Selten habe ich eine Altstadt vorgefunden, in welcher Mittelalter und Moderne eine so stimmige Symbiose eingegangen sind. Ich spreche vom Kern der estnischen Hauptstadt Tallinn. Dazu tragen nicht nur die
BewohnerInnen bei, die in den historischen Kostümen von damals auf ihren Ständen ihre Ware feilbieten oder in die überaus gediegenen Restaurants oder Schenken einladen, in denen milieugerecht Met in Tongefäßen ausgeschenkt und Elchragout in Pfannen serviert wird, sondern die bestens erhaltenen oder aufwendig restaurierten, spitzgiebeligen Gilden- und Kaufmannshäuser aus der Zeit der Hanse,  die mächtigen von vielen Türmen bewehrten Stadtmauern, die vielen Kirchen: Eine Bilderbuchkulisse.

Wenn man die Augen schließt, kann man die Hufe der Pferde auf dem Katzenkopfpflaster hören, das Hämmern eines Schmiedes, einen vielstimmigen Choral von Mönchen in einem Konvent, das Klimpern von Kreuzern auf dem Tresen einer Schenke, das Kreischen von Seemöwen, die über der Stadt kreisen in der Hoffnung auf Beute, ein Hund, der anschlägt und so das Einlaufen eines Hanseschiffes ankündigt, das im Hafen von Reval seine Waren an einem Knotenpunkt der Bernsteinstraße umzuschlagen gekommen ist.
Übergangslos vom Herbst in den Winter geraten, sind Kirchen und Museen neben Gasthäusern und Cafes – alle mit W-LAN ausgerüstet – die „Hotspots“, in denen man der Kälte draußen wegen gerne länger verweilt. Übrigens wurde Skype in Estland erfunden und überhaupt ist der elektronische Zahlungsverkehr, die computerisierte Verwaltung bis hin zur Wahl im Internet nicht Zukunft, sondern Realität. Aber es ist noch immer kalt und es empfiehlt sich der Aufenthalt in einer Kirche. In der mit den Wappen baltisch-deutscher und polnischer Großgrundbesitzer bis zur Decke geschmückten Domkirche zB. spielt jemand eben auf der großen Orgel und entlockt ihr wasserfallartige Tonkaskaden, die im weiträumigen Kirchenschiff auf die wenigen Besucher niederregnen, um in Erwartung weiterer Akkordfolgen so langsam zu verhallen, als würde nicht der Organist, sondern die angeschlagenen Noten selbst überrascht sein von ihrer Verweildauer und klanglichen Fülle. Aus manchen Wappen sind die Namen derer ausgekratzt, die 1919 nach der ersten großen Landreform vertrieben worden sind.
Geschichte auf  Schritt und Tritt.
Bei einem Besuch im Stadtmuseum erfahren wir mehr über diesen leidgeprüften Landstrich, der auf Grund seiner geostrategischen Lage zum Spielball und oft zur Beute der benachbarten Mächte, der Schweden, Dänen, Deutschen, Polen, aber vor allem der Russen geworden ist. Die Museumsangestellte jedenfalls, – eine betagte Person -, macht kein Hehl daraus, dass sie die 50 jährige Besatzungszeit von Stalin bis Gorbatschow als Gefängnis erlebt hat, das trotz der späteren Bemühungen um ein menschlicheres Antlitz schwer zu ertragen gewesen sei.
Der Anschluss an die EU und die Ausrichtung nach dem Westen im Baltikum hat nach dem Zerfall der Sowjetunion mit seinen lockenden Steuervergünstigungen und neoliberalen Marktstrategieen für ausländische Joint-venture Unternehmen ein günstiges Investitionsklima geschaffen, das Land wurde als Superstar unter Osteuropas aufstrebenden Wirtschaften gefeiert, es boomte und wollte als E-Stonia international reüssieren; das aber liegt schon länger zurück. Nach der Party kam der Kater und der dauert an.  Die Einführung des Euro 2011 – also  mitten in der Finanzkrise – präkarisiert vor allem die nicht mehr Aktiven zunehmend. Lehrer zB. verdienen hier im Schnitt das, was in Österreich als Existenzminimum gilt. Pensionisten müssen bei Preisen, die sich von denen bei uns nicht unterscheiden, mit wesentlich weniger auskommen. Das alles wird erst  sichtbar, wenn man die Innenstadt und das hypermoderne Rotermanni Viertel verlässt.