Es ist ja nicht so, dass…

Was ist nicht so?

Lass mich ausreden. Glaubst du etwa, dass das wirklich ich war?

architechture (8)Er hatte sich eben eine Zigarette angezündet. Es war seine erste an diesem Morgen, und wie jeden Morgen nach der ersten Zigarette schwindelte ihm so, dass er sich setzen musste. Das kommt von der Zigarette, nicht?, fragte sie schnippisch, ja fast schadenfroh, denn sie hatte vor wenigen Wochen aufgehört. …

Wer sonst soll es gewesen sein?, nahm sie den Faden wieder auf. Sie kannte ihn eben in- und auswendig. Immerhin waren sie jetzt schon über 20 Jahre ein Paar. Lassen wir es dabei!, bot sie ihm an.

Was lassen? Dieses Bild, das du von mir hast, so stehen lassen? Das könnte dir so passen, sagte er jetzt, obwohl er das eigentlich gar nicht sagen hat wollen. Aber er hatte es gesagt. Und schon war er da, der Streit, den er heute unbedingt vermeiden hatte wollen. Und auch die Kopfstimme hatte nichts besseres zu tun, als ihn darauf aufmerksam zu machen, dass sie ihm geraten hatte, diesen vermaledeiten Dialog nicht fortzuführen. Dümmlich, hast du gesagt, diesen dümmlichen Dialog, verbesserte er seine Stimme, die sich immer in alles einmischte. Wenigstens hier in seinem Kopf wollte er recht behalten.

Dabei hatte dieser Morgen eigentlich ganz friedlich begonnen. Sie war wie immer vor ihm aufgestanden, hatte den Kaffee zubereitet und einen üppigen Tisch gedeckt. Ihre blonden Haare waren noch nass von der Dusche und kringelten sich um ihre Stirn, was ihr ein keckes, beinahe jugendliches Aussehen schenkte. Beim Frühstücken hatte sie ihm ihren Traum erzählt und ihn gefragt, ob er für diese Bilder eine Deutung wüsste.

Ihr Traum handelte von dem Haus, in welchem sie aufgewachsen war.

Stell dir vor, es hat sich plötzlich losgerissen von seinem Grund und trieb wie ein Hausboot auf Stromschnellen dahin. Ich habe aus dem Fenster geschaut, der Boden hat unter meinen Füßen geschaukelt, und du bist am Ufer gestanden und hast gewinkt.

Was habe ich? Gewinkt?

Wie man jemandem zum Abschied eben winkt, hat sie gesagt. Ja, da gab es eigentlich nicht viel zu deuten. Er hatte sie im Stich gelassen. Wieder einmal. Ihr droht Gefahr. Wahrscheinlich ist sie auf einen Wasserfall zugerast mit ihrem Haus und ihm ist nichts besseres eingefallen als zu winken. Sieht ihm ähnlich, wird sie gedacht haben.

Wie hab ich denn drein geschaut?, wagt er einen letzten Versuch. Es hätte ja sein können, dass sie auf seinem Gesicht so etwas wie Schrecken oder gar Entsetzen hat ablesen können. Das hätte das Bild von einem lediglich winkenden Mann etwas entschärft.

Vielleicht habe ich auch nur wild gestikuliert, weil ich in deinem Traum ahnte, worauf das Haus auf den Stromschnellen ruderlos zugesteuert ist, versuchte er es noch einmal. Nein! Ich habe sicher nicht teilnahmslos gewinkt.

Doch das hast du, sagte sie kauend. Du warst absolut teilnahmslos.

Der Traum hatte Spuren hinterlassen, das stand fest. Der Tag war schon am Morgen nicht mehr zu retten. Das stand auch fest.