Ich trage einen blauen Turban. Mit dem schütze ich mich gegen Sonne, Sand und Wind. Du siehst nur meine Augen. Sie sind so schwarz wie die Räume zwischen den Sternen am Himmel, wo ihr Licht nicht mehr hinkommt. Nein, du siehst mich nur im Profil. Du stehst ja hinter mir und schirmst deine Augen mit der Hand, um etwas auszuspähen. Noch siehst du nichts.

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Meine Haut ist gespannt wie das Fell einer Trommel und von der Sonne gegerbt wie steinaltes Leder. Ich bin auf dem Weg zur Oase Gewas. Niemand weiß, wo sie liegt, denn es findet sie nur, wer sie nicht sucht. Sie ist das, was wir uns unter dem Paradies vorstellen. Du musst deine Augen schließen, wenn du willst, dass ich sie dir beschreibe; dann kannst du mich dorthin begleiten, und du wirst Dinge sehen und hören, von denen du nur  träumen kannst, aber nicht und niemals dich erinnern, wenn du wieder wach bist. Sind deine Augen zu? Gut. Dann nehme ich dich mit auf eine Reise, die Bilder von anderen Reisen in deinem Traum heraufbeschwören, die auch du schon unternommen, aber wieder vergessen hast. Bist du bereit?

Du siehst mich hoch oben auf einem Kamel sitzen. Ich habe es eben angehalten und schaue über gelbe Wellenberge und schwarzschattige Täler aus Sanddünen, so weit das Auge reicht. Noch kannst du ihn nicht sehen, aber auf meinem linken Handschuh sitzt ein Falke, den ich Keelru getauft habe. Keelru ist der Name für die Geister der Toten. Er trägt eine Haube. In großer Entfernung kannst du in der von Ofenhitze flimmernden Luft eine Gruppe von Zelten in einem Hain aus Palmen erkennen. Siehst du sie? Gut. Das ist Gewas. Der Ort unser aller Sehnsucht und unsres Trostes, wenn ein Unglück uns heimgesucht hat oder wir ans Sterben denken. Wir Lebenden können dort nicht hin, obwohl wir von dort herkommen. Auch du. Gewas wird bei Tag und Nacht bewacht. Wir befinden uns an seiner äußersten Grenze. Einen Schritt weiter und sie können uns sehen. Dann werden sie uns jagen. Schneller als Keelru fliegen kann, ist unsere Reise dann zu Ende. Drum bleib, wo du bist. Vertrau mir!

Ich werde ihm jetzt die Haube abnehmen und ihn nach Gewas schicken. Er wird dort meinem Vater eine Botschaft bringen. Dann wird er so hoch über der Oase kreisen, dass ihn kein Pfeil erreichen kann, und wir werden mit seinen Falkenaugen den Ort unser aller Sehnsucht schauen. Wir sind eins und doch zwei, will ich gerade denken, als Keelru sich in den wolkenlos blauen Himmel schwingt und mit dem Aufwind sich in schwindelige Höhen schraubt. Nein: Wir sind drei, mein Begleiter und ich und der Vogel, und doch sind wir eins, denn ich sehe jetzt tatsächlich mit seinen Augen auch uns, die er schon so weit zurück gelassen hat, dass wir nur noch zwei schwarze Punkte sind mit blauen Tupfern, die in einem gelben Meer aus Sand zu ihm hinaufleuchten. Das sind wir, will ich gerade rufen. Das sind unsere Turbane. Mein Begleiter aber bedeutet mir zu schweigen, denn eben hat sich Keelru mit angelegten Flügeln wie ein Stein vom Himmel fallen lassen und ist auf dem Rand eines Ziehbrunnens gelandet, an dem sich eine Frau zu schaffen macht, um einen Kübel mit glasklarem Quellwasser herauf zu holen. Sie trägt ein indigofarbiges Tuch, das sie über Kopf und Schultern geschlagen hat. Der Stoff muss auf die Haut abgefärbt haben, denn alle vom Tuch nicht bedeckten Stellen ihres Körpers sind blau. Selbst ihr Gesicht. Als sie den Falken sieht, fällt ihr der Kübel aus der Hand, der laut scheppernd gegen die Ziegelwand des Brunnens stößt und dann auf dem Wasser aufklatscht. Ihre Augen leuchten vor freudiger Überraschung. Sie nimmt den Falken und setzt ihn auf ihre Schulter. Der lässt es mit sich geschehen, als würde er sie kennen. Mit schnellen Schritten geht sie auf einen Feigenbaum zu, in dessen Schatten ein alter Mann mit übergeschlagenen Beinen sitzt. Er ist blind. Seine Augen sind wie zugenäht. Während die Frau ihn in einer Sprache anredet, die ich nicht verstehe, hat es sich der Falke auf seinem Schoß gemütlich gemacht. Mit einem Wink schickt er sie fort. Jetzt nimmt er den Vogel in seine beiden Hände und führt dessen Schnabel dicht an seinen Mund. Sie reden miteinander. Ja, sie reden, aber wieder verstehe ich nichts. Er gräbt in den Taschen seiner weiten Pluderhose und fördert ein paar Hirsekörner zutage, mit denen er ihn füttert. Jetzt höre ich ein helles Lachen, das aus einem der Zelte kommt. Jemand schlägt die Matte aus geflochtenem Stroh, die für den Durchzug sorgt, zur Seite und heraus tritt eine junge Frau in einem roten Tuch mit aufgemalten Blumen. Ich frage mich gerade, an wen sie mich erinnert, als sich Keelru ohne Vorwarnung in die Luft erhebt. Die Frau schaut ihm lange nach. Er kreist ein- zweimal in großer Höhe über diesem friedlichen Ort, dann sucht er uns oder meinen Begleiter und schneller als ich schauen kann, sitzt er wieder auf dem Handschuh. Als ihm die Haube aufgesetzt wird, bin auch ich für einen Augenblick blind, oder es kam mir eben nur so vor, als wäre ich es kurze Zeit gewesen.

Hast du dich umgeschaut? Hast du alles gesehen?, fragt mich mein Begleiter. So, als wüsste er nicht, dass eintreffen würde, was er mir versprochen hatte. Als könne er meine Gedanken erraten, setzt er nach: Ja, du hast schon recht, wir haben nur gesehen, was der Falke gesehen hat, oder glaubst du etwa, du könntest seinen Blick auf das richten, was du gerne gesehen hättest? Keiner vermag das. Nicht einmal ein Schamane kann es. Sei mir nicht böse, sagt er, aber ich werde dich jetzt verlassen. Ich muss weiter, aber du kannst mich jederzeit rufen und ich werde da sein. Bevor du aber wieder deine Augen öffnest, wird die Erinnerung an alles, was du gehört oder gesehen haben willst, gelöscht sein.

Er sollte Recht behalten. Ich sitze auf der Terrasse meiner Wohnung. Noch immer spüre ich seinen Zeigefinger zwischen Augen und Nasenwurzel und für einen Augenblick war mir, als würde das Universum explodieren und alles in ein schwarzes Loch münden. Ich muss für kurze Zeit eingeschlafen sein. Die Sonne brennt, als wäre schon Sommer. Vor mir liegt ein leeres Blatt Papier. Die Zigarette, die ich mir noch eben angezündet hatte, hat die Reste der anderen in Brand gesteckt. Der Aschenbecher qualmt. Als ich Wasser holen will, sehe ich eine Krähe, die sich von der Dachrinne in den Hof hinunter stürzt. Ihr Krächzen klingt wie das keckernde Lachen einer Greisin. Mir ist, als wäre ich von einer langen Reise zurück gekommen. Aber ich weiß weder, wohin ich mich auf den Weg gemacht, noch, was ich erlebt habe. Nichts, buchstäblich nichts mehr ist mir in Erinnerung geblieben. Ich kann es nicht einmal einen Tagtraum nennen. Schade. Dabei hätte ich so gern einmal ein Märchen geschrieben.