Still0110_00001Wenn ich weiß, dass ich sterben muss, weil zB. keine Krebstherapien mehr anschlagen, will ich den Zeitpunkt nicht verpassen, der es mir noch erlaubt, einen Flug in ein Land am Meer zu buchen, mir dort ein kleines Boot zu mieten, um auf hoher See die Phiole zu schlucken, deren Wirkung hoffentlich noch nicht nachgelassen hat, mir einen Stein  mit Strick um die Füße binden, ein Loch in die Wanten bohren, und dort im Meer mein Grab finden. Auch werde ich meinen Freund fragen, ob er mir nicht seine zweite Pistole abtritt, damit ich sie mir nach Einwurf der Phiole an die Schläfe setzen und abdrücken kann, um auf Nummer sicher zu gehen. Auf keinen Fall will ich im Spital sterben. Ein Freund von mir liegt dort mit Lungenkrebs im letzten Stadium, nur noch Haut und Knochen… Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich statistisch gesehen, und wenn es gut geht, noch 10, höchstens 15 Jahre habe. Meine Mutter ist unlängst gestorben. Ich habe ein Foto von ihr. Willst du es sehen? Diese Aufnahme habe ich vor wenigen Monaten gemacht. Sie ist auf den Kopf gefallen und hat in einem Heim Aufnahme gefunden. Schau dir die Augen an. Siehst du das Entsetzen in ihren Augen?  Ich weiß nicht, was sie gesehen hat und was ihr diesen Schrecken eingejagt hat, aber das, was dieses Entsetzen ausgelöst hat, muss grauenhaft gewesen  sein. So möchte ich auf keinen Fall enden. So nicht.

Das hat er gesagt, wie ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Das ist nicht lange her. Nicht die  Jahre, die ihm die Statistik noch eingeräumt hätte. Er war ein begeisterter Reiter und hatte ein eigenes Pferd in einem Stall draußen in Laxenburg. Sein ganzes Geld hat er dafür ausgegeben, seiner Jolanda, wie er sie getauft hat, eine Lipizzaner Stute, ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. In jeder freien Minute war er in den Stallungen, und wenn er sie ritt, konnte er weinen, wie er mir einmal gestanden hat, weinen vor Freude bei einer Levante oder Piaf, dem kandenzierten Reiten im Schritt, eins mit ihr, einem Tier mit adeliger Herkunft, wie er immer wieder betont hatte.

An einem Herbsttag mit samtblauem Himmel soll er zu seinem Pferd nach Laxenburg hinausgefahren sein, es gesattelt haben, aufgestiegen und in den weitläufigen Park hinaus geritten sein. Dort habe ihn ein Spaziergänger gefunden. Er soll mit dem Kopf vornüber gebeugt auf einer Bank gesessen sein, als hätte er eine Pause machen wollen. Sein Pferd habe friedlich in seiner Nähe gegrast, die inneren Steigbügel hochgezogen. So wurde es mir erzählt. Er selbst aber hatte eine andere Vision:

An einem Tag im November bin ich hinausgefahren zu meinem Pferd, habe es gesattelt und bin ausgeritten. Es war ein merkwürdiger Ausritt, sagte er. Nicht der Ausritt selbst, sondern der Traum, der mich in der darauffolgenden Nacht heimgesucht hat. Mir träumte, dass mich ein Spaziergänger gefunden hat, auf einer Bank sitzend in einem weitläufigen Park. Ich sah mich mit den Augen des neugierig gewordenen Mannes, der ungefähr in meinem Alter war, auf dieser Bank sitzen. Mein Kopf war mir auf die Brust gefallen. Ich hatte zu atmen aufgehört. Es sah aber so aus, als hätte ich ein Nickerchen gemacht.
Wenig später hörte ich den Mann zu Umstehenden, die für mich nicht sichtbar waren, sagen: Sehen sie, er hat die Reitgerte noch in der Hand und auch das Pferd grast hier in seiner unmittelbaren Nähe. Die inneren Steigbügelriemen sind hochgezogen und von innen durch die Bügel gesteckt. So, wie man es macht, wenn man von einem Pferd absteigt, weil man es für kurze oder längere Zeit nicht mehr reiten will. Ich habe selbst ein Pferd, aber meines ist nicht so schön wie dieses. Ich wollte ihn fragen, wo es untergebracht ist, was die Stallmiete kostet, Fragen halt, die man einem anderen Pferdebesitzer stellt. Was mich stutzig werden ließ, war, dass sich sein Brustkorb weder hob noch senkte. Da wusste ich, dass er kein Nickerchen macht, sondern tot ist.

Hastig und mit abwesendem Blick erzählte er weiter: Ich wollte wissen, an wen diese Worte gerichtet waren, aber da war niemand. Plötzlich hörte ich Jahrmarktmusik. Musik von einem Ringelspiel, um genauer zu sein. Ein Clown mit roter Nase und übermaltem Mund mit einer schwarzen Papiernelke im Knopfloch seiner Anzugjacke, die passend zu seinem Aufzug viel zu kurz war, lockte mich mitten hinein in das bunte Treiben. Dann stand ich vor dem Ringelspiel. Weiße Pferde mit schönem Sattelzeug kreisten in schaukelnder Bewegung an mir vorbei. Alle waren weiß, bis auf eines. Das war schwarz. Schwarz wie die Nacht. Das wollte ich, das musste ich reiten…

Und?, fragte ich ihn. Was weiter? Er hatte nämlich zu sprechen aufgehört, so als wäre seine Geschichte hier zu Ende. Er schien wirklich weit weg gewesen zu sein, da er mich plötzlich anstarrte, als wäre ich ihm gerade erschienen.

Du willst wissen, was dann geschehen ist? Während sich der Clown auf eines der weißen Pferde geschwungen hat, erzählte er mit müder Stimme jetzt, habe ich verzweifelt versucht, das schwarze Pferd zu reiten. Es hat mich aber immer wieder abgeworfen. Ich weiß nicht, wie oft ich es versucht habe. Es war wie in einer Endlosschleife. Kaum habe ich es bestiegen, hat es mich wieder abgeworfen. Wie um wieder aus ihr herauszufinden, und diesen Alb abzuschütteln, vielleicht aber auch, um sich zu vergewissern, dass er nicht mehr träumte, schlug er mit der flachen Hand auf die Tischkante und fuhr fort:

Dann bin ich aufgewacht und seither, – das sage ich dir jetzt im Vertrauen. Dabei blickte er sich nach allen Seiten um, als würde jemand mithören und Zeuge werden wollen, denn jetzt flüsterte er: Seit der Nacht, in welcher ich das geträumt habe, weiß ich nicht mehr, ob ich im Traum geträumt habe, dass ich gestorben bin, oder noch immer in diesem Traum gefangen bin, der mir sagen will, dass ich mich überlebt habe.

Die Vorwegnahme eines Todes im Traum war es, wenn du mich fragst, oder aber ein Traumtod. Wer stirbt schon, indem er die Zügel aus der Hand gibt und einschläft bei all den Vorbereitungen, die du für deinen Tod getroffen hast?

Darauf nicht im geringsten eingehend, meinte er: Übrigens habe ich im Auge von Jolanda das gleiche Entsetzen gesehen, wie auf dem Foto meiner Mutter, das ich dir gezeigt habe.

Das irre Lachen, das darauf folgte, ließ mich fürchten, dass sein Verstand gelitten haben muss. Vielleicht aber habe auch ich dieses Gespräch nur geträumt.