noch heutzutage    als Gruß unter Freunden verwendet, so wie in Bayern das Servus!. Das „Heil“ wurde dort schon vor der Zeit des Nationalsozialismus als Grußformel verwendet und hat sich bis heute gehalten.

Heimische Möwe: (Ganz erstaunt) Die ka ja nit nua dolmetscha und red‘ wie druckt.
Möwe mit heimischen Wurzeln (Den Einwand überhörend): Ja schon, aber  warum hab ich das als Kind nicht gehört? Ich bin ja da aufgewachsen.
Heimische Möwe: So wit i des vastanda ho, des hochdütsch oda, was es si soll.  Jo,des ka scho si, aba do wirscht ma recht gea, dass es des Heil scho  vor’m Hitla gea hot. Ma se:t ja o Ski Heil oder Waidmanns Heil oda Petri Heil, und des scho lang vor’m Hitla, odr?
Übersetzende Möwin (auf die heimische Möwe nicht gut zu sprechen, bittet den Wiener mit heimischen Wurzeln für sie zu übersetzen.)
Wiener Möwe mit heimischen Wurzeln: Er hat gesagt, wenn er das richtig verstanden habe, obwohl es hochdeutsch war, dass das schon sein könne, aber ich würde ihr Recht geben müssen, dass es das Grüßen mit Heil schon vor dem Hitler gegeben habe. Man sage ja auch: Ski Heil oder Petri Heil der Waidmanns Heil und das schon lange vor dem Hitler.
Heimische Möwe (die übersetzende Möwin provozierend): Und? Hea:ttas richti  g’macht?
Übersetzende Möwin (verächtlich): Grünschnabel!
Schweizer Möwe (fühlt sich angegriffen, obwohl die heimische Möwe gemeint war: Was hesch gseit? Seisch es bitte nomol?
Wiener Möwe mit heimischen Wuzeln (versucht die Wogen zu glätten): Sie hat nicht dich gemeint, sondern ihn, der für uns  dolmetscht.
Heimische Möwe: I red wia ma da Schnabel gwachsa isch, ob’s euch passt oda nit. I bin koa vakapppta Nazi, nur weil i Heile seg. Des wird ms langsam  z’blöd. Dea hat jo die DEmenz. Red vo da Lutverschiebig, als wär er dabei  gsi.
Schweizer Möwe: Des hoasst nit DEmenz. Des hoaßt DemEnz.
Heimische Möwe: Jo segsch du viellicht BregEnz?
Lindauer Möwe: I mach die Fliege.
Schweizer Möwe: I o.
Heimische Möwe: Des isch da Vorteil, wenn ma dahoam isch. Ma muass ka Fliege macha.
Übersetzende Möwin: Der kriegt immer alles in die falsche Kehle. War mir kein Vergnügen. Petri Heil alle miteinander.
Heimische Möwe: Gottseidank. Jetzt sind’s weg. I mag zwar di Wiena o nit.  Woasch wir blieb’n lieba unter us. Aba du bischt do ufgwachsa. Des vazeiht viel. Heile.