Dass die Pubertät ein schleichender Prozess war, daran wird sich jeder erinnern können. Irgendwann war er abgeschlossen, der Stimmbruch vollzogen, das für die Körpergröße zuständige Zellwachstum eingestellt, die Pickel waren vernarbt, die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale soweit ausgebildet, dass der Energieaufwand, der betrieben werden musste, sie zu übersehen, jenem in die Quere kam, der sie ihrer finalen Bestimmung wegen zur Geltung bringen wollte. Aber der Prozess war abgeschlossen. Kann sein zu früh, weil mittendrin, aber es kann auch sein, dass er zwar als abgeschlossen betrachtet wurde, während er noch anhielt und übergangslos sich mit einem anderen überlappte, den als zweiten schleichenden zu erkennen auch erst gelingt, nachdem die ihn begleitenden Veränderungen über das Feedback der mitleidlosen Umwelt einem selbst bewusst geworden sind.  Ich spreche vom Altwerden und benütze absichtlich nicht das politisch korrekte Neusprech, das diesen Prozess nur im Komparativ beschreiben will und auch nicht davor halt gemacht hat, Altersheime eufemisierend als Seniorenresidenzen zu bezeichnen, in denen „best agers“ oder die generation 70 + von ihren Enkerln umringt in Alben blättern und so die Idylle von Hochglanzbroschüren nachstellen, während sie in Wirklichkeit schon den „Zettel am Zeh haben“ und schon „so sunil und knapp an der Dominanz dran sind, dass sie morgen schon Brot sein könnten“.
Jeder erfährt diesen  schleichenden Prozess des Altwerdens anders. Natürlich hört man gern, dass man noch nicht so alt ausschaut, wie man das auf Grund des Baujahrs aus „anno Knirsch“ eigentlich schon müsste, und natürlich bist du ag- und noch lange nicht se-nil, und könntest, wenn du gut aufgelegt bist, weil du dich drein gefunden hast, dein Alter mit „Anfang Ranzig“ angeben, wenn du nicht heute von deiner Bank einen Brief bekommen hättest, der dich auffordert eine S-Bestattungsvorsorge abzuschließen, um die Angehörigen zu entlasten. Dabei werde ich erst 65. Wenn man das pc (political correctness) satt hat und maso veranlagt ist, kann man sich ja unter Jugendliche begeben. Ein Discobesuch kann da heilend sein: „Jetzt kommen die schon zum Sterben her! To old to Rock’n Roll, to young to die“. Sie nennen dich ungeniert einen Komposti mit überschrittener MHD und fragen einander, ob du vielleicht „Moos auf dem Rücken“ hast, und finden das lustig. Wenn sie ganz nett sind, übersetzen sie dir das MHD mit „Mittlerer Haltbarkeitsdauer“ und tun so, als würden sie dich davon ausnehmen, überschlagen sich mit Komplimenten, von denen eines schlimmer wie das andere ist. Nachdem ich mein Alter preisgegeben habe, sagt eine: „So jung, da schießt mir glatt die Milch ein!“ Disco ist also defintiv out.

Mein ganzes prämortales Leben lang habe ich gewusst, dass ich mit jedem Tag älter werde, niemand aber hat mich darauf vorbereitet, dass ich alt werde. Es beginnt  damit, dass man dich fragt, wie du das machst, so jung auszuschauen, und am nächsten Tag gehst du mit deiner „Lebensabschlusspartnerin“ in eine Ausstellung, willst die Tickets zahlen, und die Tante hinter dem Tresen sagt lakonisch: Einmal normal, einmal Senior, macht ?€. Ausstellungen auch out. Definitiv. Lieber drei Mal den Betrag von Normal als der für  Senioren reduzierte Preis.
Naja. Irgendwann gibt man den Widerstand auf und fügt sich drein. Aber toll finden werde ich das nie und nimmer. Ruhestand? Probier einmal stehend zu ruhen oder ruhig zu stehen. Wie lang hältst du das aus? Welche Gedanken kommen dir da? Ruhe+ Stand. Stillstehen und ruhig sein! Stillstand. Warum gibt es für Ruhestand kein beschönigendes Neusprech? Es gibt ihn für alle tabuisierten Bereiche. Ein Mistplatz kann zum Entsorgungspark mutieren, warum nicht  Ruhestand zur prämortalen  Antizipation des ewigen Friedens? Alt werden ist ein Prozess, der nie abgeschlossen, sondern vom Tod unterbrochen wird. „Altsein ist nicht schön“, wird meine Mutter mir bei jedem Besuch zu erklären nie müde. Ab wann ist man alt und wird es nicht mehr?