telefonHe, hörst du mir eigentlich zu? Ich hab eine Flasche Pinot Grigio aufgemacht und den Wein in zwei Gläser gefüllt.

Moment mal! Nicht so schnell. Wovon redest du? Nur damit ich mich auskenne, unterbricht ihn Horst.

Horst war sein Freund. Nein: Mehr als ein Freund. Horst war wie ein Sohn für ihn. Er ist noch keine dreißig, aber seine Haare sind so schütter, dass sein Stirnansatz immer weiter nach oben rutscht. Der linke Zeigefinger seiner rechten Hand ist weg. Er war in die Lochsäge geraten und hat seinen Beruf als Tischler hingeschmissen. Immer das Gleiche. Fenster im Akkord. Dafür habe ich nicht die Gesellenprüfung gemacht, hat er damals gesagt und gekündigt. Jetzt ist er arbeitslos und lebt von Erspartem und der Notstandshilfe. Vorübergehend hat er damals gemeint, aber es ging nicht vorüber und das Ersparte war auch so gut wie weg. Alle seine Bewerbungen um einen anderen Job waren erfolglos. Auch die Umschulungen haben nichts gebracht. Er war in Heimen, ist adoptiert worden, dann wieder im Heim, hadert mit seinem Schicksal. Ohne Vitamin B geht hier gar nichts, behauptet er.  Überall die gleiche Antwort. Meistens gar keine. Jedenfalls sucht er nicht mehr. Lässt die Dinge schleifen. Jeder zweite Satz beginnt er mit: Hätt‘ ich nur oder wär‘ ich nur. Ein Hättiwari, der sein Leben nicht mehr auf die Reihe kriegt.

Er sitzt auf einem Polster, da sich die Sprungfedern schon durch den Ledersitz gebohrt haben und starrt konzentriert auf die Fahrbahn, auf der das Fernlicht eine Schneise in die tintenschwarze Nacht schlägt.

Erzähl weiter! Du hast eine Flasche Wein aufgemacht und in zwei Gläser gefüllt. Für wen war das andere?

Sie fahren auf einer Autobahn, die sie auf einer Ausfahrt in nicht weniger als einer Stunde in Richtung Berge bringen soll, wo Horst auf einer der Almen eine  von seiner Stiefmutter geerbte Hütte hat. Genau das richtige jetzt. Auch deswegen hat er ihn angerufen. Rauskommen, denkt er. Eine andere Umgebung wird mir gut tun. Was nützt es schon, mich zu verkriechen. Und wozu sind Freunde gut? Horst hat mich lange genug mit seinen Geschichten in Beschlag genommen. Immer wieder die gleichen. Das Hättiwari war ihm zum Mantra geworden. Jetzt kann er ruhig einmal auch mir zuhören. Er scheint nervös. Schaltet das Radio ein und wieder aus. Auch vermeidet er jeden Blickkontakt. Irgendetwas ist passiert, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Aber sie würden ja Zeit haben. Ein ganzes Wochenende.

Also, ich mach eine Flasche auf und schenk uns zwei Gläser ein. Helen ist gerade beim Bügeln. Die Rucksäcke sind gepackt. Wir hatten einen Flug gebucht, wie du weißt, mit im Angebot eine Trekking Tour im Atlasgebirge. All inclusive. Nicht billig.  Ich habe Stefan – wie immer , wenn er bei uns auf Besuch war-,  selbst zu Bett gebracht.  Ich habe ihm – übrigens sehr zum Missfallen von Helen, ein eigenes Zimmer eingerichtet, obwohl  ich ihn nur an zwei Wochen-enden im Monat sehen darf.

Zufällig war ich auf deiner Hochzeit. Du brauchst also nicht so weit auszuholen. Komm auf den Punkt! Und noch etwas: Kannst du bitte im Auto nicht rauchen?

Wie kommt dieser junge Schnösel dazu mir zu sagen, was ich darf oder nicht darf, denkt Christian verärgert und  öffnet demonstrativ das Fenster: Seit wann bist du so empfindlich? Du rauchst doch auch?

Aber nicht im Auto, faucht Horst. Die Stimmung war umgeschlagen. Sie fuhren durch Dörfer, in dessen wenigen Häusern kein einziges Licht brannte. Dabei war es erst 22 Uhr. Was tun die alle?, denkt er. Sind die wirklich schon im Bett? Die Scheinwerfer tasteten die Hauswände ab. Auf der Stirnseite waren  auf abbröckelnder Mauer – fast so, als wären die Plakate nur dafür gedacht – die überdimensionalen Portraits von Politikern zu sehen, die mit ihrem Gesicht und einem Wahlprogramm, das meistens mit nur einem Wort auskam, um Stimmen warben.

Nach einer langen Pause und ohne von Horst aufgefordert zu werden, fährt er fort: Ich versteh nicht, was passiert ist. Ich versteh’s einfach nicht. Wie lange ist die Hochzeit her? Nicht einmal 3 Wochen, stimmt’s?

Heute hat mich Stefan mit der Frage überrascht, ob die Sterne am Himmel schon alle gezählt seien und wenn ja, wie das denn überhaupt möglich sei, und ob sie alle Namen hätten und wie es zu den Namen gekommen sei. Das waren viele Fragen auf einmal. Zu viele. Und auf keine dieser Fragen hab ich eine Antwort gehabt.

Hat das mit der Geschichte zu tun, die du erzählen wolltest?, fragt ihn Horst, aber Christian ist in seinen Gedanken noch immer bei diesem Tag, an dessen Ende sein Leben aus dem Gleis geraten war.

Folgende Szene aus einem Film fällt ihm ein: Ein Mann und eine Frau sitzen in einer kleinen Küche. Die Frau ist eine allein erziehende Mutter und hat eben für sich und ihren 5 oder 6-jährigen Sohn ein Essen zubereitet. Sie fragt, ob er mitessen will. Ich weiß nicht, warum er da ist, aber er ist weder ihr Geliebter, noch ihr Ehemann. So viel steht fest. Er ist ein Gast. Wortlos löffeln sie die Suppe. Der Mann scheint nicht viel von Konversation zu halten, aber dieses friedliche Zusammensein scheint ihn an etwas zu erinnern, das er vermisst. Vielleicht ist es lange her, dass auch er einmal mit Frau und Kind um einen Tisch gesessen ist. Auch die Frau ist nervös. Vielleicht löst die Gegenwart dieses Mannes an ihrem Küchentisch auch bei ihr Erinnerungen aus. Vielleicht war schon lange kein Mann mehr in ihrer kleinen Wohnung. Irgendetwas hat sie an diesem Abend zusammen geführt. Ich weiß nicht, was, weil ich beim Zappen genau bei dieser Szene hängen geblieben bin. Der Kleine beobachtet den Mann. Er kennt sich nicht aus? Wer ist dieser Mann? Was will er? Vielleicht fragt er sich aber auch, wie es wohl wäre, wenn er wieder einen Vater hätte, und ob dieser raubeinige Fremde ihm seinen Vater ersetzen konnte, den er irgendwann verloren hatte, ohne zu wissen, wie es dazu gekommen war. Möglicherweise war es das seltsame und langandauernde Schweigen, das mich neugierig gemacht hat. Vielleicht aber hat es mich an ein ähnliches Schweigen erinnert, damals als ich in einem ähnlichen Alter war wie dieser Junge im Film. Es war ein bedrohliches Schweigen, das mir die Lust aufs Essen nahm, obwohl ich immer großen Hunger hatte. Kaum aber saß ich zu Tisch, hatte ich keinen mehr. Nur Angst, dass alles kippt und sich der Jähzorn meines Stiefvaters wieder ein Opfer sucht und das war -, je nachdem, wie er gerade drauf war -, meine Mutter oder ich.

Horst war vom Fahren auf dem Forstweg so in Anspruch genommen, dass er dieses Abschweifen von der eigentlichen Geschichte nicht nur stillschweigend zur Kenntnis nahm, sondern auch jetzt keine Anstalten machte, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er weiter erzählen, aber bei der nun einmal begonnenen Geschichte bleiben soll. Christian scheint den Faden nun gänzlich verloren zu haben, denn er findet im Erzählen – mäandernd in seinen Erinnerungen -, keinen Weg zurück. Sein Redebedürfnis ist so groß, dass ihm gar nicht auffällt, wie konzentriert Horst über dem Lenkrad hängt, die Gänge rauf und runter schaltet, und alles unternimmt, um Christian nicht vielleicht auf die Idee zu bringen, sich verfahren zu haben.

Er wird sich doch noch an den Weg erinnern. Gerade will er ihn fragen, wann er das letzte Mal auf der Hütte war, als Horst den Faden seiner Geschichte wieder aufnimmt:

Ich war auf der Straße mit den Kindern aus den Nachbarhäusern. Wir haben oft bis in die Nacht hinein im Schein der Straßenlaternen Federball gespielt. Es war Frühling und an diesem Abend  war die Luft voll mit schwarzen Wolken  von Maikäfern, die wir mit unsren Tennisschlägern tot schlugen und dann kiloweise einsammelten, um sie gegen ein paar Groschen beim Bauern abzugeben, der daraus Dünger machte. Ich hab sie erst gesehen, als sie vor mir stand, meine Mutter. Ihre Augen waren ganz verweint. Sie hat mich angesehen und gesagt: Jetzt hast keinen Papa mehr. Gar keinen mehr. Dann ist sie ins Haus gegangen. Damals hab ich mehr geahnt als gewusst, was sie damit gemeint haben könnte mit „gar keinen mehr“, weil man mich ja adoptiert hat. Ich glaube, das war der Augenblick, wo ich erwachsen worden bin. Ja, ich glaub, das war er. Mit einem Schlag ist mir klar geworden, dass ich auf dünnem Eis tanze und vielleicht wieder ins Heim muss. So war es dann auch.

Christian hatte zwar zugehört, aber nur noch mit halbem Ohr. Irgendwas stimmt hier nicht, denkt er. Der Wald wird immer dichter, die Forststraße immer unwegsamer. Nachdem er jetzt schon zwei Mal ausgestiegen ist, um mit der Taschenlampe irgendwelche Markierungen zu suchen, die er angeblich einmal angebracht haben will, um die Hütte auf Anhieb zu finden, könnte es durchaus sein, dass Horst nicht mehr weiß, wo sie sich befinden.

Nicht, dass du etwa glaubst, ich hätte mich verirrt und wüsste den Weg nicht, beruhigt er ihn, als hätte er seine Gedanken erraten. In einer halben Stunde sind wir da. Ich bin neugierig und ganz Ohr, ja richtig scharf darauf, das Ende deiner Geschichte aus einer anderen Perspektive zu hören.

Klang da ein sarkastischer Unterton in der Stimme mit? Nein. Horst konnte zwar manchmal ganz schön zynisch sein, aber sein Zynismus galt immer nur ihm selbst und war nie gegen andere gerichtet. Aus einer anderen Perspektive? Was meint er damit? Es gibt ja nur meine, denkt er.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja: Ich will mich nicht betrinken, sagt Helen und wehrt das Glas ab, das ich ihr geben hab wollen. Außerdem bügle ich gerade, wie du siehst, hat sie mich angefaucht. Sie war nicht gut drauf. Nein. überhaupt nicht.

Wer sagt denn, dass du dich betrinken sollst, hab ich gefragt. Außerdem hättest du mir sagen können, dass ich die Flasche nicht aufmachen soll. Allein trinke ich nicht, das weißt du! Ich wollte es mir mit dir nur gemütlich machen, nachdem Stefan im Bett ist.

Ja, das hat aber lange genug gedauert, sagt sie, stellt das Bügeleisen mit der Kante auf das Brett, damit das Wasser nicht ausrinnt und schaut mich an, als hätte ich ein Verbrechen begangen.

Ich weiß  nicht, warum sie so schlecht drauf ist. Wir wollten doch Morgen unsre Reise nach Marokko antreten, die wir schon vor einem halben Jahr gebucht und uns vom Munde abgespart haben. Hast du den Führer schon eingepackt?, hab ich sie gefragt, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Und sie d‘rauf:

Ist das meine Aufgabe? Kannst du nicht auch mal was tun? Da war nichts zu machen. Der Abend war gelaufen. Ich dreh  den Fernseher auf, finde aber kein Programm. Auf allen Kanälen nichts als Sendungen über die bevorstehenden Wahlen. Ich dreh ihn wieder ab. Das Handy von Helen läutet. Sie hebt ab, spricht, spricht mit jemandem, den sie gut kennen muss. Da hat sich niemand verwählt, ich schwör’s dir. Spricht und während sie spricht, schaut sie mich an. Ich kann dir nicht sagen, was das für ein Blick war, denn sie packt seelenruhig die gebügelte Wäsche in ihren Rucksack, geht, ohne sich noch einmal umzudrehen, zur Tür, macht sie auf und lässt sie hinter sich zufallen.
Und?
Was, und? Sie war weg. Sie ist nicht mehr wieder gekommen. Nicht mehr am Abend und auch nicht in der Nacht und auch nicht am nächsten Morgen, wo wir auf dem Flughafen sein sollten. Ihr Handy tot. Ich hab sie seither nicht mehr gesehen. Ich bin sie alle durchgegangen im Kopf, alle ihre Freunde und Freundinnen, aber mir ist niemand eingefallen, der so fies und feig sein könnte, mich nicht zu verständigen. Ich bin vollkommen durcheinander.

Jetzt muss er eine rauchen. Unbedingt. Er fingert eine Zigarette aus seiner Jackentasche, findet aber kein Feuerzeug. Der Zigarettenanzünder ist kaputt. Ich hab dich gebeten, im Auto nicht zu rauchen. Sie ist also weg und hat nichts mehr von sich hören lassen?

Ja, ich bin die ganze Nacht gesessen und hab auf sie gewartet. Ich konnt’s einfach nicht glauben. Ich war außer mir, wie du dir vorstellen kannst. Zuerst Wut, dann Sorge, dass ihr was passiert sein könnte, dann wieder maßlose Wut. Zwei Tage später ein Anruf. Ich soll mir keine Sorgen machen. Mir geht’s gut, hat sie gesagt. Es ist aus. Mehr nicht.

Horst scheint besorgt. Die Öllampe hat aufgeleuchtet. Auch mit der Wassertemperatur im Kühler dürfte etwas nicht stimmen. Eben hatten sie aussteigen und eine Fichte aus dem Weg räumen müssen, die ein Sturm entwurzelt hat. Auch zu zweit hätten sie das nicht geschafft. Horst aber hat immer eine Seilwinde mit. Das wäre beinahe schief gegangen. Der Schreck sitzt ihm jetzt noch in allen Knochen. Beim Zurücksetzen hätte ihn Horst nämlich fast überfahren.

Willst mich umbringen? Was ist los mit dir?

Horst schaltet ohne zu antworten hinunter in den ersten Gang. Der Wagen heult auf.

Jetzt rauche ich aber, ob dir das passt oder nicht.

Während er sich das sagen hört, macht er auf der Suche nach einem Feuerzeug das Handschuhfach auf und findet dort nicht nur ein Feuerzeug, sondern die Sonnenbrille von Helen, eine Ray Ban mit einem hohen Lichtschutzfaktor. Jeder Irrtum ausgeschlossen. Er hatte sie ihr für die Reise gekauft. Er höchst persönlich.