Ich nehme eine Leiter und lehne sie an den knorrigen Stamm eines Mandelbaumes mit vielen weit ins Land ausladenden Ästen. Ich steige die Stufen der Leiter hoch, bis ich in seiner Krone bin. Ich weiß zwar nicht, wie ein Mandelbaum ausschaut, aber ich stelle ihn mir als einen sehr schönen Baum vor. Jetzt weißt du, dass dies in meinem Kopf geschieht. Das macht dir aber nichts aus. Wenn du willst, nehme ich dich mit und du stehst neben mir auf der letzten Sprosse, denn es ist eine Leiter mit breiten Sprossen, die auch dir Platz geben. Du stehst also mit mir auf dieser Leiter, hast die letzte Sprosse erklommen und schaust nun über einen Flickenteppich aus grünen Wiesen und braunen abgeernteten Feldern. Das geschieht alles in deinem Kopf. Du kannst dir das gut vorstellen. Wenn die Leiter noch eine Sprosse mehr hätte, nur eine Sprosse mehr, könntest du den rotbackigen Apfel pflücken, ein Gruß vom letzten Herbst, oder ein letzter Gruß aus einer längst vergangenen Jahreszeit. Warum aber in einem Mandelbaum ein Apfel zu pflücken sein soll, wird dir erst klar, nachdem du dich wieder daran erinnert hast, dass dies alles in deiner Vorstellung geschieht. Nicht im Traum hättest du dir das einfallen lassen können. Nicht einmal im Traum hängen Äpfel in einem Mandelbaum, obwohl das ein schöner, ein vorstellbarer Traum wäre. Der Apfel ist für uns nicht erreichbar. Wir beide würden einen tiefen Fall mit hartem Aufprall riskieren, vielleicht von Ästen gebremst, die uns aufhalten wollen. Wir dürfen gar nicht an die Folgen denken. Wir tun das auch nicht. Wir konzentrieren uns auf den Apfel. Er ist uns versprochen, sonst wäre er nicht da, oder? Du kennst die Aufgabenstellung von Werbestrategen. Du schaffst dir einen Kundenavatar. Er ist um die 50, mittelständisch, bis auf seinen Teint und den Akzent, keine nachweisbare Spur von irgendeinem Migrationshintergrund. Er ist verheiratet, hat ein Kind im Vorschulalter, eine Wohnung, hat eigentlich alles, was man vom Leben erwarten darf. Nein, musst du sagen. Ihm fehlt etwas, von dem er zwar nichts weiß, aber wenn er es weiß, wird er erst wissen, was ihm gefehlt hat und alles daran setzen, dieses Fehlende zu erwerben. Es ist aber nicht käuflich. Es ist etwas, von dem er nicht gewusst hat, dass es das überhaupt gibt, aber seit er weiß, dass es das gibt, musst er es um jeden Preis haben. Der Apfel, der ja schon im Paradies zum Symbol der Verführung geworden ist, ist aber keineswegs ein Symbol. Er hängt da, groß und rot wie die Sonne, und fordert dich auf, ihn zu pflücken. Aber er ist unerreichbar. Das muss er auch sein. Sonst würden wir jetzt ganz sicher nichts unternehmen. Ich höre deine Stimme in meinem Kopf: Das geht schief. Der Preis, der mögliche Preis, den ich dafür bezahle, ist zu hoch. Will ich wegen eines Apfels den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen? Aber ich beruhige dich und jetzt hörst du meine Stimme in deinem Kopf: He Kumpel, wir stellen uns das alles doch nur vor? Was ist schon das bisschen Schwerkraft? Es wäre doch gelacht, wenn wir sie nicht überwinden könnten. Wir brauche dazu keine Flügel. Vielleicht würde es ein Kescher auch tun, aber das ist zu einfach. Wir wollen diesen Apfel mit der Hand pflücken, stimmt’s? Also, was hält uns davon ab, es einfach zu tun? Nur unsere Angst. Es ist aber eine eingebildete Angst. So wie dein Mandelbaum ein eingebildeter Mandelbaum ist, hältst du entgegen. Jetzt nämlich sprichst du mit mir. Das tust du, weil ich es mir eingebildet habe. Schöne Einbildung, sagst du jetzt. Du warst schon immer witzig, oder hast mit deinen Wortspielen geglaubt, es zu sein. Der Witz ist: Es funktioniert. Während du dich noch immer fragst, was zu unternehmen ist, um zu diesem Apfel zu gelangen, habe ich ihn schon längst gepflückt. Und nicht nur das. Ich habe ihn schon gegessen. Nein: Natürlich werde ich ihn mit dir teilen. Wie hast du das gemacht?, fragst du, und deine Augen sind tellergroß. Du kannst es einfach nicht glauben. Damit hattest du verdammtnochmal recht. Denn jetzt liege ich in einem Spital. Meine Füße und Hände sind geschient. Das habe ich nun davon. Du aber leider auch, denn du liegst neben mir. Du hast eine Kompressionsbandage im Gesicht. Die konkaven Stellen bei Nase und Auge sind mit einer Pelotte unterpolstert. Frag mich nicht, was das ist, aber es schaut entsetzlich aus. Wir haben die Schwester gebeten, dass sie das Zimmer abdunkelt der Kopfschmerzen wegen. Außerdem schützen uns die heruntergelassenen Rollos nicht nur vor der Sonne, sondern vor den elektromagnetischen Strahlen. Die nämlich wollen uns einen Mandelbaum vorgaukeln, der direkt vor unserem Fenster steht. In seiner Krone hängt – für uns beide unerreichbar – ein Apfel. Er tut das aus purem Zynismus. Er tut das, um sich über uns lustig zu machen. Das stellen wir uns so vor oder es ist unsere Einbildung. Mit dem Rollo von Luxaflex aber hat er keine Chance. Die geben wir ihm einfach nicht mehr. Wir sind ganz schön eingebildet, oder?