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Um nach den ersten Eindrücken trotz Verliebtheit auch die Schattenseiten Marseille’s ins Bild zu rücken, müsste ich in die berüchtigten Quartiers Nord, in die Ghettos mit den aus den Kolonien hier Gestrandeten, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen und die Stadt in den Ruf von Klein-Chikago oder Neapel II bringen, so als wollten sie bestätigen, was der Film „French Connection“ der größten Konzentration afrikanisch-arabisch-stämmiger Migranten in Europa  unterstellt: Nämlich aus Marseille eine Stadt der Gangster und bösen Buben gemacht zu haben.

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Während überall sonst in Europa die südlichen Regionen randständiger und ärmer sind, ist es hier genau umgekehrt.  Die Frontlinie zwischen Süd und Nord verläuft hier entlang der Canabiere, eines Straßenzuges, der Viertel mit gated communities, in welchen Wächter Fremden den Zutritt verwehren, von den Armenvierteln im Quartier Nord trennt. Dorthin wagt sich angeblich nicht einmal die lokale Polizei. Dort sind mit Kallaschnikows ausgetragene Bandenkriege der Drogenmafia  das traurige Ergebnis einer jahrzehntelangen Politik von Ausgrenzung, die sich zB. auch in der Tatsache ausgedünnter Infrastruktur niederschlägt: Busse dorthin verkehren nach 22 Uhr kaum mehr. Keine Schulen, keine medizinische Versorgung. Die Hafenstadt – lange Zeit und vor allem nach dem Bau des Suezkanals das Tor zum Orient – hat mit dem Niedergang der um den Hafen angesiedelten Industrien und der aktuellen Finanzkrise vor allem unter den  Einwanderern dazu geführt, dass Rauschgift- und Waffenhandel zur einzigen Einnahmequelle vor allem der arbeitslosen Jugendlichen wurde. Die Perspektivlosigkeit treibt sie in die Arme derer, die aus ihrer hoffnungslosen Lage Profit schlagen. P1110334_renamed_30704

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Natürlich kann man als Tourist davon vollkommen unberührt bleiben, die vielseitige Küche loben und sich auf die Suche nach der besten Bouillabaisse machen,  In den südlich gelegenen Vierteln ist die Stadt nicht gefährlicher als jede andere europäische Metropole.  Trotzdem gibt mir zu denken, dass Otto jeden Morgen nachschaut, ob sein Auto noch da, und wenn, ob es noch ganz ist.  Der regierende Oberbürgermeister Gaudin aus dem Lager der Konservativen scheint bekannt für seine Schönfärberei.  Er wurde unlängst von einem Journalisten als ein Nero bezeichnet, der mit der Harfe  in der Hand zusehe, wie seine Stadt niederbrennt.

P1110165Da ist die für die sozialistische Partei angetretene Samia Ghali – selbst Migrantin –  von einem anderen Schlag: Sie soll nach Krawallen den Einsatz der Armee angefordert haben. Feststeht, dass weder mit flächendeckender Videoüberwachung noch verstärkter Polizeipräsenz diese Probleme in den Griff zu bekommen sind. So bleibt der Ausspruch von Henry IV noch heute gültig, der gesagt haben soll, wer Marseille nicht beherrsche, könne Frankreich nicht regieren.

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Um meine anfängliche Verliebtheit ein bisschen zu trüben, bläst mir heute der berüchtigte Mistral ins Gesicht,, Im Windschatten ziehe ich die Jacke aus, ein paar Meter später wünschte ich, ich hätte mit einem Pullover gegen die plötzliche Kälte vorgesorgt.  Auf der Canabiere findet eben eine antifaschistische Demo statt, die mit Spruchbändern und Sprechchören auf die homophoben Attacken der Front National aufmerksam macht und lautstark gegen Rassismus, die Stigmatisierung der Roma und die  den Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen schürende Politik mobilisieren will.

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Nach einem Besuch im Musèe d‘ histoire du Marseille, das mit seinen Exponaten die griechisch-römische Geschichte der Stadt bis in die Neuzeit  aufbereitet hat,  zeigt mir Otto das Friche la Belle de Mai,  wo hinter dem Hauptbahnhof eine ehemalige Zigarettenfabrik nach seiner Besetzung  in ein avantgardistisches Veranstaltungszentrum umgebaut worden ist, das mich an Arenazeiten in Wien erinnert. Marseille ist tatsächlich eine Stadt im Auf- und Umbruch.  Ob das gewaltige Bauprojekt der Euromediterranée die entstandenen Parallelgesellschaften wieder integrieren wird können oder erst recht dazu beiträgt, sie noch mehr zu marginalisieren,  darüber ist man hier geteilter Meinung.

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Das ganze Ausmaß der städtebaulichen Umstrukturierungsmaßnahmen, die in Europa ihresgleichen suchen, wird auf der höchsten Erhebung der Stadt, auf dem die im neo byzantinischen Stil erbaute Notre Dame de la Garde thront, sichtbar.

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P1110153Der Blick von der steil abfallenden Trasse über Meer und Dächer ist überwältigend und lohnt die Mühen des Aufstiegs. Von hier aus sind auch die der Stadt vorgelagerten Inseln Frioule und das Chateau d’If, das im Roman von Dumas mit der Geschichte des Grafen von Monte Christo  traurige Berühmtheit erlangt hat, gut auszumachen. Nach der Pest von 1720, die in kurzer Zeit die Hälfte der Bewohner dahin gerafft hatte,  waren dort die Krankenhäuser und Quarantänestationen für die Seefahrer errichtet worden.

Auch kann von hier oben gut festgestellt werden, dass es viel Beton, aber wenig Grün in dieser Stadt gibt. Leider bläst der Mistral mittlerweile so stark, dass ich froh bin, wieder in die engen, windgeschützten Gassen des Paniers zu kommen.

P1100859P1100861P1100969P1110265P1110270In den engen Gassen mit den steil abfallenden Stiegen dürften sich die Soldaten der Wehrmacht 1942 nicht sehr wohl gefühlt haben. Auch die Panzer konnten hier nicht rollen. So kam es, dass die deutsche Wehrmacht hier ein ganzes Viertel in die Luft gesprengt hat, um den Mitgliedern der Resistance und den Juden die Fluchtwege abzuschneiden.