Lyrische Gedanken zum Weltflüchtlingstag

Die Tage, die zähen, die Stunden, die zählen, die Zahlen, Kalender und Wunden, wir wählen, doch Wahlen, haben wir die? Steh auf! Steh gerade! Und fall nicht! Erheb dich vom Lager. Lazarus geh! Nimm dein Bett mit und halte die Augen ganz offen. Dein Hoffen ist müde. Ich weiß.

Heute, schrieb Sarah, ging es ihm besser. Aber ein Messer wüte in seinem Kopf und Stimmen höre er, die sprächen mit vielen Zungen.

Die Sprachen, die vielen, sie zielen ins Schwarze und treffen das Schweigen zwischen den Worten, als wollten sie sich an ihm rächen.

Er fühle zum Dank sich gezwungen. Der zählt keine Tage.

Lazarus sage, so sag uns, wie war es dein Leben, noch einmal gestundet? Wie viele Jahre waren es noch? Waren es mehr als sieben? Wärest du lieber doch tot geblieben? Sind wir nicht alle unsterblich verwundet von tausend Hieben und einem Streich, der uns fällt? Sag mir, wie ist es da drüben? Du warst doch unten in Anderwelt.

Die Linie flackert, die pulsierende grüne, die das Pochen des Herzens auf den Monitor zaubert, und es war angebrochen die tausendste Nacht. Und sie fuhr fort mit ihm sprechend, ihn ermahnend und tröstend. Glaub mir. Noch ist nicht gesprochen das letzte Wort.

Du bist, sagtest du, auf der Suche nach Irgendwas mitten im Winter auf ein Paar Schuhe gestoßen. Aus ihnen rann Sand von einem Urlaub im Sommer. Ein gesprungenes Stundenglas. Ein gelungenes Bild oder nicht? Man kann auch ohne Licht sehen. Du brauchest kein Licht. Und Bestand? Nichts hat Bestand. Nichts kann bestehen.

Ruhelos brandet das Meer wild an versunkenes Land. Du schaust aus dem Fenster und siehst den Strand. Barfuß gehst du über schwarzen Sand wie auf glühenden Kohlen. Angespült von der Flut und angelandet bei Ebbe liegt das nun so preisgegebene Gut: Sohlen von Schuhen, Fetzen von Nylonfischnetzen, Kondensmilchdosen, Lumpen von T-shirts und gebleichten Hosen, und dort eine Brille.

War draußen ein Schiff in Seenot geraten? Ist es gesunken? Du nimmst die Brille und setzt sie auf und du siehst, als wären’s nicht deine Augen, sondern die eines Matrosen, der in der Stille eines abgrundtief fernen und weiten Raumes ertrunken. Du schlüpfst in die Schuhe und siehst dich – als wäre auch dies ein Teil seines Traumes und der letzte Wille des andern – durch stiefmutterblaue Kornfelder gehen, die sich sanft in der Strömung wiegen, im Spiel der Gezeiten mäandern. Siehst Männer jagen mit Feuersteinwaffen  Bären und Hirsche zwischen Weiden und Wäldern und drüber die Sterne wie Mondsteine wandern nur wenige Meter unter dem Spiegel, aber weit, zu weit weg  vom nicht mehr erreichten, ihn rettenden Ufer. Du hast dies alles gesehen. Genug gesehen. Es gibt keine Dauer, nichts kann bestehen.

Zwischen allen Stühlen sitzt du. Sitzt du bequem? Und deine Angst ins Bodenlose zu stürzen, unter das Fundament? Wem schuldest du, nein, wem verdankst du, so fehl am Platze zu sein. Wer kennt dich? Wer anerkennt deine so teuer bezahlte Sehnsucht nach dem ganz und gar Ganzen und Einen? Ein Nomade bist du und sagst: Ich bin da, weil ihr dort wart! Ein Vagabund streifst du durch dritten Raum mit den deinen. Schlagbäume wachsen, wo du auch hintrittst. Dort stehen Wächter, Pächter der Träume, bewachen das Zentrum vor seinem Grenzland, dem Saum und dem Rand, der Peripherie: The west and the rest. Dazwischen ein Graben, ein Schautwaswirhaben, aber bleibtwoihrseid. Fresst oder sterbt! Aber es reicht ja zu beidem nie. Wir überleben mit Mimikry, sagst du. Nichts ist gegeben. Nichts hat Bestand. Wir sind der Rest. Wir sind der Rand.

So dahin und dorthin, wie’s eben kommt. Hüben und drüben. Aber so schnell kannst du ja gar nicht sein. So schnell ist keiner, dass er sich entkommt. Wohin auch. Wir nehmen uns mit? Geduld lässt sich üben, sie beugt dir den Rücken und lässt dich nicht aufrecht steh‘n. Ist Blut im Schuh? Was hast du geseh‘n? Sag mir, du, was? Zerbrochenes Glas? Was traf dich? Wen hast du getroffen? Was? Den richtigen Ton? Getroffene Hunde, die bellen? Was sind deine Quellen? Woraus schöpft deine Angst? Blut von der Spindel? Ein Kratzer. Ein Schwindel. Mehr nicht. Was war’s, das dich traf? Hast du’s nicht sehen kommen? Warst du so blind?

Dein Schlaf war tief? Du schliefst hundert Jahre, mein Kind, und noch einmal hundert. Vielleicht waren’s mehr, ganz oben unter dem Dach. Traumwach lagst du, in Erwartung des Schlages, zu dem ein Koch in hochrotem Zorn ausgeholt hatte. Hat’s dich gewundert? Auch wenn er nicht traf, war dir, als wär’s nur gerecht. Eine Strafe für etwas, das keine verdient. Kein Kind ist schlecht.

Sitzt du bequem? Lass dich fallen, lass los! Wem traust du noch über den Weg? In den Markthallen liegen die Wahrheitswaren und knallen sie dir um die Ohren und ziehen sie an den Haaren herbei. Allah akbar. Ja, Gott ist groß, und die Gebote der Stunde sind keine zehn. Du sollst nicht töten, würde genügen. In deinem Namen und in dem aller Götter vor diesem Einen, wird Lügen gestraft mit Kreuz, Schwert, Gebetbuch in Tempeln und Kirchen und in den Moscheen.

Mit Zimbeln und Flöten, ja selbst mit den Glocken, den großen, die mit Seilen aus allen Wolken hängen, wird gekündet vom Wort, das jede Stunde erschlagen, gebrochen, und dir noch im Munde umgedreht wurde: Lamm Gottes. So lag es und liegt es in deinem Schoß. Wir Lämmer. Wir jagen die Sündenböcke über die Klippen, und kippen wie Müll unser aussichtslos schlechtes Gewissen ins Nichts, das uns träumt. Allah akbar. Ja, Gott ist groß.

Im Schlafe träumend gestorben noch vor der Geburt, wo das Hier mit dem Nirgendwo zusammenfällt, seist du, hast du gesagt, daheim. Unfähig zu sein, aber imstande über das Leben zu staunen und über die Welt, selbst im Exil. Im Sande verlaufe sie deine Spur und ich fände dich nur in den Runen der Schrift und im Raunen der Sprache, die schweigen soll, damit sie vernommen werde. Die Erde sei voll und rund und kein Teller, doch wer über den Rand fällt, der falle tiefer als alle Keller, die je wir bewohnten. Dort kreise Nemo, Niemand mit Namen, mit seinem Schiff ohne Anker, einem Schmerz, so tief wie das Meer, und nimmt in die Mannschaft auf und an Bord den nicht Verschonten, und dem das Herz ohne Hoffnung geblieben, den unfreiwilligen Dieben der Schmach. Schwach von der Jahre Last reise er – zum kindischen Greise geworden -, rastlos umher mit blutroten Segeln und schwarzem Rumpf, schwarz wie die Hölle mit vermodertem Kiel, und keiner wolle ihn haben, nicht Tod und nicht Leben. Kein Hafen, kein Ziel.

Die Briefe, die Flaschenpostbriefe erzählten von weidenden Schafen auf Wiesen ganz blau, kornblumenblau wie das Meer und saftgrün wie Gras. Schaumgeboren. Sie fragen: Was sind wir, wer? Ein leidendes Was, das uns träumt, das wir träumen? Ungeschoren schäumen die Wellen, sie branden heran, und dann im Brechen bäumen sich auf. Gerodet rollen sie aus. Verloren steht es dein Haus dort am Ufer. Am Fenster die Mutter. Sie ruft nicht mehr. Und ganz verschwommen verkommen im Schauen die Bilder, verendet im Schweigen die Sprache. Lautloses Beten. Betreten verboten warnen noch Schilder im Schlick. Wer hat dich geträumt? Wer lebt es dein Leben? Wofür sollst du sühnen? Wer schleppt sich dort über wandhohe Dünen und streut dir Sand in die Augen? Kein Blick, wohin einer schaut. Wüste, dir graut. Tust so, als wärest du fruchtbar, fruchtbares Land mit saftiger Scholle. Begehren, Gelüste, fruchtbare Erde, ein Apfelbaum. Und in der Krone, dem Fenster zum Himmel, da sitzt Frau Holle in deinem Traum mit Nadel und Zwirn, und aus dem Saum, den eine Hand auftrennt und die andere zunäht, rinnt Sand, und dann wieder regnet es schwarzweißen Schnee.

Es sei und es werde. O weh! Jetzt schnell. Noch vor dem Winter, dem übernächsten, schnell hinter die Berge. Du holst dich nicht ein. Vor dir bist du sicher. Du bist ganz dein. Verstehst du? Ganz dein. Ich gehöre, sagst du, gehorche nur mir, und so, Gott befohlen, kein Mensch, kein Tier, nur Wesen, das vom Sterben nichts weiß. Nicht Feen, nicht Zwerge, keine Märchen und Mythen.  Und so, ganz verstohlen, gerettet, um diesen Preis, baust du Altäre und schlachtest dein Selbst. Ich werde mich vorseh’n, sagst du, mich hüten wie meinen Bruder. Vater verzeih. Ich wäre nicht ich, und achtete dich, wäre ich frei.

Wer brütet, wer hütet, wer bringt es zum Bersten, dies Eine und Einerlei? Der Drache, geschlüpft aus dem Windei des Alls, dem Nichts und dem keinesfalls Ersten, der ohne Anfang ist und ohne Ende der Letzte. Er lache und hat gut lachen, denn solche Sachen wie Tod, den er schuf, der die Geschöpfe erschaffen aus Lehm, und sie mit Wasser benetzte, und selbst niemals stirbt, er hat seinen Ruf zu verlieren und wirbt. Und seine Werbung  für ewiges Leben? Wem nützt dieses tödliche Streben? Wie tief hinein ins Herz der Sprachen muss einer gehen auf allen Vieren, wie weit zurück, und an welchen Ort, wo Fleisch kein Wort war, sondern Fleisch? Was sieht er, was hat er zum Glück nicht gesehen? Was schläft da und schlief wie das Erz in den Schächten? Was rief dich und wenn, welcher Erdrandsiedler?  Kam es vom Wachen in langen Nächten, dass du so bang zu rätseln, zu deuten begannst? War es ein Singen, war es ein Lachen?

Ein Endlandfiedler war es. Das war es, der sang.

Es drang sein Kopf in den Kelch. Welch Lied ergab dieses Summen? Er hörte Enkidu verstummen, verworfen die blutrote Plastik aus Ton, ins Leben gehaucht, um zu sterben und als gestaltlose Masse neu verknetet zu werden. Auch Adam und Eva missglückte Modelle, geformt nach dem Bild, das noch sucht Seinesgleichen in brennenden Büschen, in menschferner Rasse auf andern Planeten, die auch einen Schöpfer, vielleicht seine Kelle anbeten, die achtlos am Bau lag, am Neubau von Babel, mit der täglich Kain den Abel erschlägt.

Du fragst. Ist alles nicht Tand? Selbst dein Glaube verstand, dass die Taube am Dach, der Ring am Finger, das Band im Haar und der Spatz in der Hand; Dass all dieses Sing! und all dieses Lachdoch! des Lebens noch lange nicht müde war, ist, und dessen nicht wird… in tausend Jahr nicht.

Wir jagen den Bären, den Großen, über Kimme und Korn im Harze der Wälder auf Straßen aus Milch; eine Stimme lockt uns in noch dichter‘n Wald, den Sagen zu lauschen vom Dornbusch und Schleier, und wie der Andromedanebel entstanden mag sein in kosmischer Nacht, und wie, noch schöner als alle, Kassiopaia ins All gepflockt worden, um über uns ihren Reigen zu tanzen; bald fanden wir uns im vorzeitlichen Schweigen: Allein.

Das Sein, das du suchtest, der Gral, der dich mied, das du, das dich flieht, der weiße Wal, dem über sieben Meere du folgtest, wäre nicht Ahab, dem du fluchtest, weil deinem Gott er zürnte, den zu lieben dir schwer fiel, weil’s keinen gibt und nie gab?

Was jagtest du, Ahab? Das löse das Rätsel? Wer gab es dir auf?  Bist du noch gut, wenn du weißt, du tust Gutes? Was wäre, wenn… denn es gibt ja ein jenseits von Böse: Die Zeit! Das Getöse der Glocken, die Uhren der Türme, die tanzenden Flocken aus Zahlen und blassgrünen Ziffern, die Zeitmesserstürme aus Fragen und Klagen, sie sei aus den Fugen. Sie schlagen seit jeher und schlugen sie tot. Sie verzeiht nicht. Das müsstest du wissen. Das hättest du wissen müssen. Zwischen zwei Küssen kann man schon sterben und tot sein für immer.

Wir erben das Morgen, das Gestern. Die Erben sind Schwestern. Sie teilen das Heute wie Bräute, die Schimmer und Schein des Festes für das ewige Sein nach der Hochzeit halten. Wir trennen uns nimmer?

Zwischen den Zähnen das Messer und frei die Hände, um besser zu tauchen bis zu dem Abyss, dem Ende, das einer nimmt, wenn das Lot, wenn das, was uns trimmt, wenn das Senkblei uns loted, das Leben uns tötet…

statt Sein findet statt unser Tod…

Als er zurück kam, befreit von den Leinen, aber mit totem Blick, der die Ewigkeit sah, war er ein and’rer geworden. Ihr Weinen hämmerte noch an sein Ohr. Wie Grubenlicht kam ihm die Sonne vor, und die Seinen, selbst sie, waren ihm fremd; so fremd wie Heimat ihm Fremde jetzt war. Das Leben hatte nicht mich, ich hatte ein Leben zwar wieder, doch eben noch irrt‘ ich, schreibst du, ein wütender Wand’rer zwischen den Zeilen im Alphabet; dort sollt‘ ich verweilen und mich verstecken und nicht ums Verrecken wollt‘ ich den Worten glauben, dem Abstand, dem Raum zwischen Stäben, den Orten vertrauen, wo sich Buchstaben keilen um Sinn, den sie rauben, wenn wir sie lesen. Es war und ist dafür schon immer zu spät gewesen.

Vom Schnürboden fiel auf die Bühne ein Stein. Wer weiß, wie viel von der Zeit, wie groß das Gewicht und wie weit der Kreis, wie viel Da- und kühnes Sosein noch gewesen sein wird…

Das Rechteck, das verblasste, an der Wand im Zimmer, zu der deine Welt geschrumpft war zwischen dem Jetzt und dem Nimmer, dieser Fleck an der Wand, der dich erinnern will an das Bild, das dort hing, bevor das Zimmer, die Welt, deine kleine, mit ihm Feuer fing, und so gefangen dich verbannte in das sich selbst verzehrende, verheerende Immer, das weder vom Anfang weiß, noch ein Ende je kannte. So wenig, wie dieses Bild nichts als sienaverbrannte Erde gezeigt hat im unteren Drittel, darüber so dunkel wie Montagblautinte die Tiefe des Himmels, den Titel verdiente: Ein Tag im Mai!, so oft und viel fragst du jetzt, wie lange es her sei, das Heute von damals,  dieses Vorbei…

Kaum hast du begriffen, oder glaubst begriffen zu haben, war’s wieder ein Traum nur: Das Schweigen von Fischen, von Lachsen, die gegen den Strom, dem schnellen, hinauf zu den Quellen sich kämpfen, um nach der Paarung zu sterben, dem Reigen, dem Ringen, dem Werben, wenn das Wort seine Heimat gefunden, seinen Ort, und in den Wunden sich badet, die es gebar, dort, wo es war, schon einmal, und die Geschichte begann, sich immer neu zu erfinden, denn so beginnen sie alle: Es war einmal… und wenden und winden sich dann, und fragen nicht wann, und wenn sie nicht, und leben noch heute, ohne zu enden, denn auch dort wartet nimmer das Wort, uns zu erlösen vom Wachen, vom Schlafen, vom Dämmern, vom Dösen.

Drum dieser Brief, der aus der Flasche dich rief, und die gellende Stille gleich einem Vorhang zerriss. Sinnschwer Gereimtes, Gesang einer Grille, sinnleer zusammen Geleimtes aus Selbstlaut und Mitlaut. Biss einer Schlange, die ihren Schwanz kaut. Ein Wurm, der sich würgt und häutet, bis etwas gelautet, bis ein Sturm geläutet und die Feuerwehr ausrückt und im Keime erstickt das Gereime und gutturale Gegröhl, und es löscht … und löscht es mit Öl.

Du Felsen im Sand, auf dem wir gebaut, wir Kinder am Ufer. Du dort und wir da. Du warst uns im Wort. Ich hab es, sagst du, gekaut und wieder und wieder gekäut. Hat’s dich gefreut? Dann war‘s Freude am Schaden, dein Gebäude aus Lügen, Speckmadenlügen:

Du hast es gesehen, das Leck in der Schiffswand. Du hast sie gesehen, die Hand am Abzug, du hast nicht gewarnt vor dem Fahrplanbetrug, nicht vor den Zügen, die auf der Strecke blieben im Nirgendwo, die Koffer am Bahnrand, Zeugen von letzten Reisen eisenbeschlagen auf Abstellgleisen und vollbeladen mit Bildern von besseren Tagen. So bildhaft wie Tintenblut und laut wie der Posaunen  Echo von Jericho. Du hörst es noch immer und willst es glauben: Alles wird gut. Alles wird gut.

Siehst du die Zwerge auf Flugeidechsen, die Drachen und Hexen, und auch das Einmalundeins kennst du, nicht wahr? Da war doch was und auf einmal keins. Was war es, was war? War es wahr? Du brachtest das Opfer. Du warst der Altar.

Sie wärmte dich gut, deine Angst, sie teilte mit dir auch den Mut, der dich gleichzeitig kühlte. Das ließ dich nicht kalt. Deine Wut war’s, die machte dich alt. Sie wühlte den Grund auf. Sie verraucht nicht. Niemals. Blas in den Lauf, sagtest du:  Kauf dir die Angst, die es braucht, nicht zu flieh’n!

Geschnürt bis zum Hals sahst du die Tage verrinnen und wie von Sinnen jagte dein Schmerz dich hinaus in die Welt. Geschient wie einer, der eben von einem Sturz sich erholt. Kurz: Am Stock, der die Trommel rührt, gehst du und schlägst mein Herz.

Setzt Fische aus, du, gedachte und fängst sie in Reusen, geträumten. Du musst tun, was er sagt. Sie lachte. Ich sah dich und ich war stolz, an meinem Tische saßest du, die übers Wasser gekommen war mit Inseln aus Holz. Dort am Stirnende bist du gesessen und lasest mir aus dem Buch, dessen Einband nach Brand roch, die Ecken verkohlt, als hättest du es aus einem Feuer geholt, und sei dir schon deshalb so teuer, dass es nichts gab, wofür du es tauschen wolltest.

Die knisternden Seiten, das dünne Papier, büttengeschöpft, der Einband aus Leder. Nur eine Zeile blieb mir, und noch heute kann ich von weitem das Rauschen hören der Zeder, die ein Sturm geköpft hat, und deine Stimme, ich hab‘ sie im Ohr: Ein Matrose auf Landgang, so begann die Geschichte, wankt sturzbetrunken durch eine Nacht in der Zukunft. Ich spann sie weiter mit fremder Feder und verlor mich mit ihm in die andere Welt. Ich sah dich noch winken. Du hast gewunken nicht wie zum Abschied man winkt, wenn jemand fortgeht.

Mögen noch tausend Sonnen sinken, eine genügt. Wenn sie gesunken, ist er da und du dort. Bestand gibt es nicht. Nichts besteht. Und doch: Es gibt noch ein Bleiben im Wort. Es könnte sich lohnen es auszusprechen und doch nicht zu sagen, es wäre wie auszubrechen und die Flucht nicht zu wagen. So stand und steht es geschrieben: Es war…und es sind sieben Siegel geblieben… es wird kommen der Tag…

Noch einmal…oder schon wieder… wir schreiben das Jahr, in welchem der Koch noch immer ausholt zum Schlag, während ein Held Tag um Tag dieses Loch sucht, das die Welt auf den Kopf stellt, um sich durch die schlosshohe Hecke aus Dornen zu kämpfen. Er flucht. Wir hören ihn fluchen, doch er weiß, dass sein Kuss sie erlösen wird, alle. Drum nimmt er’s auf sich.

Ein Wort nur, geflügelt: Es werde,  und es teilte sich Hecke und Erde, und hätte fast Hirte und Herde verschlungen, hätte nicht grade und eben eine Stimme von weit her geklungen, aus der Tiefe der Zeit: Ich bin die Wahrheit. Ich bin das Leben.  Nur Glaube befreit dich vom Streben nach Wissen, so heißt es und hieß es, doch alle die Fahnen, die wir aufzieh’n und hissen, und alle die Schwüre, die wir auf heilige Bücher und im Namen von Gottheiten leisten müssen noch immer, sind Meineid, und nimmer ist wahr, nur weil es lebt.

Du kommst ohne Sünde auf diese Welt. Lässt dich auf sie ein. Du bist kein Held, aber es bald schon leid zu feiern deine dumme Herrlichkeit, immer im Recht zu sein, und kannst das psalmodierende Leiern schon nicht mehr hören, dass gut sei deine Güte, so gut, dass nicht kann die Wasser sie löschen und die Ströme nicht überfluten. Du willst uns erlösen? Du willst mir vergeben? Du hängst die Ruten in alle Fenster, verwandelst Wasser in Blut und dieses in Wein, und ich soll rufen zu dir in der Not? Du willst mir vergeben? Was hab ich getan? Ich bin das Leben, sagst du. Nein! Du bist der Tod!

Scherben zerbrochen, der Krug und kein Brunnen, – kein Wasser, kein Wein. Abfahrt und Ankunft von Zügen, und Zug um Zug kein Bahnhof, nicht weit. Kein Fahrplan, kein Ticket einfach – zum Glück, gewesen zu sein, aber Zeit fürs Hin und keine zurück. Bilder, die rahmen das Fenster mit Seeblick zur blauen Kuh. – Alles Tapete. Dahinter die Zeitung, Blätter voll Noten: Ein letztes Du. Nur einer, der lacht: Der dritte von oben. Erst links, dann rechts gradaus ins Verderben. Scherben zerbrochen, der Krug und kein Brunnen – kein Wasser, kein Wein; Abschied auf nimmer das Wiedersehn mit den Toten.

Am Ende erzählt ein Bohrkern Geschichten von dem, was gewesen, und niemand, keiner mehr wird sie lesen. Er erzählt aber gern von den silurischen Tagen, die er vom Hörensagen noch kannte vor der Zeit nach dem Krieg, in welcher die Wächter des Werdens die Dammwache hielten, und ewigkeitshungrige Götter mit ihnen wie Mäuse und Katzen spielten, frei noch von Rache; ja, wie Katzen, die mit einem offenen Auge schlafen und mit dem geschlossenen jagen, so waren sie Freunde…

Die Linie flackert, die pulsierende grüne, die das Pochen des Herzens auf den Monitor zaubert, und es war angebrochen die tausendste Nacht. Und sie fuhr fort mit ihm sprechend, ihn ermahnend und tröstend. Glaub mir. Noch ist nicht gesprochen das letzte Wort.

Und dann? …

Wie schade. Der Morgen begann, und Scheherazade hielt in der ihr verstatteten Rede an, und keine Nacht folgte dem Jahr, denn sie hatte den Faden verloren, den rettenden roten, um fortzufahren, und sich um Kopf und Kragen geredet, der ihr geplatzt und für den das Seil schon geflochten war.